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TELEPOLIS21.03.2008Deutsche Standortpflege Peter Nowak Warum sich Josef Ackermann, Attac und Lafontaine einmal fast einig sind Vor einigen Monaten wäre man noch ausgelacht worden, wenn man darauf gewettet hätte, dass sich der Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann und das globalisierungskritische Netzwerk Attac einmal einig sind. Schließlich galt Ackermann den Globalisierungskritikern als einer jener "gierigen Manager", denen Attac den Kampf angesagt hat. Doch vor wenigen Tage war aus dem Munde des Chefbankiers erstaunliches zu hören: "Banken allein können die Situation nicht mehr retten." Dann kam der Satz, der ihn fast zum Attac-Ehrenmitglied machen könnte. "Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes." Tatsächlich wurde Ackermann von Stephan Schilling, Mitglied des Attac-Koordinierungsrates, sofort unterstützt (1): "Sektoren, wie die Bankenbranche, die ganze Volkswirtschaften in Gefahr bringen, gehören unter demokratische Kontrolle", meinte er. Wenn man weiß, dass Ackermann bisher immer ein unermüdlicher Propagandist der freien Marktwirtschaft ohne große staatliche Gängelung war, ist man im ersten Augenblick verwundert. Ist ein verfrühtes Osterwunder geschehen? Es handelt sich hier nur um einen eigentlich ganz häufigen Vorgang. In Zeitalter von Krisen sucht das Kapital Schutz und Rettung im Heimathafen, der im Zeitalter der Globalisierung auch Standort genannt wird. Hier wird eben immer ganz sinnfällig die Frage beantwortet, an denen sich Kapitalismuskritiker seit Jahren abquälen. Braucht der Staat im Zeitalter der Globalisierung eigentlich noch einen Nationalstaat. Der FAZ, die am Mittwoch leicht ironisch titelte "Politik und Banken rufen in der Krise nach dem Staat", kann man entnehmen, was Ackermann vom deutschen Staat verlangt. Es sei an der Zeit, das Übel an der Wurzel zu packen, und das sei der amerikanische Hypothekenmarkt. Die Vereinigten Staaten müssten versuchen, ihren Häusermarkt zu stabilisieren. "Wir haben nicht die Zeit zu warten, bis der amerikanische Häusermarkt über die Jahre das Ungleichgewicht abbaut. Es braucht eine konzertierte Aktion von Banken, Regierungen und Notenbanken." Es ist nun wahrlich keine Erfindung Ackermanns, die zyklischen kapitalistischen Krisen der USA zuzuschreiben und den Schutz des deutschen Standortes einzuklagen. Dabei kann er sich großer Zustimmung bis in Kreise der Sozialdemokratie in ihren beiden aktuell agierenden Formationen sicher sein. Tatsächlich erklärte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ganz im Sinne von Ackermann, dass Politik und Banken in Deutschland "zur Bewältigung einer der größten Finanzkrisen in den letzten Jahrzehnten" zusammenarbeiten müssten. Einer seiner Vor-Vorgänger im Amt, der heutige Linksparteichef Oskar Lafontaine, ist hier nicht weit von seinem ehemaligen Parteifreund entfernt. Schon vor Zuspitzung der US-Hypothekenkrise machte er sich für Steuersenkungen der Europäischen Zentralbank stark und verneinte Inflationsgefahren. Stefan Frank unterzieht diesen Politikansatz in der Monatszeitschrift Konkret einer vernichtenden Kritik von links: "Lafontaine macht Propaganda im Sinne der Banken. Ihren gruseligen Bilanzen würden Zinssenkungen zugute kommen. Ihre Profitmargen würden steigen. Lafontaines seit 25 Jahren gleichlautende Ratschläge an die Zentralbank basieren auf dem Credo des Herrn Josef Abs: Was gut ist für die Deutsche Bank, ist auch gut für die Bundesrepublik Deutschland." Auch hier lassen sich überraschende Wendungen konstatieren. Lafontaine, dem häufig eine verkürzte Kapitalismuskritik nachgesagt wird, in der die Banken und die Spekulationsgewinne als Krisenursachen herhalten müssen, wird auf einmal als Freund der Banken kritisiert. Selbst der größte Antipode einer staatlichen Lenkung der Wirtschaft die FDP will da nicht abseits stehen. Die Bundesregierung muss sich dafür stark machen, eine internationale Regulierung von Derivaten, Hedge Fonds und Private Equity-Fonds auf den Weg zu bringen", erklärte FDP-Chef Rainer Brüderle. "Beide Mahnungen kennt man aus Pressemitteilungen von Gewerkschaften und linken Politikern. Aus dem Munde eines Liberalen klingen sie ungewohnt. Vertrauen auf die Selbstregulierung freier Märkte? Nicht mit der FDP", lästert die SPD-nahe Frankfurter Rundschau (2). Bevor aber die ganz große Volksgemeinschaft ausbricht, hat Ackermann schon seine Worte nachinterpretiert (3). Es sollte eben nicht der Eindruck entstehen, er rede einer demokratischen Kontrolle des Bankensektors das Wort. Er wollte auch keinesfalls die Funktionsfähigkeit der Marktwirtschaft infrage gestellt haben. Allein, dass es bei Ackermann einer solchen Klarstellung bedurfte, ist erstaunlich. Neuer Gesellschaftskitt Nun wäre es zu kurz gegriffen, den Ruf nach dem Staat nur unter ökonomischen Gesichtspunkten zu sehen. Sicherlich ist die Hypothekenkrise eine Zäsur, die der Ifo-Chef Sinn, der Papst der Neoliberalen, mit den Worten "Die Party ist aus" kommentierte (4). Doch wichtiger ist es führenden Wirtschaftskreisen, die Krise zu nutzen, um den inneren Zusammenhang des Standorts Deutschlands zu stärken. Dass es damit zur Zeit nicht gut bestellt ist, konnte man der aktuellen Ausgabe (5) des Manager-Magazins entnehmen. "Zerstört der Super-Kapitalismus die Demokratie" lautet die Überschrift und auf dem Titelblatt prangt eine große Heuschrecke, das vielkritisierte Lieblingssymbol all derer, die meinen, etwas gegen den Kapitalismus zu haben. "Das Vertrauen schwindet - in die Wirtschaft, in die Politik, in die Zukunft", heißt es in fast alarmistischen Ton. ."Wenn es so weitergehe, dann könne es auch hierzulande zu Tumulten mit brennenden Autos kommen wie in den französischen Vorstädten", wird Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zitiert. In diesem Ton versuchen die Autoren Wolfgang Hirn und Henrik Müller auf mehr als 10 Seiten das Klientel des Manager-Magazins aufzurütteln. Am Ende aber gibt es doch einen Schuss Optimismus: "Demokratische Gesellschaften haben sich letztlich als stabiler erwiesen, auch ökonomisch. ... Aber auch das ist klar: Der Vorsprung der Demokraten kommt nicht von Ungefähr. Stets auf Neue müssen sie ihren Gesellschaftsvertrag erneuern." Der Soziologe Heinz Bude macht sich in einem Gespräch (6) mit Claus Offe ähnliche Gedanken. Er sieht in grün-schwarzen Bündnissen "Raum für neue Denkweisen. Dort verbinden sich allerdings die alten und neuen "Eliten", während die da unten", die sich teilweise noch auf die beiden sozialdemokratischen Parteien SPD und die Linkspartei stützen, bleiben draußen: "Das Drama der Exklusion geht inzwischen quer durch die ganze Gesellschaft. Die einen leben in der Welt der Chancen, und die anderen sind in die Welt des Ausschlusses geworfen. Und kein Wirtschaftswachstum kann über die Spaltung hinwegtäuschen zwischen denen, die sich sicher sein können, dass ihre Stimme zählt, und jenen, die da Empfinden haben, dass es auf sie nicht mehr ankommt." In dieser Situation bietet sich die Standortpflege als der Gesellschaftskitt an. Da kommt die US-Hypothekenkrise wie gerufen.
LINKS
(1) http://www.attac.de/aktuell/presse/presse_ausgabe.php?id=867 (2) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/?em_cnt=130590 1& (3) http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E3076BF4E85 FB4BB5862CE8967E19C9AB~ATpl~Ecommon~Scontent.html (4) http://www.handelsblatt.com/News/Konjunktur-%D6konomie/Konjunktur/_pv/_p /200053/_t/ft/_b/1405667/default.aspx/die-party-ist-vorbei.html (5) http://www.manager-magazin.de/magazin/inhalt/0,2828,4263,00.html (6) http://www.fr-online.de/top_news/?em_cnt=1305844& |