[Index] [Nowak] [2006] [2007] [2008]

ND28.07.2008Strahlendes Bekenntnis
Altkanzler über AKW
Von Peter Nowak
Altkanzler Helmut Schmidt scheint noch einmal Geschmack an der Politik gefunden zu haben. Nach seiner Rede beim öffentlichen Gelöbnis am 20. Juli widmete er sich in der aktuellen Ausgabe seines Hausblattes, der »Zeit«, der Energiepolitik. Anders als die Gelöbnisrede dürfte dies den Parteifreunden wenig gefallen haben. Während SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel gegen den Druck von Wirtschaft und Union am Atomausstieg festzuhalten versucht, gibt Schmidt der Kanzlerpartei Schützenhilfe. So äußerte er seine Verwunderung, dass unter allen großen Industriestaaten nur die Deutschen glauben, sie könnten ohne Kernkraft auskommen. Für ein Land, das den Kohlebergbau aufgibt und keine Ölreserven besitzt, liege es nahe, einen Teil der Energie aus Kernkraft zu beziehen, formulierte der Altkanzler. »Natürlich hat Kernkraft ihre Risiken. Es gibt aber keine Energie und nichts auf der Welt ist ohne Risiken, nicht einmal die Liebe«, so Schmidt. Auch über die Halbwertzeit sozialdemokratischer Ausstiegstreue äußert sich der 89-Jährige: »Diese Wende ist im Augenblick nicht dringend notwendig, aber irgendwann wird sie kommen.«
Nun haben vor ihm schon andere sozialdemokratische Politiker a. D. wie Wolfgang Clement und Hermann Rappe ein Loblied auf die Atomkraft gesungen. Doch Schmidt ruft wieder jene SPD in Erinnerung, die zu den Protagonisten der AKW gehörte. Während bei manchen Christdemokraten schon in den 70er Jahren Zweifel wegen der Gefahren für die »Schöpfung« laut wurden, standen die Sozialdemokraten eisern hinter dem Atomprogramm. Eine Haltung, die die Grünen stark machte. Erst nach Tschernobyl kam die innerparteilich umkämpfte Wende ins Rollen, die den Weg für den rot-grünen Ausstiegsbeschluss ebnete.
Jetzt könnten sich die Grünen noch einmal über Schmidt freuen. Bei ihnen verließ kürzlich mit Margareta Wolf eine ehemals führende Politikerin im Streit um die Atomkraft ihre Partei. Austrittsaufforderungen muss Schmidt in der SPD nicht befürchten.