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TELEPOLIS08.10.2008 "Der Westen wird den Krieg nicht gewinnen" Peter Nowak Während der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nach dem Willen der Bundesregierung ausgeweitet werden soll, streiten selbst Kriegsgegner über die richtige Position Am vergangenen Dienstag befassten sich sowohl das Bundeskabinett als auch der Bundestag (1) wieder einmal mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Statt wie bisher 3.500 sollen nun nach dem Antrag der Bundesregierung (2) 4.500 deutsche Soldaten nicht mehr 12 Monate, sondern 14 Monate in Afghanistan kämpfen. Deutsche Soldaten sollen weiter vor allem in Kabul und Nordafghanistan eingesetzt werden, aber sie sollen auch in anderen Regionen "für zeitlich und im Unfang begrenzte Maßnahmen" tätig werden. Das Bundeskabinett hat der Verlängerung und Verstärkung schon zugestimmt, die Kosten für den Einsatz bis Dezember 2009: "Die einsatzbedingten Zusatzausgaben für die Fortsetzung der deutschen Beteiligung an ISAF werden für den Zeitraum von vierzehn Monaten insgesamt rund 688,1 Mio. EUR betragen." Im Bundestag übte nur die Linkspartei, wie schon in der Vergangenheit, heftige Kritik an dem verstärkten militärischen Engagement. Sie forderte statt dessen einen schnellen Abzug der Bundeswehr und sieht sich damit im Einklang mit Friedensgruppen, die sich mit einer Petition (3) an den Bundestag wandten, in der sie mit dem blumigen Motto "Dem Frieden eine Chance" für einen Abzug aller fremden Truppen aus Afghanistan eintraten. Auf dem ersten Blick wiederholten sich hier wieder einmal altbekannte Frontstellungen. Der Linkspartei und der kleinen außerparlamentarischen Friedensbewegung steht eine Phalanx aller übrigen Parteien gegenüber, die mit unterschiedlichen Argumenten betonen, dass man gerade jetzt Afghanistan nicht den Taliban überlassen dürfe. Kein Weiter so Doch auf den zweiten Blick hat sich in der Afghanistan-Diskussion manches geändert. So könnte es tatsächlich mehr als die übliche politische Rhetorik sein, wenn der sozialdemokratische Bundesaußenminister Steinmeier betonte, dass es beim Afghanistan-Einsatz nicht einfach um ein Weiter so gehe. Wenn sich Steinmeier allerdings dafür einsetzt, das Mandat der 100 KSK-Kämpfer im Rahmen der US-Operation Enduring Freedom in Afghanistan nicht zu verlängern, dafür aber AWACS-Aufklärer an den Hindukusch zu schicken, dürfte er schon den künftigen Wahlkampf im Blick haben. Hier wird der alte Unterschied zwischen dem angeblich zu aggressiven Vorgehen des US-Militärs und dem angeblich friedenserhaltenden Einsatz der Bundeswehr erneut strapaziert. Dabei haben Experten darauf hingewiesen, dass diese Unterscheidung wenig mit der Realität vor Ort zu tun hat. Spätestens nachdem mehrere Bundeswehrsoldaten in Särgen aus Afghanistan zurückkamen, wurde auch vom Bundeswehrverband betont, dass dort ein Krieg geführt wird und dass die Soldaten gefallen und nicht gestorben seien ( Krieg, Kampf, robuster Friedenseinsatz ... (4)). Dass es für den Afghanistan-Einsatz in der Bevölkerung keine Mehrheit gibt, ist auch den Politikern bewusst, wie sich in der Debatte im Bundestag zeigte. Selbst CSU-Politiker Peter Ramsauer betonte, dass sich die Probleme in Afghanistan nicht allein mit immer mehr Militär lösen lassen und hält einen Abzug in einigen Jahren für denkbar. Nicht nur Linke und Pazifisten halten die westliche Strategie in Afghanistan für eine völlige Sackgasse halten. Der ranghöchste britische Militär in Afghanistan Mark Carleton-Smith hält einen Sieg der Natotruppen für unmöglich (5). Auch der kanadische Militärhistoriker Gwynne Dyer (6) vertritt in seinem Buch "Nach Irak und Afghanistan - Was kommt, wenn die westlichen Truppen gehen?" die These: "Der Westen wird den Krieg nicht gewinnen. Und es wird dort so lange Krieg geben, wie ausländische Truppen im Land sind." Sein Szenario klingt hart, aber realistisch: "Afghanistan wird jedenfalls kein frauenfreundliches und demokratisches Land werden. Es ist aber auch nicht unsere Aufgabe, das durchzusetzen." Mit dem Argument, dass man diejenigen, die sich um eine afghanische Zivilgesellschaft bemühen, nicht dem Terror der Taliban überlassen kann, haben sich die Grünen im Bundestag wieder gegen einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan argumentiert. Selbst ein Militärkritiker, wie der Junggrüne Arvid Bell (7), der für eine Enthaltung der Grünen bei der Abstimmung zum Afghanistaneinsatz plädierte, legt Wert auf die Feststellung (8), dass er sich von der Position abgrenzt: "Das interessiert uns alles nicht, die sollen ihren Kram da alleine regen.". Schwierige Diskussionen In der globalisierungskritischen Organisation attac, die sich seit 2001 auch als Teil der Antikriegsbewegung begreift, gibt es eine Auseinandersetzung um die Forderung nach einem sofortigen Abzugs aller fremden Truppen aus Afghanistan. Einen Aufruf mit dieser Forderung zu zwei Demonstrationen (9) am 20. September in Berlin und Stuttgart hat der Koordinierungsrat von attac nicht unterzeichnet und statt dessen einen eigenen Aufruf (10), ohne die Forderung nach einem sofortigen Rückzug verfasst. Dort heißt es: --Die Internationale Gemeinschaft hat eine Verantwortung gegenüber den Menschen in Afghanistan. Dies gilt umso mehr für jene Länder, die den Krieg gegen die Taliban mitgetragen haben, also auch für Deutschland. Das Land jetzt einfach sich selbst zu überlassen, ist keine Option.-- Diese Position wird von einem Teil der Attac-Basis (11) als Aufweichen der Antikriegsinterpretation interpretiert. "Sie sollen gehen." Bisher konnte sich eine Position, die vor den Folgen eines sofortigen Rückzugs aller fremden Truppen für die laizistische Minderheit in Afghanistan warnte, auf Stimmen eben dieser afghanischen Zivilgesellschaft berufen. Doch dort gibt es teilweise Tendenzen, sich der radikalen Antikriegsposition anzunähern. So heißt es in einer aktuellen Stellungnahme von Zoya, einem Mitglied der Revolutionären Vereinigung der Frauen in Afghanistan (12): --Die Internationalen Truppen machen nur Kompromisse mit unseren Feinden, und daher sagen wir: "Es ist besser, ihr verschwindet. Einige Leute behaupten, dann würde ein neuer Bürgerkrieg ausbrechen. Es ist egal, lasst uns in Ruhe mit unseren Feinden. Es ist unsere Verantwortung,"-- Als Begründung für diese Position erklärte Zoya in einem Interview (13): --Die Situation hat sich eher verschlechtert. Dabei werden Frauen von zwei Seiten unterdrückt. Zum einen durch häusliche Gewalt, zum anderen durch Gewalt, die von Fundamentalisten ausgeht. Frauen werden von den bewaffneten Anhängern der mächtigen Warlords in den verschiedenen Provinzen vergewaltigt, entführt, gefoltert und ermordet. Dabei steigt die Gewalt gegen Frauen täglich an und es gibt hunderte Beispiele. Eines ist das Schicksal der 14jährigen Bashira, die von einer Gruppe von Männern, der auch der Sohn eines Parlamentsmitgliedes angehörte, vergewaltigt wurde. Bis heute gab es keinen Prozess gegen den 22-Jährigen.-- Verhandlungen mit Taliban Die Debatten über die Zukunft Afghanistans könnten eine neue Wendung nehmen, wenn die Verhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung voranschreiten sollten ( Tauwetter zwischen Karsai und Taliban (14)). Die Taliban sollen sich von Al-Qaida distanziert haben. Damit hätten sie ein wichtiges Hindernis für eine Verständigung gerade auch mit den USA aus dem Weg geräumt. Die USA hatten erst ein Problem mit den Taliban, als sie Al-Qaida eine Basis in Afghanistan boten. Danach wurde der frauen- und demokratiefeindliche Charakter der Taliban entdeckt. Doch das könnte sich wieder ändern. Schließlich unterscheidet sich die Wahhabiten-Diktatur in Saudi Arabien innenpolitisch wenig von den Taliban und hat doch gute Beziehungen zu den USA und anderen westlichen Ländern. Die Ausweitung des Nato-Engagements, wie es sich auch im Beschluss des Kabinetts zeigte, muss kein Widerspruch zu Verhandlungen sein. Schließlich zeigt dann im Vorfeld jede Seite noch mal ihre Waffen.
LINKS
(1) http://www.bundestag.de/aktuell/hib/2008/2008_272/02.html (2) http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/104/1610473.pdf (3) http://www.dfg-vk.de/thematisches/afghanistankampagne/ (4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28655/1.html (5) http://www.timesonline.co.uk/tol/news/world/asia/article4887927.ece (6) http://www.gwynnedyer.com/ (7) http://www.gruene-jugend.de/_node/personen/bell.html (8) http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ress ort=sw&dig=2008%2F10%2F06%2Fa0008&cHash=ede2e14a1f (9) http://www.afghanistandemo.de (10) http://www.attac.de/?id=394&tx_ttnews%5Btt_news%5D=2227 (11) http://www.vsp-vernetzt.de/sozkoeln/index2.htm (12) http://www.rawa.org/ (13) http://jungle-world.com/artikel/2008/40/24553.html (14) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28861/1.html |