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TELEPOLIS17.10.2008 Fast einig in der Krise Peter Nowak Nicht nur die Parteien rücken angesichts der Bankenkrise eng zusammen und beschwören ein neues Deutschlandgefühl "Man könnte diese Tage der Gemeinsamkeit nutzen, um das neue Deutschland-Gefühl auszutesten". Diese Schlagzeile stammt nicht aus den Tagen der letzten Fußballweltmeisterschaft sondern aus der Tageszeitung "Die Welt" vom vergangenen Donnerstag. Tatsächlich scheint die Bankenkrise auf verschiedenen Ebenen für ungewohnte Harmonie gesorgt zu haben. In der großen Koalition, die sich gerade noch über die Reform der Erbschaftssteuer hoffnungslos zerstritten hatte, winken das milliardenschwere Rettungspaket im Rekordtempo durch. Nur eine Personalie trübte (1) kurzfristig die Harmonie. Die SPD reagierte verschnupft als Bundeskanzlerin Merkel den ehemaligen Chef der Deutschen Bank Hans Tietmeyer (www.hanstietmeyer.de/2000bisheute.html ) für den Posten eines Beraters für die Neuregelung des Finanzmarkt benannte. Kurz danach trat er gleich wieder zurück. Der erklärte neoliberale Tietmeyer wäre in Zeiten der Krise schwer zu vermitteln gewesen. Bei der Abstimmung über das Rettungspaket gab es am Freitag auf der politischen Bühne ungewohnte Harmonie. Der Bundesrat (2) stimmte in seltener Einstimmigkeit (3) zu. So unterschiedliche Politiker wie der hessische Noch-Ministerpräsident Roland Koch und sein Berliner Kollege Klaus Wowereit kämpften für eine Zustimmung und lobten sich selber für das Krisenmanagement. Am Vortag waren Konfliktpunkte über die Aufteilung der Lasten zwischen Bund und Ländern geklärt worden. Zwar bleibt es bei der Lastenverteilung von 35 Prozent für die Länder und 65 Prozent für den Bund, aber das Haftungsrisiko für die Länder wurde auf 7,7 Milliarden Euro beschränkt. Die Länder haften bei den Landesbanken. Am Freitagvormittag waren im Bundestag (4) schon die Floskeln von der "Sternstunde der Demokratie" besonders häufig strapaziert worden. Außerdem wurde von Politikern der großen Koalition betont, dass mit dem Rettungsplan einer Gefahr für Deutschland vorgebeugt werde. Schließlich wurde das Paket dort mit 476 Ja-Stimmen gegen 99 Ablehnungen und einer Enthaltung angenommen.. Neben den Parteien der großen Koalition gab auch die FDP ihre Zustimmung, obwohl sie im Detail Kritik an dem Notprogramm hatte. Parteichef Westerwelle hatte vor Tagen den Ton schon vorgegeben, als er bekundete (5), aus patriotischer Verantwortung dem Programm zuzustimmen. Die Abgeordneten von Linkspartei und Grünen stimmten im Bundestag gegen das Rettungsprogramm. Sie wollten damit in erster Linie vor einer Aushöhlung der Mitbestimmungsrechte des Parlaments warnen und nicht generell das Paket verwerfen. Das zeigte das einstimmige Votum im Bundesrat. Schließlich hätten Grüne und Linkspartei über die Länderregierungen, an denen sie beteiligt sind, eine Enthaltung durchsetzen können. Die Linkspartei-Spitze gab sich in den letzten Tagen betont staatsmännisch. Besonders Oscar Lafontaine, der immer als besonders populistisch verschrien war, spielte die Rolle des Bundesfinanzministers a.D. Diese moderate Linie war an der Parteibasis keineswegs unumstritten. Gerade in Zeiten der Bankenkrise sollte die Linke stärkere antikapitalistische Akzente setzen, lautet die Forderung der innerparteilichen Kritiker. Kritische Töne zum Bankenrettungsprogramm kamen von den Grünen. Die Banken müssten (6) für das Rettungsprogramm "maximale Gegenleistungen" erbringen. Ob sie damit der Linken ihr Selbstverständnis als Oppositionspartei streitig machen kann, ist aber auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik zu bezweifeln. Allerdings ist schon deutlich, dass sich die Grünen mit Neuzugängen wie Sven Giegold (7) vom globalisierungskritischen Netzwerk attac wieder stärker als Oppositionskraft zu profilieren versuchen. Kapitalismus neu erfinden Doch nicht nur auf parlamentarischer Ebene ist angesichts der Bankenkrise ungewohnte Harmonie ausgebrochen. Auch manche langjährige Unterstützer außerparlamentarischer Bewegungen geben sich ungewöhnlich staatstragend. So sieht der Publizist Matthias Greffrath.jetzt die Chance, den Kapitalismus mit zu gestalten (8). "Seien wir also realistisch, stellen wir die Systemfrage nur im Lektürekreis und fordern wir das Unwahrscheinliche, aber Notwendige: die staatlichen Rettungsaktionen zu verbinden mit dringlichen Investitionsprogrammen", so Greffrath, der zu Millenniumsbeginn einer der Stichwortgeber der globalisierungskritischen Bewegung war. Doch jetzt setzt er scheinbar auf neue Bündnispartner. --Während die Jusos, die Junge Welt, Attac oder andere Machtzuschauer jetzt die "Systemfrage" wiederkäuen, sind einige Akteure des "Systems" schon weiter. Thomas Meyer etwa, der Chefökonom der Deutschen Bank für Europa, plädiert neuerdings, so wie die Sprecherin des Repräsentantenhauses der USA, Nancy Pelosi, für ein "gigantisches, schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm" - für Staatsinterventionen also, die weit über Bankenreparatur hinausreichen. Angesichts solcher keynesianischen Erweckungserlebnisse wächst der Bedarf an Politikern und Meinungsführern, die solche Vorschläge "nicht links oder rechts nennen: das ist die Sprache von Erstsemestern" (F. D. Roosevelt), sondern in den Rahmen eines globalen New Deals stellen.-- Auch der parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium und SPD-Politiker Michael Müller sieht in der Krise eine Chance (9): "Weil es immer bestimmte Situationen in der Geschichte gibt, wo sich Konstellationen, Ideen, Probleme und Personen verbinden. Eine solche Phase wird jetzt möglich. Statt immer nur über Krisenmanagement zu reden, müssen wir eine neue Vision für den Wiederaufbau suchen." Was im Zentrum dieser Vision stünde, verschweigt Müller nicht: Europa als "wirtschaftsökologischer Motor" in Abgrenzung zur USA. Der Politiker sieht also in der Krise die Chance, den Einfluss der USA zu minimieren. Er steht damit nicht allein. Allerdings kennt auch eine neue Regulationsphase des Kapitalismus, die den Neoliberalismus ablösen soll, Gewinner und Verlierer. Die Gewerkschaften dürften zu letzteren gehören. Schon werden die Mahnungen lauter, angesichts der Krise müssten die Lohnforderungen moderat ausfallen. "Die IG-Metall sitzt mit ihrer Lohnforderung in der Konjunkturfalle", heißt (10) es etwa in der Frankfurter Rundschau. Allgemein könnte man sich fragen, ob zur Finanzkrise die Rettungs-Metapher auch deswegen so ausgiebig strapaziert wurde, um eben das neue Wir-Gefühl auszutesten. In Zeiten einer drohenden Rezession, der Umwelt- und Klimakrise und von außenpolitischen Krisenherden könnte es bald wieder Gelegenheit zu neuen "Rettungsaktionen" geben.
LINKS
(1) http://www00.heise.de/tp/blogs/8/117414 (2) http://www.bundesrat.de/ (3) http://www.bundesrat.de/cln_090/nn_8538/DE/presse/pm/2008/150-2008.html? __nnn=true (4) http://www.bundestag.de (5) http://www.guido-westerwelle.de/?wc_c=395&wc_lkm=37&id=11187&suche=Weste rwelle,%20Dr.%20Guido (6) http://dcrs-online.com/gruene-wollen-gegenleistung-fuer-staatliche-banke nrettung-200830303 (7) http://www.sven-giegold.de.vu/ (8) http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ress ort=me&dig=2008%2F10%2F16%2Fa0173&cHash=72a08d7a9d&type=98 (9) http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ress ort=wu&dig=2008%2F10%2F16%2Fa0150&cHash=8af7100f7e (10) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare/?em_cn t=1613349& |