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telepolis vom 23.2.07Angst vor der Rückkehr Berlusconis Peter Nowak Verlierer der italienischen Regierungskrise ist der linke Flügel der italienischen Regierung Nach nur 9 Monaten im Amt ist die italienische Mitte-Links-Regierung am Mittwoch zurück getreten. Auslöser war eine Niederlage der Regierung bei der Abstimmung über die Neufinanzierung des Afghanistan-Mandats. Mitglieder der in der Regierung vertretenen Rifondazione Communista (1) stimmten dagegen und bereiteten der Regierung so eine Niederlage. Es ist eigentlich nicht verwunderlich, dass die Krise der Mitte-Links-Regierung gerade bei außenpolitischen Themen ausbrach. Schließlich gab es in den letzten Jahren der Berlusconi-Regierung gerade hier eine starke Opposition. Die großen Massenmobilisierungen auf den Straßen Italiens entzündeten sich auch in erster Linie an außenpolitischen Themen wie dem G8-Treffen in Genua, dem Irakkrieg und dem engen Bündnis der Berlusconi-Regierung mit der Bush-Regierung. Bei den Wahlen im letzten Jahr hatte sich ein heterogenes Bündnis, das von Teilen der ehemaligen Christdemokraten über verschiedene Nachfolgeprojekte der einst starken kommunistischen Partei bis zu Gruppierungen der Neuen Linken reichte, mit dem einzigen Ziel zusammen gefunden: Berlusconi muss weg. Der omnipräsente Medienmogul wurde in der letzten Phase seiner Regierung zu einem Buhmann aufgeblasen. Berlusconis Aufholjagd in der letzten Phase des Wahlkampfes schweißte die Gegner zusammen. Als er dann schließlich nur unerwartet knapp die Wahl verlor, übertrafen sich die Berlusconi-Gegner zunächst in Verlässlichkeit und Disziplin. Bloß keine Rückkehr der Rechten unter Berlusconi lautete die Devise. Da war selbst der linke Flügel der Regierungskoalition bereit, viele Kröten zu schlucken. Niemand wollte schließlich dafür verantwortlich sein, dass die Mitte-Links-Regierung abermals scheitert. Krise der sozialen Bewegungen Selbst in der außerparlamentarischen Bewegung betonte man, dass es jetzt darauf ankomme, realistisch zu bleiben, die sicher nicht besonders populäre Prodi-Regierung nicht zu gefährden und eine Rückkehr der Rechten an die Macht auszuschließen. Diese Logik des kleineren Übels erstaunte besonders jene, die von Außen auf die italienischen Verhältnisse blickten. Schließlich galt noch vor 5 Jahren Italien als ein Laboratorium für kreative Protestformen. Die Stichworte dieser aktivistischen Phase waren Bewegungen wie die Tutte Bianchi, die daraus entstandenen Disobbedienti (2) sowie die Centri Sociali (3), eine Art sozialpolitischer Stadtteilzentren, die meist auch alternative Radios und andere Medien betrieben. Toni Negri versuchte mit seinen Multitude-Ansatz diesen neuen sozialen Bewegungen ein viel diskutiertes theoretisches Fundament zu geben. Der Italien-Hype in Europas sozialen Bewegungen war allerdings nur von kurzer Dauer. Die sozialen Bewegungen in Italien stagnierten. Schon sprach man von einer Krise der sozialen Bewegungen. Mit dem Regierungsantritt Prodis schien die außerparlamentarische Bewegung ganz von der Bildfläche verschwunden. Daher war es für viele überraschend, dass am letzten Samstag die Demonstrationen (4) gegen die Erweiterung der US-Militär-Basis im norditalienischen Vicenza einen großen Zuspruch erfuhren. Jetzt war wieder von einer Rückkehr der außerparlamentarischen Bewegung die Rede. Das konnte durchaus als Signal betrachtet werden, dass die Schonzeit für Prodi vorbei ist. Denn gerade auf außenpolitischem Gebiet setzte auch die Prodi-Regierung auf vielen Feldern die Politik der Berlusconi-Regierung leicht modifiziert fort. Sie wollte es sich nicht den USA verscherzen und übernahm von der Berlusconi-Regierung die Ausbaupläne der US-Militärbasis. Auch mit der Fortsetzung der Afghanistan-Hilfe wollte Prodi eine außenpolitische Isolierung vermeiden. Von Regierungsseite wurde immer wieder hervorgehoben, dass das Mandat in Afghanistan anders als im Irak von der UNO stamme. Katzenjammer bei der Linken Doch anders als bei ähnlichen Abstimmungen in den letzten Wochen setzte sich das Signal von Vicenza auch im Senat fort. Für einige Abgeordnete der Linken war die Schonzeit für Prodi zu Ende. Sie waren auch nicht mit der Drohung einer Rückkehr Berlusconis zu schrecken. Doch schnell folgte der Katzenjammer. Denn nach Prodis Rücktritt kann von einem Triumph der Linken in Italien nicht mehr die Rede sein. Im Gegenteil es hagelte von allen Seiten Kritik gegen die abtrünnigen Abgeordneten. Besonders die kommunistischen Senatoren Fernando Rossi (5) und Franco Turigliatto (6), die gegen die Fortsetzung des Afghanistaneinsatzes gestimmt hatten, stehen jetzt unter heftigen Druck. Unter Kritik stehen auch einige christdemokratische Senatoren auf Lebenszeit, wie der langjährige Ministerpräsident Giulio Andreotti (7).Er hatte sich bei der Abstimmung des Afghanistan-Mandats der Stimme enthalten. Ihnen wird vorgeworfen, sich vom Vatikan für den Sturz der Prodi-Regierung instrumentalisieren zu lassen. Hierbei geht es vor allem um die Verhinderung eines vom Vatikan heftig bekämpften Gesetzes zur Legalisierung der homo- und heterosexuellen Lebenspartnerschaften (PACS). Anders als die Linke könnte der Vatikan sogar zu den Gewinnern der Krise gehören. Denn zur Zeit wird über eine Verbreiterung der Regierungsbasis geredet. Dazu sollen Teile der Christdemokraten, die bisher zum Berlusconi-Lager gehörten, für den Eintritt in die Prodi-Regierung gewonnen werden. Die aber wollen den Preis hochtreiben und sträuben sich noch. Im rechten Lager haben nur Berlusconi und die Lega Nord Interesse an schnellen Neuwahlen (8). Für eine Rückkehr müsste der alternde Politiker seine Macht im rechten Lager behaupten. Dort sägt schon längst Fini von der postfaschistischen Alliance Nationale an seinen Stuhl. Dem wäre daher ein früher Wahltermin gar nicht so recht, weil er dann Berlusconi den Vortritt lassen müsste. So werden die Karten zur Zeit in Italien neu gemischt. Nur die Linke dürfte anschließend in welcher Konstellation auch immer, an Einfluss verlieren. Die Krise in Italien zeigt auch wieder auf, wie wenig die Regierungen gerade in der Außenpolitik zu entscheiden haben. Eingebunden in ein Geflecht von Allianzen ist die Außenpolitik der Prodi-Regierung nicht allzu weit von dem Wirken der Berlusconi-Regierung entfernt. Die Frage des Afghanistan-Mandats könnte auch noch für andere Mitte-Links-Regierungen in Europa gefährlich werden. In Norwegen will die Basis der mitregierenden Sozialistischen Linkspartei eine Ausweitung des Afghanistan-Einsatzes nicht mehr mittragen. Dort wird offen die Frage gestellt, ob man in der Opposition nicht mehr erreiche, als sich als kleiner Regierungspartner in die Pflicht nehmen zu lassen.
LINKS
(1) http://www.rifondazione.it/ (2) http://www.noglobal.it/keywords/disobbedienti.htm (3) http://www.tmcrew.org/csa/csa.htm (4) http://www.adnkronos.com/3Level.php?cat=Veneto&loid=1.0.719814229 (5) http://www.corriere.it/ultima_ora/agrnews.jsp?id=%7BD66EACEA-B021-466E-A 258-35A0FF9247A9%7D (6) http://www.unita.it/view.asp?IDcontent=63816 (7) http://ilrestodelcarlino.quotidiano.net/art/2007/02/22/5463722 (8) http://www.tendenzeonline.info/apcom/view.php?s=20070222_000033.xml |