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Dieser TELEPOLIS18.03.2008Reise nach Jerusalem Peter Nowak Der Israel-Besuch von hochrangigen deutschen Politikern dient vorrangig verbesserten Beziehungen zur EU, stellt aber auch wieder, etwa im Hinblick auf Iran und Palästina, die Frage, welche Lehren aus der NS-Zeit gezogen werden Unter den zahlreichen Auslandsvisiten einer deutschen Bundeskanzlerin fällt der Besuch in Israel noch immer aus den Rahmen. Merkel ist gleich mit sieben Ministern, darunter Außenminister Steinmeier und Justizministerin Zypries angereist (1). Auch eine große Delegation von Wirtschaftsfachleuten ist Teil des Besuchsprogramms. Der Höhepunkt wird eine Rede von Merkel in der Knesset am Dienstag sein. Wer die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen nach der Shoah kennt, wird sich über die Gleichmütigkeit wundern, mit der heute in Israel akzeptiert wird, dass die deutsche Sprache im israelischen Parlament zu hören sein wird. Nur ein Holocaust-Überlebender hat angekündigt, bei Merkels Rede die Sitzung zu verlassen. Für ihn ist unerträglich, in der Knesset die Sprache zu hören, die auch die Mörder vieler seiner Verwandten verwendeten, erklärte er. Als am 16.2.2000 Bundespräsident Johannes Rau in der Knesset sprach (2), gab es darüber in Israel noch eine heftige Auseinandersetzung. Raus Rede ist Teil einer Kunstinstallation, die zur Zeit im Rahmen der Retrospektive (3) des israelischen Künstlers Dani Karavan (4) im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist. Die Ausstellung wiederum steht im Kontext einer Reihe von Veranstaltungen, Tagungen und Filmvorführungen, die das Motto 60 Jahre Israel in Berlin (5) tragen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass bis vor 60 Jahren Berlin das Zentrum jener Macht war, die nur durch den Sieg der Alliierten an der weltweiten Vernichtung der Juden gehindert werden konnte, dann zeigt der Titel, welches Maß an Normalität in den Beziehungen eingetreten ist. "Bedrohung Israels ist Bedrohung Deutschlands" Die deutsche Seite hat den Anspruch, gerade aus den eliminatorischen Antisemitismus des NS-Regimes die richtigen Folgerungen gezogen haben. Merkel sieht im Atomprogramm des Irans heute die größte Bedrohung für Israels Sicherheit und sich damit auch mit der israelischen Regierung einig. Die Bedrohung Israels ist auch eine Bedrohung Deutschlands hatte Merkel vor ihrer Abreise gesagt. Allerdings gab es dafür auch Kritik. Ist es nicht etwas einfach, lautet die Frage, sich einfach selber in den Kreis der Bedrohten einzureihen? Und könnte damit nicht auch der NS-Antisemitismus relativiert werden?. Zumal im Iran - aller antiisraelischen Rhetorik zum Trotz - die kleine jüdische Gemeinde keiner besonderen Bedrohung ausgesetzt ist. Diejenigen, die einen Vergleich zwischen dem NS-Regime und dem Mullahregime im Iran befürworten, darunter auch ehemalige Linke (6), verweisen unter anderem auf Äußerungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, dass Israel von der Landkarte verschwinden müsse. Können Atomwaffen in den Händen eines Staates, dessen Oberhaupt sich so äußert, nicht nur als Vernichtungsdrohung wahrgenommen werden, lautet die nicht unberechtigte Frage. Doch auch über die Wortwahl des iranischen Präsidenten gibt es unterschiedliche Versionen. So soll er nach einer anderen Übersetzung (7) gar nicht Israels Vernichtung gefordert zu haben. In der Süddeutschen Zeitung hat kürzlich die Journalistin Katajun Amirpur davor gewarnt (8), dass ein "Übersetzungsfehler gefährliche Weltpolitik machen könnte". Amirpurs umstrittene These lautet: --Die Vernichtungsphantasien, die Iran unterstellt werden, gehen auf einen einzigen Satz zurück: "Israel must be wiped off the map." Kein Satz wird so häufig mit dem amtierenden Präsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, assoziiert wie dieser: Israel muss von der Landkarte radiert werden. Das Problem ist nur - er hat diesen Satz nie gesagt.... Ahmadinedschad sagte jedoch wörtlich: "in rezhim-e eshghalgar bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad." Das bedeutet: "Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte (wörtlich: Zeiten) verschwinden." Oder, weniger blumig ausgedrückt: "Das Besatzerregime muss Geschichte werden." Das ist keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, sondern die Aufforderung, die Besatzung Jerusalems zu beenden.-- Katajun Amirpur Allerdings wurde die Autorin von Kritikern des Islam wie Broder nachgesagt (9), den Iran schön reden zu wollen. Welche Lehre aus der NS-Zeit? Auch unter Überlebenden der Shoah ist unabhängig von der Beurteilung des Irans strittig, welche Lehre Deutschland aus der NS-Zeit ziehen soll. So ist der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser der Meinung (10), Merkel sollte bei ihrem Israel-Besuch die Situation der palästinensischen Bevölkerung in Westjordanland und Gaza deutlicher ansprechen (11). --Ich denke, dass die Lehre aus der Ablehnung des Hitlerismus eine universelle ist. Überall wo Menschenrechte eklatant verletzt werden, sollte man im Namen des Antinazismus protestieren. Das ist jedenfalls meine Schlussfolgerung aus der NS-Zeit.-- Alfred Grosser Ähnlich argumentierten Teilnehmer einer Protestveranstaltung (12), die am vergangenen Freitag vor dem Bundeskanzleramt in Berlin dafür eintrat, dass Merkel bei Besuch auch die Belange der Palästinenser ansprechen solle. Daran beteiligten sich neben palästinensischen Gruppen auch jüdische Linke (13). Allerdings ist die Angst vor einem Anwachsen des Antisemitismus und speziell deren islamistischer Ausprägung bei vielen jüdischen Menschen so groß, dass sie eine solche Kritik an Israel zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Deutschland ablehnen. So warnt (14) der Publizist und Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, der sich durchaus für einen Ausgleich zwischen Israel und Palästina einsetzt: --Israel wird auf der Oberfläche als klassische Militärmacht wahrgenommen. Es wird dabei übersehen, dass Hamas und Hisbollah Vorposten einer aggressiven, eliminatorischen Politik des Iran sind.-- Micha Brumlik . Orientierung an der EU Brumlik spricht auch an, dass Merkels Besuch eine stärkere Orientierung Israels an der EU vorbereiten soll. --Mittelfristig wird das Interesse der USA am Nahen Osten abnehmen und sich wieder stärker auf den pazifischen Raum - China und Japan - richten. Damit wird den Europäern der Nahe Osten auf die Füße fallen - ob sie es wollen oder nicht. Die EU wird sich auf die östlichen und südlichen Anrainer des Mittelmeers konzentrieren müssen. Das sehen wir bereits bei der Diskussion um die Mittelmeerunion zwischen Deutschland und Frankreich.-- Micha Brumlik Diese These Brumliks gewinnt an Plausibilität, wenn man die Erklärung von einflussreichen US-Politikern liest, die sich für eine stärkere Neutralität im Nahen Osten aussprechen. Dazu gehört der ehemalige außenpolitische Berater Jimmy Carters Zbigniew Brzezinski (15) von den Demokraten, aber auch der sicherheitspolitische Berater republikanischer Präsidenten Brent Scowcroft, der sich schon gegen den Angriff der USA auf den Irak ausgesprochen (16) hatte. Weil die Invasion in den USA weitgehend als Desaster wahrgenommen wird, bekommen die Ratschläge dieser ehemaligen Sicherheitsberater ein größeres Gewicht. Hier muss Israel auch fürchten, in den USA zum Sündenbock für die Fehler der USA im Irak gemacht zu werden. Eine Öffnung gegenüber Europa soll verhindern, dass Israel zu stark von der Innenpolitik der USA abhängig wird. So wird in Israel die hochrangige deutsche Regierungsdelegation auch als Vertreter der stärksten EU-Macht wahrgenommen und begrüßt. In der deutschen Öffentlichkeit wird das allerdings noch zu wenig wahrgenommen.
LINKS
(1) http://www.bundeskanzlerin.de/nn_4894/Content/DE/Artikel/2008/03/2008-03 -16-israel-erster-tag.html (2) http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/WegeInDieGegenwart_redeRauVorDerKn esset/index.html (3) http://www.art-in-berlin.de/incbmeld.php?id=1434 (4) http://www.danikaravan.com/ (5) http://www.habimah-berlin.de/ (6) http://www.matthiaskuentzel.de/contents/islamischer-antisemitismus-und-d eutsche-politik (7) http://www.arbeiterfotografie.com/iran/index-iran-0013.html (8) http://www.jurabilis.de/index.php?/archives/1572-Genau-zuhoeren-auch-bei -Schurken.html (9) http://www.henryk-broder.de/html/schm_amirpur.html (10) http://www.welt.de/print-welt/article406799/Richtig_denken_das_heisst_ge recht_denken.html (11) http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?r essort=me&dig=2008%2F03%2F15%2Fa0125&src=GI&cHash=bf56bd07b0&type=98 (12) http://www.aknahost.org/ (13) http://www.juedische-stimme.de/ (14) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1304738&s id=dddf30676349492f697a1f96ee1c4944 (15) http://www.stern.de/politik/ausland/560430.html (16) http://www.opinionjournal.com/editorial/feature.html?id=110002133 |