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TELEPOLIS 02.12.2008Hoffnung auf die nächsten Wahlen Peter Nowak Die Merkel-Kritiker in der Union bleiben vorerst in Deckung - und die SPD macht sich selbst überflüssig Mit dem zweitbesten Ergebnis ihrer Amtszeit ist Angela Merkel am Montag vom CDU-Parteitag (1) als Parteivorsitzende wieder gewählt werden. Ein solches Ergebnis war im Vorwahljahr absehbar. Doch wer in den letzten Wochen die Zeitungen gelesen hatte, muss sich über dieses Ergebnis wundern. Konnte man doch immer wieder lesen, wie sehr die Kanzlerin in den eigenen Reihen unter Druck steht, einer schnellen Steuersenkung zuzustimmen. Die Steuerdebatte sorgte allerdings schon seit Monaten für Mutmaßungen über die Geschlossenheit der Union (siehe Wieviel Populismus darf's denn sein? (2)). Dabei wurden reale Differenzen und zeitweilige Interessensunterschiede schnell zu grundsätzlichen Konflikten aufgebauscht. So wurde vor der Bayernwahl die Auseinandersetzungen zwischen der CSU und der CDU genau so zum Grundsatzstreit erklärt, wie in den letzten Wochen die Stimmen der unterschiedlichen Interessengruppen bei den Konservativen. Am Ende bleibt nur festzustellen, dass es auf dem Parteitag nicht zum großen Showdown gekommen ist. Dass war spätestens am Wochenende klar geworden, als sich die Unionsspitze einmütig hinter Merkel und die von ihr vertretene Steuerpolitik gestellt hat. Die kann sich dann umso deutlicher als Politikerin profilieren, die sich von aktuellen Ereignissen nicht vom Kurs abbringen lässt. Zielgruppe ehrbarer Kaufmann. Forderung: verstärkte Aktivierung von Erwerbslosen Einig ist man sich darin, das Thema Steuersenkungen zum wichtigsten Wahlkampfmotto der Unon zu machen. Wo absehbar ist, dass die Union im Wahljahr nicht mit guten Wirtschaftsdaten punkten kann, hofft man mit der Steuersenkung ein zugkräftiges Thema gefunden zu haben, mit dem auch den ungeliebten Koalitionspartner vorführen kann. Die Differenzen der letzten Wochen bestanden auch nicht daran, ob man die Kampagne fährt, sondern ab wann die Kampagne für die Steuersenkung losgetreten werden soll. Während Merkel und die Mehrheit der Union das Steuerthema für den Wahlkampf aufsparen wollten, forderte die Minderheit, mit der Kampagne schon zu Jahresbeginn zu anzufangen. Dafür hat auf dem Parteitag noch einmal der scheidende CDU-Wirtschaftspolitiker und Merkel-Kritiker Friedrich Merz (3) geworben. Doch auch Politiker wie der Vorsitzende der Jungen Union und Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder (4) stellten sich auf die Seite von Merkel. Mißfelder befürchtet, dass eine Steuersenkung in der großen Koalition mit für ihn nicht akzeptablen sozialpolitischen Zugeständnissen an die SPD verbunden wäre. Er nennt ausdrücklich die Erhöhung der Hartz IV-Sätze, die er vehement ablehnt. Mißfelder hofft, mit einem Steuersenkungswahlkampf eine Mehrheit mit der FDP zu erreichen, um dann das vor vier Jahren noch von Merz wesentlich formulierte Steuerprogramm umsetzen zu können. Mit einer Absage an sozialpolitische Zugeständnisse befindet sich Mißfelder im Konsens mit der Union. In ihrem einstimmig beschlossenen Leitantrag (5) (PDF) - Titel: "Die Mitte - Deutschlands Stärke" - wurde der mittelständische "ehrbare Kaufmann" als Ansprechpartner für das Programm der Unon genannt. In dem Leitantrag wird auch eine verstärkte Aktivierung von Erwerbslosen gefordert. Keynes in der Union Dem widerspricht auch nicht, dass Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wenige Tage vor dem CDU-Parteitag in einem Interview (6) seine Partei zu einem Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik aufgefordert hat: --Natürlich sollten wir das Ziel einer Haushaltskonsolidierung nicht aufgeben. Aber kurzfristig müssen wir etwas anderes machen, nämlich den richtigen Politik-Mix finden. Dazu gehört neben der klassischen Angebotsorientierung nun eben auch eine starke Nachfragepolitik. Dem sollte sich die Union nicht mehr verschließen, wir müssen umdenken - ja sogar durchaus keynesianisch. Einen ähnlichen Lerneffekt gibt es doch auch beim Sachverständigenrat.-- Jahrelang haben gewerkschaftsnahe Ökonomen in ihren Wirtschaftsmemoranden (7) für eine nachfragestärkende Wirtschaftspolitik geworben und wurden dafür als Keynesianisten gescholten. Spätestens seit dem Rücktritt von Oskar Lafontaine vom Amt des Bundesfinanzministers galt das fast als Schimpfwort. Doch seit der Banken- und Wirtschaftskrise ist alles anders. Plötzlich werden Milliardenbetrage hin- und her rangiert, der Staat als Akteur im Wirtschaftsprozess wieder offen propagiert und das Staatsziel Schuldenabbau spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. War in den vergangenen Jahren im Schul- und Sozialbereich mit dem Verweis auf leere Kassen nur noch gekürzt und gestrichen worden, stehen plötzlich zur Rettung der Banken gigantische Summen zur Verfügung. Deshalb war Schäubles Interview auch keine große Überraschung und steht auch nicht im Widerspruch zur Botschaft der CDU. Schließlich können Geringverdiener, Erwerbslose und Rentner kaum von einer Steuerentlastung profitieren. Die würden eher von einem Ausbau der sozialen Versorgung profitieren, die jedoch weder gewollt noch mit einer umfassenden Steuerentlastung zu vereinbaren ist. Am zweiten Tag des Parteitags wird sich die Union noch einmal mit der Vergangenheit der Ost-CDU befassen. Auch über diese Frage gab es in den letzten Wochen Kontroversen, doch auch hier ist kein grundlegender Dissens zu erwarten. Schon lange ist die Frontstellung klar: Auf der einen Seite stehen ehemalige DDR-Bürgerrechtler, auf der anderen ehemalige Funktionsträger der Blockpartei CDU. Nun hat ein führender Politiker der schwächelnden Sachsen-SPD das Thema im Vorfeld des 20 Jahrestages des Mauerfalls noch einmal aufgerollt und dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (8) für dessen Zeit als Ost-CDUler Systemnähe vorgeworfen (siehe Mut zur Veränderung in Sachsen (9)) und damit Resonanz bei Teilen der konservativen Presse (10) gefunden. Damit hat auch die Union erstmals unmissverständlich deutlich gemacht, dass die Ost-CDU Teil des DDR-Systems war. Diese Worte sind schon nötig, damit die Union den Jahrestag des Mauerfalls als Waffe gegen die Linkspartei und eine SPD, die sich angeblich nicht entschieden genug von ihr distanziert, nutzen kann. Auf dem Parteitag haben Merkel, mehr aber noch Politiker aus der zweiten Reihe schon ihre Kostproben geliefert. Zumindest das Medienecho zeigt, dass die Parteitagsregie weitgehend aufgegangen ist. Zwar wurde in Merkel Parteitagsrede jeglicher Enthusiasmus vermisst, der bei der Abschiedsrede von Merz noch einmal aufgekommen (11) ist. Aber ansonsten konstatierte man, dass der Streit, den man vorher herbeigeredet hat, auf dem Parteitag ausgeblieben ist. Pleiten, Pech und Pannen bei der SPD Das reicht für die Unon, solange sie die SPD in ihrem aktuellen Zustand zum Gegner hat. Von der mit der Nominierung des Kanzlerkandidaten Steinmeier und der Reinstallierung von Müntefering propagierten Aufbruchstimmung ist jedenfalls nichts mehr zu merken. Im Gegenteil setzten sich eher Pleiten, Pech und Pannen fort. Da wurde z.B. die hessische Regierungsübernahme in letzter Minute verhindert und die Landespartei geht in einen vermutlich verlustreichen Wahlkampf. Das ökologische SPD-Zugpferd Hermann Scheer (12) zieht sich zurück. In Hamburg scheiterte (13) mit Niels Annen (14) einer der bundesweit bekannteren sozialdemokratischen Nachwuchspolitiker durch eine Intrige des rechten Parteiflügels bei seiner erneuten Nominierung für den Bundestag. Der unter Computer-Experten als Überwachungskritiker profilierte SPD-Politiker Jörg Tauss (15) wird abserviert (siehe Jörg Tauss wurde SPD-Fraktion zu unbequem (16)) und schließlich verläßt auch noch der Schröderianer Wolfgang Clement die Partei und greift Müntefering an. Solange die SPD solche Nachrichten am laufenden Band produziert, hat die CDU leichteres Spiel. Doch der Schock des schlechten Wahlergebnisses der letzten Wahl ist noch nicht wirklich vergessen. Sollte das Wahlergebnis im nächsten Jahr wieder nur für eine große Koalition reichen, wird der Unmut an der Basis zunehmen. Dann könnte Merkel tatsächlich die Probleme bekommen, die bislang in den Medien nur herbeigeschrieben worden sind.
LINKS
(1) http://www.stuttgart08.cdu.de (2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28103/1.html (3) http://www.friedrich-merz.de/ (4) http://www.philipp-missfelder.de (5) http://www.stuttgart08.cdu.de/wp-content/uploads/2008/12/081201-beschlus s-mitte-deutschlands-staerke.pdf (6) http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/in-der-krise-muss-die-cd u-keynesianisch-denken;2099004 (7) http://www.memo.uni-bremen.de/ (8) http://www.stanislaw-tillich.de (9) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27727/1.html (10) http://www.welt.de/politik/article2806506/Stanislaw-Tillichs-geschoenter -DDR-Lebenslauf.html (11) http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1228063766339.shtml (12) http://www.hermannscheer.de/ (13) http://www.stern.de/politik/deutschland/:SPD-Fl%FCgelpr%FCgel-Johannes-K ahrs/646157.html (14) http://www.niels-annen.de/ (15) http://www.tauss (16) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29242/1.html |