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trend onlinezeitung03/08We like Streik
Am Freitag besuchte eine linke Solidaritätsgruppe mit Sound-System, Bier, Blumen und guter Laune einen Streikposten vor dem Berliner BVG- Bahnhof in Lichtenberg
von Peter Nowak 03/08
Freitagabend ist die Gegend um den S-und U-Bahnhof Warschauer Straße voller Menschen in Partylaune. Da fällt eine Gruppe von ca. 50 Menschen, die ein Soundsystem mitführen aus der Technomusik wummert, gar nicht auf. Doch sie verteilen Flyer mit der Überschrift „Streik ist sexy“. Dieses Motto prangte auch auf einem Transparent, auf dem ein schlafender Mensch dargestellt wird. Streik soll ja eigentlich nicht unbedingt heißen, länger auszuschlafen.
Während die Partypeople rund um die Warschauer Straße eher desinteressiert auf die politischen Aussagen reagieren, ist die Stimmung in der S-Bahn Richtung Lichtenberg entspannt. Die Musik und auch die Flyer werden von den Fahrgästen mit Wohlwollen auf- und angenommen. Dann geht es zu m Betriebshof der Berliner Verkehrsbetriebe in Berlin-Lichtenberg. Dort bezogen ab 21 Uhr die Streikposten von ver.di Position. Ihnen galt der solidarische Besuch der FreundInnen des Streiks. Mitgebracht hatten sie nicht nur das Sound-System, aus dem am Ziel angekommen, neben Techno auch Punk und ArbeiterInnenlieder zu hören waren. Auch Bier, Blumen und Schmalzbrote wurde den Streikenden präsentiert.
Die waren zunächst sichtlich erstaunt und überrascht, fragen nach dem Ziel der Aktion. Doch bald ließen sie sich überzeugen, dass es wirklich um eine Solidaritätsaktion ging. Bald entspannen sich zwischen Streikenden und SolidarisierInnen lebhafte Gespräche über die soziale Lage im Allgemeinen. Über die Einschätzung von Politik und Staat war man sich bald schnell einig. Wir könnten ja unsere Forderungen mal den Diätenerhöhungen der Abgeordneten anpassen, meinte ein Kollege. Auch das Wort Generalstreik fiel häufiger auf Seiten der Streikenden. Als immer weitere FreundInnen des Streiks eintrafen, kam sogar eine Art Partystimmung auf, Die war aber anders, als rund um Warschauer Bahnhof und anderswo nicht von Konkurrenz und dem Jedem gegen Jeden geprägt war.
Verdi-Streikwesten über Thor-Steinar-Pullis
Eine rund um gelungene Begegnung also. Das gilt auch dann, wenn man auch einen weniger positiven Aspekt anspricht. Zwei Frauen, die zu den Streikenden gehörten, trugen Kapuzenpullis mit der rechten Marke Thor Steinar und wurden von einigen Menschen der Solidaritätsgruppen darauf angesprochen. Sie reagierten mit den Ausflüchten, dass es sich nur um eine Modemarke handele. Doch unterschwellig vielen mehrmals Sätze, die deutlich machten, dass es sich bei den Thor-Steinar-Trägerinnen um Überzeugungstäterinnen handelt. Die Auseinandersetzung wurde dann damit gelöst, dass die beiden Frauen verdi-Streikwesten über ihre Kapuzenpullis mit den Thor-Steinar-Pullis zogen. Das ist sicher im antifaschistischen Sinne keine befriedigende Lösung. Aber wer schon mal von der Studie über rechtsextremistisches Gedankengut auch unter Gewerkschaftsmitgliedern gehört hat, kann sich nicht wundern, dass bei solchen Streiks auch Rechte aktiv teilnehmen.
Was heißt dass für die Linke?
Auf keinen Fall sollte sie sich aus der Solidaritätsarbeit zurückziehen, sondern die noch verstärken. Aber eben auch die Widersprüche nicht aussparen. Deswegen war es richtig, die Auseinandersetzung um die Thor-Steinar-Pullis zu führen, auch wenn sie von Teilen der verdi-Leute wohl eher mit Unverständnis betrachtet wurde.
Es soll im Laufe der nächsten Woche eine weitere „We like Streik“-Aktion zu einem der BVG-Streikposten geben, vielleicht zum Betriebsbahnhof Indira-Gandhi-Straße in Berlin-Weißensee. Auch eine Kundgebung vor dem Roten Rathaus wurde mit den KollegInnen vor Ort diskutiert. Eine solche Unterstützung wurde durch die Streikenden dort positiv aufgenommen. Doch ob sich diese Vorschläge umsetzen lassen, hängt von der Frage ab, ob sich noch mehr Linke an den Solidaritätsaktionen beteiligen.