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TELEPOLIS16.07.2008Hohe Haftstrafen für Anschlagsplaner Peter Nowak Drei Iraker wurden auch wegen der Mitgliedschaft in der Gruppe Ansar al Islam verurteilt Hohe Haftstrafen verhängte (1) das Oberlandesgericht Stuttgart gegen drei Männer aus dem Irak. Sie waren beschuldigt worden waren, im Jahr 2004 ein Attentat gegen den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi geplant zu haben. Der 34 Jahre alte Hauptangeklagte Ata R. wurde nach mehr als zwei Jahren Prozessdauer zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt. Bei ihm sind nach Überzeugung des Gerichts alle Fäden zusammengelaufen. Der 27jährige Mitangeklagte Mazen H. bekam sieben Jahren Haft. Er wurde im Urteil als rechte Hand von Ata R. und dessen potentieller Nachfolger bezeichnet. Der 33 Jahre alte Rafik Y. erhielt eine Haftstrafe von acht Jahren. Er habe sich nach Überzeugung des Gerichts (2) angeboten, das Attentat auf Allawi zu begehen. Das Gericht sah es nach 141 Verhandlungstagen nicht nur erwiesen an, dass die drei Männer den damaligen irakischen Regierungschef beim Berlin-Besuch töten wollten. Sie wurden auch wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vereint. Gemeint ist die kurdisch-islamistische Ansar al Islam. Der Name kann sowohl mit Helfer als auch mit Verbreiter des Islams übersetzt werden. Sie hatte sich im kurdischen Norden des Irak gegründet (3), auf den das irakische Saddam-Regime seit dem Krieg 1991 keinen Zugriff mehr hatte. Die islamistische Organisation hatte wenig Rückhalt in der dortigen Bevölkerung, versuchte ihre islamistischen Vorstellungen aber mit Terror und Menschenrechtsverletzungen (4) gegenüber der Bevölkerung durchzusetzen. Bis zum Sturz des Saddam-Regimes soll sie im äußersten Norden des Iraks mehrere Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht haben. Der Organisation werden Verbindungen zu al-Qaida und Bin Laden nachgesagt. Sie ist sowohl auf der Terrorliste der EU als auch der UN aufgeführt. Die Bush-Regierung hat die Anwesenheit von Ansar al Islam im Nordirak benutzt, um daraus eine Verbindung zwischen dem Hussein-Regime und al-Qaida zu konstruieren ( Von Wahrheit und Lüge (5)). Ansar al Islam wird seit Jahren nicht nur in Deutschland mit versuchten Attentaten und Bombenanschlägen in Verbindung gebracht. So wurden 16 vermeintliche oder tatsächliche Mitglieder von Ansar al Islam vor dem Nato-Gipfel im Jahr 2004 in Istanbul festgenommen. Auch dort soll möglicherweise ein Anschlag verhindert worden sein. Auch in Deutschland wurden Ansar al Islam mehrere Anschlagsversuche vorgeworfen, darunter ein Attentat auf das Hamburger Bundeswehrkrankenhaus (6) Ende 2003. Der Hinweis soll vom US-Geheimdienst gekommen sein. Allerdings konnte der Verdacht nicht verifiziert werden. Der damalige Hamburger Innensenator Dirk Nockemann geriet hinterher wegen seines Krisenmanagements in starke Kritik (7). Im Jahr 2006 verurteilte das Münchner Oberlandesgericht den gebürtigen Iraker Lokman Amin Mohamed wegen Mitgliedschaft bei Ansar al Islam (8) zu einer siebenjährigen Haftstrafe. Der Angeklagte, der sich während des Prozesses von Selbstmordanschlägen auf Zivilisten distanzierte, soll Mitglieder für die Organisation rekrutiert haben. Es war die erste Verurteilung in Deutschland wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung nach dem neu geschaffenen Paragraphen 129b (9). Im Anschluss gab es im letzten Jahr in München zwei weitere Verurteilungen gegen zwei Männer aus dem Irak. Islamische Terroristen oder Wichtigtuer? Obwohl Ansar al Islam immer wieder mit geplanten Anschlägen in Verbindung gebracht wird, gibt es weiterhin viele Fragen um diese Organisation und ihre tatsächliche Rolle. Das wurde auch bei dem Stuttgarter Verfahren deutlich. Die Verteidigung der drei Angeklagten beantragte einen Freispruch. Die drei hatten die Vorwürfe bestritten. Die Anklage stützte sich auf abgehörte Telefongespräche, überwachten E-Mails, Observationsergebnissen und Zeugenaussagen. Waffen und Sprengstoff für den Anschlag auf Allawi wurden nicht gefunden. Das ist umso erstaunlicher, weil doch nach Aussagen der Anklagebehörde der Anschlag unmittelbar bevor gestanden haben soll, als die Männer verhaftet wurden. So stellt sich die Frage, ob es bei dem Angeklagten eher um Wichtigtuer handelte, die sich eher als jene Top-Terroristen imaginierten, als die sie jetzt verurteilt worden. Dafür könnten auch die zwei Briefe sprechen, die der Angeklagte Rafik Y. im Gefängnis geschrieben hat und die bei der richterlichen Postkontrolle beschlagnahmt wurden. Adressiert waren sie an Bruder Fritz, jenen Fritz G. von der sogenannten Sauerlandgruppe (10). Dabei handelt es sich ebenfalls um Freizeitislamisten, die sich so auffällig (11) verhielten, dass sie nur festgenommen werden konnten. Ob sie die ihnen vorgeworfenen Anschläge wirklich planten, ist bis heute strittig. Die Ermittlungen und die Anklage sind schwierig (12). Auch mit den drei am Dienstag verurteilten Irakern wird sich die Justiz wohl noch mal beschäftigten. Die Verteidigung will in die Revision gehen.
LINKS
(1) http://www.olg-stuttgart.de/servlet/PB/menu/1182029/index.html (2) http://www.olg-stuttgart.de/servlet/PB/menu/1222014/index.html?ROOT=1182 029 (3) http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/2875269.stm (4) http://www.hrw.org/backgrounder/mena/ansarbk020503.htm (5) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14030/1.html (6) http://www.rp-online.de/public/article/politik/deutschland/32308/Hamburg -Terroranschlag-auf-Krankenhaus-geplant.html (7) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,280849,00.html (8) http://www.welt.de/politik/article190386/Schuldspruch_fuer_Lokman_Mohamm ed.html (9) http://dejure.org/gesetze/StGB/129b.html (10) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27164/1.html (11) http://www.freitag.de/2007/37/07370402.php (12) http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EF76987B1B8 F1418E876408C0B3B3EF3B~ATpl~Ecommon~Scontent.html |