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ND11.01.2008Aus Hoffnung wurde Wut
Ein Film dokumentiert den Streik bei Bosch-Siemens in Berlin 2006
Von Peter Nowak
»Es geht nicht nur um unsere Haut« ist der Titel einer neuen Dokumentation, die der Belegschaft des Berliner Haushaltgerätewerks bei ihrem 26-tägigen Arbeitskampf folgt. Filmemacher Holger Wegemann war mit seiner Kamera mittendrin im Geschehen.
Es wird mehr gestreikt in Deutschland. Diese Meldung war zu Jahresbeginn in den Medien zu lesen. Wer denkt da nicht zuerst an den Ausstand der Lokführer? Nicht mehr so präsent wird vielen dagegen der Streik der Belegschaft der Bosch-Siemens-Hausgerätewerke (BSH) im Herbst 2006 in Berlin-Spandau sein.
Jetzt gibt es Gelegenheit, sich an diesen Arbeitskampf neu zu erinnern. Der Filmemacher Holger Wegemann hat die Streikenden von Beginn bis zum Ende begleitet, die Kamera dokumentiert die Diskussionen bei der längsten Be- triebsversammlung der BRD, an deren Ende am 19. September der Streik beschlossen wurde. Zuvor hatte die Konzernleitung die Schließung des Berliner Werks zum Jahresende 2006 angekündigt.
Der Film macht deutlich, was die Menschen bewegt, in den Streik zu treten. Ihre Befürchtungen und Ängste, aber auch ihre Hoffnungen werden deutlich. Denn der BHS-Streik war eben mehr als das obligatorische Stehen um Feuertonnen mit Gewerkschaftsumhängen. Die Arbeiter haben die Zeit genutzt, um mit Referenten und Gästen im Betrieb täglich über ihre wirtschaftliche Situation, über das Leben unter Hartz IV sowie über Alternativen zur Werksschließung zu diskutieren.
Die Streikenden bekamen so wieder Mut und das Vertrauen, den Konzernbeschluss doch noch kippen zu können. Sie suchten die Öffentlichkeit: Mit dem Marsch der Solidarität wurden Kontakte zu anderen von der Schließung bedrohten Werken geknüpft. Dadurch bekam der Arbeitskampf plötzlich eine bundesweite Bedeutung. Die Solidaritätserklärungen und die Zuversicht der Streikenden wuchsen.
Doch der Film zeigt auch den Moment, als die Hoffnung in große Wut und Enttäuschung umschlug. Die IG-Metall, die den Ausstand logistisch unterstützt hatte, setzte auf einen Kompromiss und ließ den Solidaritätsmarsch kurz vor dem lange geplanten Ende vor der Bosch-Siemens-Zentrale in München absagen. Die offizielle Begründung lautete, dass eine geringe Teilnahme befürchtet wurde.
Wegemanns Aufnahmen fangen dagegen die Sichtweisen der Streikenden ein: Viele von ihnen sind der Überzeugung, dass die Gewerkschaft eher eine neue Dynamik fürchtete, die von einem erfolgreichen Solidaritätsmarsch ausgegangen wäre. Am Ende richtete sich der Zorn vieler Streikender gegen die IG-Metall-Funktionäre. Wutentbrannt wurden ihnen Streikumhänge und manchmal auch Mitgliedsbücher der Gewerkschaft vor die Füße geworfen, als das Streikende bekannt gegeben wurde. Der Stimmungswandel drückt sich auch in Zahlen aus. Während 94 Prozent der Belegschaft für den Streikbeginn stimmten, votierte nur noch ein Drittel für das Ergebnis, dokumentiert der Film. Trotzdem war damit das nötige Quorum erreicht. Die Befürworter der Einigung sahen es hingegen als Erfolg, dass zumindest 400 der 600 Arbeitsplätze bis 2010 erhalten bleiben sollen.
Der Streifen macht deutlich, dass der Filmemacher sich im Mittendrin der Arbeitsniederlegungen der Belegschaft bewegte und die Streikenden mit deutlicher Sympathie begleitete. Er ist mehr als die Erinnerung an einen Arbeitskampf, der für viele längst wieder vergessen ist. Er regt zu Diskussionen an, zum Beispiel über die Frage, ob es künftig auch wieder Arbeitskämpfe geben kann, die nicht auf halben Wege abgebrochen werden.
»Es geht nicht nur um unsere Haut«, Holger Wegemann, Deutschland 2007, 81 Minuten; DVD für 15 Euro bei www.videowerkstatt.de