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TELEPOLIS10.06.2008Wieviel Populismus darf's denn sein? Peter Nowak Der Streit um die Steuerpolitik der Unionsparteien macht deutlich, dass die Union ein Jahr vor der Bundestagswahl gegenüber der SPD im Vorteil sein mag, eine bürgerliche Mehrheit aber längst nicht sicher ist Eigentlich müssten sich die Unionsparteien ein Jahr vor den nächsten Bundestagswahlen in einer komfortablen Lage befinden. Schließlich befindet sich der ungeliebte Koalitionspartner SPD weiterhin im Umfragtief ( Auf dem Weg zur 20-Prozent-Partei (1)). Auch die Frage der Kanzlerkandidatur ist noch immer ungelöst. Der Vorschlag (2) des grünen Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit (3), doch Franz Müntefering zum Kanzlerkandidaten zu machen, lässt auch etwas von der Verzweiflung der Grünen deutlich werden, die die Option einer Regierung mit der SPD wegen deren Schwäche in weite Ferne gerückt sehen. Dann wird mit Müntefering sogar ein Politiker der Schröder-Ära ins Gespräch gebracht, der alles andere als ein Freund der Grünen war. Doch viele machen sich bei den Grünen nicht mehr so große Gedanken um die Personalpolitik der SPD. Sie sehen im Zustand dieser Partei eher einen Grund, sich auch für Bündnisse mit der CDU zu öffnen. Auch diese neue Beweglichkeit könnte die Union als Pluspunkt für sich verbuchen. Schließlich hat selbst der konservative Flügel der Partei das Bündnis mit den ungeliebten Grünen zähneknirschend akzeptiert, während die SPD-Hoffnungsträgerin Ypsilanti beim Versuch, sich mit den Grünen und der Linkspartei zur hessischen Ministerpräsidentin wählen zu lassen, zumindest bislang gescheitert ist. Schon beim ersten Versuch wurde aufgegeben, weil eine Abgeordnete nicht mitzieht. Dann wurde die Parole ausgegeben, dass sei alles nicht so schlimm, man könne auch ohne den Ministerpräsidentenposten in Hessen über das Parlament sozialdemokratische Inhalte umsetzen. Kaum kann man mit dieser Strategie einen Erfolg feiern, weil man auf parlamentarischen Weg die Studiengebühren abgeschafft hat, kommt prompt die kalte Dusche. Weil in dem Gesetzestext der entscheidende Passus zur Abschaffung der Studiengebühren fehlt, muss am 17. Juni das hessische Parlament noch mal abstimmen ( Roland Kochs Störfeuer (4)). Die enttäuschte Parlamentsmehrheit kann den kommissarischen Ministerpräsidenten Koch jetzt noch so laut anklagen (5), den Fehler bemerkt und nicht genannt zu haben. Der SPD wird die Panne spätestens bei einem erneuten Wahlkampf wieder vorgeworfen. Darauf aber steuert Koch hin, der sich dadurch eine neue Regierungsmehrheit mit der FDP erhofft. Auch hier also Entwarnung auf Seiten der Union. Taktische Uneinigkeit Doch die Union steht knapp ein Jahr vor den Wahlen nur im Vergleich mit dem desolaten Zustand der SPD besser da. Die Berichterstattung der am Montag zu Ende gegangenen Klausurtagung der Unionsparteien (6) zeigt, dass von einer Siegesstimmung aber auch hier keine Rede sein kann. Viel eher hat man den Eindruck, dass auch in der Union ein Jahr vor den Wahlen ein neuer Streit ausgebrochen ist. An der Frage der Pendlerpauschale (7) wird sogar eine Spaltungslinie gesehen. Tatsächlich konnte sich die CSU mit ihrer Forderung die Pendlerpauschale zu erhöhen, nicht durchsetzen. Die realen Ergebnisse der Klausur waren mager. Geeinigt hat man sich außerdem auf die Erhöhung des Kindergeldes, so wie es die CSU gefordert hatte. Doch dieser Schritt hätte nach der Vorlage des Existenzminimumberichts im Herbst aller Voraussicht nach ohnehin angestanden. Der Betrag der Arbeitslosenversicherungsbeitrag soll von 3,3 auf 3,0 Prozent abgesenkt werden. Allerdings sollte man bei allen Berichten über den Dissens innerhalb der Union den Stellenwert der Auseinandersetzung nicht übertreiben. Das Verhältnis der beiden Unionsparteien zeichnete sich immer durch heftige, auch öffentlich ausgetragene Konflikte aus. Franz Josef Strauß probte sogar einmal den Ernstfall und kündigte die Fraktionsgemeinschaft auf, musste aber wenige Wochen später klein beigeben. Heute ist die CSU gar nicht mehr in der Lage, mit einem solchen Alleingang zu drohen. Ihr Einfluss auf die Bundespolitik ist spätestens mit dem Abgang von Edmund Stoiber gesunken. Mit der Vorlage eines eigenen Steuerkonzepts und der Profilierung als Steuersenkungspartei will die CSU ihre bundesweite Wahrnehmung wieder vergrößern. Gegenüber dem bayerischen Wahlvolk kann sie damit auftrumpfen, dass sie bis zum Schluss heldenhaft für schnelle Steuersenkungen gekämpft hat. Dabei geht es allerdings auch nicht in erster Linie um einen Streit zwischen CSU und CDU. Auch innerhalb der CDU gibt es für solche Forderungen große Unterstützung, sowohl beim Mittelstands- als auch beim Arbeitnehmerflügel ( Später Sieg der Reagonomics? (8)). Auch der Unions-Nachwuchs hat sich der Forderung angeschlossen (9). Auf der Klausurtagung bekräftigte der Chef des Arbeitnehmerflügels Karl-Josef Laumann (10) noch einmal seine Unterstützung für die Wiedereinführung der Pendlerpauschale und verwies auch auf die großen Belastungen vieler Beschäftigter durch die hohen Spritpreise. Auch der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (11) stellte sich grundsätzlich hinter die Steuersenkungspläne der bayerischen Schwesternpartei. Nun muss auch Müller im nächsten Jahr Landtagswahlen überstehen. In Saarland hat sogar die Linkspartei unter dem Müller-Vorgänger Lafontaine gute Chancen auf ein gutes Wahlergebnis. Selbst die CDU muss dort Abwanderungen fürchten. Die Linkspartei fordert ebenso wie die FDP und der DGB die Wiedereinführung der Pendlerpauschale (12). Heftige Kritik (13) kam hingegen von den Grünen, die die Wiedereinführung unter Umweltgesichtspunkten für fatal halten. Es ist kein Zufall, dass die CSU, die vor entscheidenden Wahlkämpfen steht, die bei bestimmten Zielgruppen beliebten Forderungen nach Steuererhöhungen oder die Aufstockung der Pendlerpauschale lauter äußern als Angela Merkel, die immerhin noch mehr als ein Jahr die ungeliebte große Koalition moderieren muss. So heißt (14) es denn auch in der Zeit über die Taktik der CSU: "die Parteiführung bemüht sich mittlerweile nicht einmal mehr, den Anschein zu erwecken, es gehe bei ihrer Politik um Maßnahmen, die sachlich richtig und deswegen wünschenswert seien. Stattdessen wird ganz offen diskutiert, womit man wohl die meisten Wähler gewinnen könne." Spätestens im nächsten Jahr, muss sich auch die Union insgesamt darauf verständigt haben, was der Wähler hören will. So hat man sich auf der Klausurtagung darauf verständigt, Steuersenkungen im kommenden Frühjahr in einem gemeinsamen Wahlprogramm für die Zeit nach 2009 festzuschreiben. Leitmotiv soll (15) das CSU-Motto "Mehr netto vom brutto" werden. Diese Vorgehensweise ist aus Sicht der Union recht rational. Im nächsten Jahr werden auch die Ergebnisse der Landtagswahlen in Bayern ausgewertet sein, die mit der Forderung nach Steuersenkungen geführt wurde. Hat die Kampagne Erfolg - und als Erfolg für die CSU würde bei der aktuellen Situation schon gelten, wenn sie mit der FDP die absolute Mehrheit erreicht -, wird die Frage der Steuersenkungen schnell das zentrale Unionsmotto der Bundestagswahlen werden. Hoffnung auf bürgerliche Mehrheit Das Problem ist nur, irgendwann ist der Wahlkampf wieder zu Ende und dann hat man Mühe, die großen Versprechungen mit den Parteienkonstellationen in Einklang zu bringen. Denn die Unionspolitiker wissen auch, dass es nicht unwahrscheinlich wäre, wenn das Wahlergebnis im Jahr 2009 keine Alternative zur Fortsetzung der ungeliebten Koalition ließe. Massive Steuersenkungen, wie sie der CSU und Teilen der CDU vorschweben, würde es aber nur in einer Koalition mit der FDP geben. Hinter dem ungeduldigen Drängen auf solche inhaltliche Festlegungen steht auch der Flügel der Union, der möglichst schnell einen Lagerwahlkampf wie 2005 durchsetzen will. Die Hoffnung, über die Steuerdebatte die damals verfehlte bürgerliche Mehrheit doch noch zu bekommen, ist hier groß. Dann könnte man auch in der Umweltpolitik endlich eigene Akzente setzen. Die Union bekräftigte auf der Klausurtagung noch einmal ihren Willen zur Nutzung der Atomkraft als Teil eines Energiemix. Diese Positionen sind in der Union nicht neu. Da sie aber so deutlich wiederholt wurden, zeigt jedoch, dass man in der Union weiter auf eine bürgerliche Mehrheit setzt und die Kooperation mit den Grünen nicht an erster Stelle steht. Wenn die Wahlergebnisse auch im nächsten Jahr wieder keine bürgerliche Mehrheit zulassen, wird man solche Positionierungen schnell wieder in den Schubladen verschwinden lassen. Wie das geht, hat man im Jahr 2005 gesehen .Doch klar ist auch, dass die Glaubwürdigkeit der Union dadurch nicht wächst. Wird die bürgerliche Mehrheit auch 2009 verfehlt, dann dürfte auch die Kritik an der Führungsrolle von Merkel lauter werden. Merkel ist zur Zeit bei allem Streit in vielen Fragen in beiden Unionsparteien noch unangefochten. .Das hat die Unon ihren ungeliebten Koalitionspartner immerhin voraus. Doch die momentane Debatte in der Unon zeigt auch die Verunsicherung in den Unionsparteien. Es ist nicht erster Linie der Streit über die Steuerpolitik oder gar zwischen den beiden konservativen Schwersternparteien, der den Parteispitzen zu schaffen macht. Es ist die Erkenntnis, dass die Krise der Repräsentation auch die Union nicht verschont und dass das momentane Desaster der SPD daher auch nicht wirklich Grund zur Schadenfreude ist.
LINKS
(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28074/1.html (2) http://www.journalportal.de/news_einzeln.php?n_id=3657 (3) http://www.cohn-bendit.de/ (4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28081/1.html (5) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1347481 (6) http://www.cdu.de/doc/pdfc/080609-beschluss-cdu-csu.pdf (7) http://www.tagesschau.de/inland/union12.html (8) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27935/1.html (9) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,558456,00.html (10) http://www.karl-josef-laumann.de/ (11) http://www.peter-mueller.de/ (12) http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,543067,00.html (13) http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/lafontaines-breitbandlob byismus/?src=MT&cHash=cd6885fea5 (14) http://www.zeit.de/online/2008/24/CSU-CDU-Klausur?page=2 (15) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/idw_dlf/772630/ |