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ND14.03.2008Aus der Mitte der Gesellschaft
Von Peter Nowak
In einer Zeit, in der man emanzipatorische linke Kritik auch an den Hochschulen nur noch in Spurenelementen antrifft, steigt die Bedeutung von Burschenschaften und anderen studentischen Verbindungen. Allerdings dürfen Studentenverbindungen nicht alle über einen Kamm geschoren werden. So nimmt eine kürzlich erschienene Broschüre des AStA der Universität Frankfurt (Main) und der autonomen antifa (f) nicht nur die studentischen Verbindungen, sondern auch ihre Gegner kritisch unter die Lupe.
Dabei betonen die Autoren der Broschüre, dass ihrer Meinung nach studentische Verbindungen nicht am rechten Rand, sondern in der Mitte der Gesellschaft verankert sind. Deswegen seien die übertriebene Zuspitzung und Skandalisierung im Kampf gegen die studentischen Verbindungen kontraproduktiv; es sei falsch, die Verbindungsstudenten zu Nazis zu erklären.
Die Autoren haben Recht. Sicherlich kann nicht geleugnet werden, dass es Schnittstellen zwischen Burschenschaften und der extremen Rechten gibt. Doch wenn man die Kontakte ins rechte Lager in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung rückt, geraten schnell die gesellschaftlichen Bedingungen aus dem Blick, die Burschenschaften für ihre Zielgruppe attraktiv machen. Die studentischen Verbindungen gehören zu den Ideologieproduzenten der bürgerlichen Eliten. Dazu gehören Nationalismus, Standesdünkel und Elitedenken.
Die viel geschmähte 68er- Bewegung war auch in Westdeutschland einmal mit dem Ziel angetreten, diese Basiskategorien der bürgerlichen Gesellschaft anzugreifen. Damals sind auch die studentischen Verbindungen in die Defensive geraten. Mit dem gesellschaftlichen Backlash erhielten auch die Burschenschaften wieder Auftrieb. Eine grundlegende praktische und theoretische Kritik an den studentischen Verbindungen müsste Gesellschaftskritik sein und könnte an die besten Traditionen der 68er-Bewegung anknüpfen.
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.