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TELEPOLIS 07.03.2008CDU und Grüne: "Wir haben sie domestiziert" Peter Nowak Während die SPD-Vorsitzende Ypsilanti in Hessen einen Rückzieher macht, kann die CDU eine erste grün-schwarze Koalition als ihren späten Sieg verkaufen Die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti (1) will sich nun doch nicht mit den Stimmen der Linkspartei zu hessischen Ministerpräsidentin wählen lassen. Nachdem die hessische Abgeordnete Dagmar Metzger erklärt (2) hatte, aus Gewissensgründen nicht für Ypsilanti stimmen zu können, war ihr klar geworden, dass sie sich nicht auf die Abgeordneten ihrer Partei verlassen kann. Das war schon vor Metzgers Ankündigung deutlich geworden. So forderte der hessische SPD-Vize und Ypsilanti-Konkurrent Jürgen Walter ein verbindliches Tolerierungsabkommen von der Linkspartei. Das aber wäre der innerparteilichen Debatte nicht vor dem 5. April möglich gewesen. An diesen Tag wählt der hessische Landtag einen neuen Ministerpräsidenten. Wenn es dazu nicht kommt, bleibt Roland Koch geschäftsführend im Amt ( Das Parlament als Regent (3)). Koch kann sich jetzt als Gewinner sehen. Auch wenn es Ypsilanti nicht auf die Probe aufs Exempel ankommen lassen wollte, ist sie jetzt in der Defensive. In Hessen ist jetzt alles möglich. Es könnte zu einem Austausch (4) Ypsilantis durch Jürgen Walter (5) und danach zur Bildung einer großen Koalition ebenso wie zu baldigen Neuwahlen kommen, bei denen Koch eine Revanche der letzten Wahlniederlage erhofft. Auch eine Jamaika-Koalition zwischen CDU, FDP und Grünen ist möglich. Die Entwicklung in Hamburg könnte einer solchen Konstellation entgegen kommen. Vom Bürgerschreck zum Unternehmer des Jahres 1999 In Hamburg haben Grüne (6) und CDU (7) mit den Koalitionsverhandlungen begonnen. Die Konservativen geben sich ob ihrer neuen Regierungsmöglichkeiten fast euphorisch. Bei den Grünen (8) zeigen manche ihre parteitypische Zerrissenheit. Da aber die überwiegende Mehrheit der GAL-Wähler ihre linke Phase lange hinter sich gelassen und sich zu arrivierte Mittelständlern gemausert haben, fühlen sie sich in einer schwarz-grünen Koalition recht gut aufgehoben. Der ehemalige Linksaußen und heutige Grün-Schwarz-Befürworter (9) Corny Littmann kann hier als Prototyp gelten. "Es geht da nicht um Sympathie. Schwarz-Grün ist aus vielerlei Gründen politisch richtig und notwendig. Eine solche Koalition hätte alle Chancen, die Stadt voranzubringen", meinte der im Jahre 1999 zum "Hamburger Unternehmer des Jahres 1999" gekürte Ex-Bürgerschreck. Seine Argumente haben im Unterschied zu denjenigen, die wieder mal ihre Zerrissenheit betonen, wenigstens eine gewisse Stringenz. Da die Hamburger SPD (10) in vielen Politikfeldern die CDU teilweise sogar noch rechts überholt hatte, muss jemand, der mit der SPD koalieren kann, auch für die Union offen sein. Deswegen haben auch profilierte linke GAL-Mitglieder der 80er Jahre die Partei schon verlassen, bevor es zu ernsthaften Vereinbarungen mit der SPD kam. Dafür stehen Namen wie Thomas Ebermann (11) und Rainer Trampert. Mit der Partei jener Jahre hat die heutige GAL nur noch das Kürzel gemeinsam. Auf der Bezirksebene lief die Zusammenarbeit zwischen CDU und GAL schon in den letzten Jahren reibungslos (12). Schon deswegen dürfte es nicht schwer sein vorauszusagen, dass trotz mancher tränenreicher Parteiaustritte am Ende die erste schwarz-grüne Koalition unter Ole von Beust starten wird. Das Beispiel dürfte auch bald in anderen Bundesländern Schule machen. Schlag nach bei Agnoli Die Grünen haben nach Ansicht des CDU-Politikers und Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (13) jenen Test bestanden, der nach den Thesen des Politologen Johannes Agnoli (14) zentral für das Kooptieren oppositioneller Kräfte ins politische System ist: --Das Parlament hat die Grünen domestiziert. Die Grünen sind gestartet mit dem ausdrücklichen Anspruch, keine Partei zu sein und um Gottes willen nie eine zu werden. Sie verstanden sich als Bewegung und Anti-Parteien-Organisation. Aber natürlich sind sie Partei geworden mit allen Segnungen des Parteiengesetzes und der natürlichen Inanspruchnahme von Steuerfinanzierung und rechtlichen Privilegien. Sie sind in das System integriert worden, das sie herausgefordert haben. Die parlamentarischen Strukturen haben sich also offenkundig als durchdachter und bewährter erwiesen, als die Grünen es zunächst wahrhaben wollten. Insofern ist ihre 25-jährige Geschichte im Bundestag auch ein Adelsprädikat für unser parlamentarisches System.-- Norbert Lammert im Interview (15) Auch für die Linke mochte Lammert eine solche Entwicklung nicht ausdrücklich ausschließen. Zumindest was das äußerliche Erscheinungsbild anbelangt, sind die heutigen Spitzenfiguren der Linkspartei nicht mit den ersten grünen Abgeordneten zu vergleichen, die zum 25jährigen Jubiläum gerne wieder einmal ins Bild gerückt werden (16). Während man den meisten Abgeordneten der Linkspartei ihre Vergangenheit aus den Gewerkschaftsbüros oder anderen Behörden ansieht, sahen die ersten Grünen aus, als kämen sie direkt aus der Freien Republik Wendland oder ähnlichen Protestorten ins Parlament. Vom Öko zum Loha Auch Peter Unfried bekannte (17) unlängst in der Tageszeitung, dessen stellvertretender Chefredakteur er ist, in jungen Jahren einen "Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber" und lange Haare getragen zu haben. Heute will er als ökologisch bewusster Mittelständler allen ideologischen Ballast der Vergangenheit hinter sich lassen. --Es ist einfach Zeit für ein paar Korrekturen. Weniger zurückblicken, komplette Überarbeitung einer diffusen Gegenkultur- und Kapitalismuskritikvorstellung. Nicht mehr Bedeutung für das eigene Leben in Popsongs suchen. Ich habe auch zu oft das Bild des toten Benno Ohnesorg angeschaut. Kommt nichts mehr raus dabei.-- Statt dessen geht es jetzt um Schadstoffe in den Lebensmitteln, um den Wechsel zu einem Stromanbieter, der seine Energie zumindest nicht aus dem heimischen Atomkraftwerk bezieht, und um den Kampf gegen alle vermeintlichen Störer des persönlichen und nicht mehr des gesellschaftlichen Wohlbefindens. --Neue Ökos entstehen derzeit in diversen Schichten, Milieus und Gruppen der Gesellschaft. Sie können sich aus Lifestylegrünen entwickeln, aus Ernährungsbewussten, aus Hedonisten, aus CSU-Wählern, aus jungen Engagierten, aus Älteren, die gerade aus der Rushhour des Lebens rausgekommen sind und den Kopf jetzt frei haben.-- Die Werbewelt hat für diese Konsumentengruppe auch schon einen eigenen Namen samt Kürzel kreiert. Ss sind die Lohas oder Lifestyle of Health and Sustainability (18). Eine schwarz-grüne Liaison dürfte bei vielen von ihnen auf Zustimmung stoßen. Hinzu kommt der veränderte Stellenwert ökologischer Aussagen, worauf linke Teile der Umweltbewegung aufmerksam machen. War beispielsweise die Forderung nach der Errichtung eines Windparks vor 30 Jahren fast revolutionär, rennt die Umweltbewegung heute mit dezentralen Energiekonzepte offene Türen ein. Dieser Wandel ist aber nicht in erster Linie ein umweltpolitischer Lernprozess, wie es viele Grüne darstellen, sondern eine Folge der Umorientierung von der energieintensiven, schwerfälligen Fabrik, wie sie im Fordismus typisch war, hin zu global vernetzten schlanken Konzernen, die die Anregungen aus der Umweltbewegung dankbar aufgreifen. Auch in diesem Punkt dürften die Barrieren zwischen Grünen und CDU fallen und eine Zusammenarbeit erleichtern.
LINKS
(1) http://www.andrea-ypsilanti.de/.net/html/-1/welcome.html (2) http://www.faz.net/s/RubEA30294A29CF46D0B1B242376754BC09/Doc~E2E32260901 A9433CB6FBD9C006E462ED~ATpl~Ecommon~Scontent.html (3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27173/1.html (4) http://www.handelsblatt.com/News/Journal/Kommentar/_pv/_p/204051/_t/ft/_ b/1401078/default.aspx/ypsilanti-muss-weg.html (5) http://www.juergen-walter.info/ (6) http://www.gal-hamburg.de/cms/default/rubrik/0/9.htm (7) http://www.cduhamburg.de/ (8) http://www.gal-hamburg.de/cms/default/dok/222/222338.gruene_beschliessen _gespraeche_mit_der_c.htm (9) http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/schwarz-gruen-ist-keine-liebe sehe/?src=HL&cHash=5ae194a392 (10) http://www.spd-hamburg.de/ (11) http://www.freitag.de/2005/02/05020301.php (12) http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?r essort=sw&dig=2007%2F12%2F15%2Fa0182&src=GI&cHash=03f6c0a7a7 (13) http://www.norbert-lammert.de/ (14) http://www.graswurzel.net/281/agnoli.shtml (15) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1299131&s id=975655cf584a53f1fe6deecbaea5ab72 (16) http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-9139/gruene-im-bundestag_aid _264019.html (17) http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?r essort=do&dig=2008%2F03%2F01%2Fa0007&src=GI&cHash=081acfa01b&type=98 (18) http://www.lohas.de/ |