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telepolis vom 7.2.08Einrichten im 5-Parteiensystem Peter Nowak Nach der Hessenwahl verschieben sich in Deutschland die politischen Koordinaten und möglichen Allianzen Der Aschermittwoch der CSU (1) ist in erster Linie eine große Gaudi, aber es wird auch große Politik gemacht. Als in diesem Jahr der CSU-Vorsitzende Edwin Huber die SPD zum Steigbügelhalter der Kommunisten erklärte (2) und Ministerpräsident Günther Beckstein die Gefahr einer "blutroten Koalition" (3) an die Wand malte, mit der sich die bayerischen Konservativen "mit Händen und Füßen wehren" werden, wurde auch eine Richtung für die Konservativen inner- und außerhalb Bayerns vorgegeben. Der Kampf gegen den Linksblock soll die eigenen Reihen schließen helfen. In einer Fünfparteienkoalition, wie sie sich nach den Wahlen in Hessen und Niedersachsen abzeichnet ( Law and Order-Wahlkampf abgestraft (4), hätte CDU/CSU nur begrenzte Koalitionsmöglichkeiten. Das zeigt sich am Beispiel Hessen gerade sehr deutlich. Trotz eines deutlich konservativen Wahlkampfstils ist die bürgerliche Mehrheit von CDU und FDP verloren gegangen. Der Union bliebe nur die Flucht in eine große Koalition, die wiederum die kleineren Parteien stärkt. Ein vorsichtiges Blinzeln zu den Grünen blieb bisher ohne Erfolg. Sowohl auf Landes- als auch auf der Bundesebene der Gründen haben sich verschiedenen Politiker dafür ausgesprochen, die Linkspartei nicht unter Quarantäne zu stellen. Dazu zählt nicht nur Jürgen Trittin (5), der als Parteilinker gilt, sondern auch erklärte Vertreter des Realokurses wie Daniel Cohn Bendit (6) und Rupert von Plottnitz (7). Aus ihrer eigenen noch kurzen Geschichte wissen sie, dass die Einbindung in Koalitionen oder zumindest lose Absprachen die Partei auf einen realpolitischen Kurs gedrängt hat. Gern wird dabei auch von Entzauberung geredet. Die noch recht junge und heterogene Linkspartei soll vor ihren Anhängern recht schnell als Formation dastehen, die eben auch nur eine Partei ist, die vor den Wahlen viel verspricht und hinterher eingestehen muss, dass in der gegenwärtigen Konstellation vieles nicht durchzusetzen ist. Das Beispiel Berlin, wo die Linkspartei schon auf diese Weise entzaubert worden ist, kann den Grünen durchaus als Vorbild dienen. Für die Grünen in westdeutschen Ländern hätte eine solche Entzauberung der Linkspartei den Vorteil, dass sie den mit ihrer Realpolitik unzufriedenen Teilen der Basis deutlich machen kann, dass die Linkspartei in dieser Hinsicht keine Alternative ist. Solange es der neuen Konkurrenz umgekehrt gelingt, sich als Oppositionskraft darzustellen, die Forderungen aus den Anfangsjahren der Grünen aufnimmt, wäre ein Bündnis mit der Union für die Grünen riskant. Auf Parteitagen der Umweltpartei und in den Statements ihrer Vorsitzenden der Herzen Claudia Roth werden schließlich noch immer Grundsätze hochgehalten, die in der politischen Praxis kaum eine Rolle spielen. Eine Linkspartei, die von Regierungsspielchen ferngehalten wird, könnte hier Stimmen und Mitglieder abwerben. Die grünen Lockerungsübungen gegenüber der Linkspartei fällt auch erklärten Realos um so leichter, weil sie wissen, dass der Praxistest nicht so schnell kommen wird. Abgrenzung nach Links Die SPD bleibt auch zwei Wochen nach den Hessenwahlen bei ihren von der hessischen Spitzenkandidatin vorgegebenen Position, mit der Linkspartei nicht zu kooperieren. SPD-Chef Kurt Beck hat dies auf seiner Aschermittwochsrede noch einmal bekräftigt. Daran wird sich auch nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg Ende Februar nichts ändern. Führende SPD-Politiker haben schon betont (8), dass ein Ruf nach sozialer Gerechtigkeit für die SPD nicht ausreiche. Sie müsse auch ihre Wirtschaftskompetenz beweisen (9). Das ist ein eindeutiges Blinzeln Richtung FDP. Schon vor der Hessenwahl gab es im konservativen Seeheimer Kreis der SPD Unmut gegenüber Andrea Nahles, der Vertreterin der Linken im Parteivorstand. Für die SPD-Rechte war auch nicht Andrea Ypsilanti, sondern ihr innerparteilicher Rivale Walter der Wunschkandidat. Während die Parteirechte schon deutlich Position bezieht, haben bisher nur einige Politiker am linken Flügel der SPD zumindest für eine lose Kooperation mit der Linkspartei plädiert. Dabei verwiesen auf die Übereinstimmungen zwischen den Forderungen der hessischen SPD und der Linkspartei auf vielen Gebieten. Sie befürchten auch, dass ihre Partei nach links weitere Stimmen verliert, wenn sie in einer Ampelkoalition wesentliche Wahlkampfversprechen aufgibt. Lockerung erst nach den nächsten Bundestagswahlen Die hessische FDP würde sich eine Beteiligung nur mit wesentlichen Zugeständnissen erkaufen. Selbst dazu sieht es aber zur Zeit nicht aus. Der hessische FDP-Vorsitzende Otto Hahn erklärte sich zwar zu einem Gespräch mit Ypsilanti bereit, aber nur, um ihr noch einmal deutlich zu machen, dass die Unterschiede zwischen den beiden Parteien zu groß sind. Bei dieser Absage an eine Ampelkoalition kommt auch Unterstützung aus der Bundes-FDP und speziell von derem Vorsitzenden Guido Westerwelle. Selbst die kleine bürgerrechtliche Strömung innerhalb der Partei (10) um die ehemalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hat nicht grundsätzlich gegen diesen Kurs opponiert. Ihre Exponenten haben nur angeregt, demnächst die Koalitionsoptionen flexibler zu gestalten. So soll nach ihren Vorstellungen weiterhin die CDU als Koalitionspartner bevorzugt werden, doch wenn es nach den Wahlen dazu nicht reicht, dürfen auch andere Optionen nicht mehr tabu sein. Sollte es nach den nächsten Bundestagwahlen wieder nicht zu einer bürgerlichen Mehrheit reichen, dürften die Befürworter von Lockerungsübungen in Richtung SPD und Grünen zunehmen. Denn das Klientel der FDP sieht nicht in der Opposition, sondern im Mitregieren ihre Chance. Außerdem kann Kurt Beck, der schon jahrelang der einzigen SPD-FDP-Koalition vorsteht, schlecht zum linken Flügelmann aufgebaut werden. Die vielzitierte Abneigung der gegenwärtigen FDP-Führung gegen die Grünen dürfte auch relativ sein. Schließlich hat sich die hessische FDP schon für eine Einbeziehung der Grünen in ein Bündnis mit der CDU offen gezeigt. Unon vor Problemen Auch in Unionskreisen weiß man, dass nach den nächsten Bundestagswahlen neben einer Fortsetzung der großen Koalition ein Ampelbündnis wahrscheinlicher als ein Zusammengehen zwischen SPD, Grünen und Linkspartei ist. Deshalb dürften die harschen Freiheit-statt-Sozialismus-Töne aus Bayern zumindest beim liberalen Flügel der Union nicht nur Begeisterung auslösen. In der Partei sind nach dem schlechten Abschneiden bei den letzten Bundestagswahlen kritische Debatten nur deshalb unter den Deckel gehalten worden, weil die Union die Kanzlerin stellt. Seitdem war der Machterhalt das wichtigste Ziel. Merkel erklärte auf dem letzten Parteitag ihre Partei zur Mitte und damit war schon alles gesagt Doch wenn sich abzeichnet, dass auch nach den nächsten Bundestagswahlen als Alternative zum Machtverlust nur die Fortsetzung der großen Koalition bleibt, werden sich die verdrängten Fragen wieder neu stellen. Schon in den Tagen nach der Hessenwahl konnte man einen Vorgeschmack davon bekommen. Da wandten sich 17 führende Unionspolitiker des liberalen Flügels gegen die Instrumentalisierung von Problemen der Zuwanderung für Wahlkampfzwecke, wollten das dann aber unisono keinesfalls als Kritik an Roland Koch verstanden wissen. Dann betonte der Landwirtschaftsminister Kurt Seehofer noch, dass die Union keinesfalls nur als Vertreterin neoliberaler Politikkonzepte wahrgenommen werden darf. Die Partei muss erst realisieren, dass sie in einer 5-Parteienkonstellation weniger Optionen hat und es für das angestrebte bürgerliche Bündnis mit der FDP nicht reicht. Markige Töne a la Huber und Beckstein helfen da relativ wenig, wenn am Ende eine Ampelkoalition herauskommt. Dann dürfte sich mancher vom rechten Flügel der Union an die Debatten der 70er Jahre in der CSU erinnern. Damals empfahlen Strauß und seien Anhänger die Bildung einer eigenen rechtskonservativen Partei bundesweit, um im Bündnis mit der CDU die Mehrheitsfähigkeit wieder herzustellen. Diese Kreuther Pläne sind damals schnell gescheitert. Aber in den Köpfen mancher Rechtskonservativer scheinen sie noch herumzuspuken, wie die Aschermittwochsreden von Huber und Beckstein gezeigt haben
LINKS
(1) http://www.csu.de/partei/aktuelles/104910844.htm (2) http://www.csu.de/partei/aktuelles/12910853.htm (3) http://www.csu.de/partei/aktuelles/12910853.htm (4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27155/1.html (5) http://www.faz.net/s/RubEA30294A29CF46D0B1B242376754BC09/Doc~E795851C0BD 8F409198CF04D136E0DD0E~ATpl~Ecommon~Scontent.html (6) http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?r essort=tz&dig=2008%2F01%2F17%2Fa0067&src=GI&cHash=00508751e9 (7) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1280500& (8) http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Matthias-Platzeck-SPD;art 122,2469089 (9) http://www.rp-online.de/public/article/aktuelles/politik/deutschland/528 849 (10) http://www.focus.de/politik/deutschland/fdp_aid_63616.html |