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TELEPOLIS02.05.2007Vor einer Repolitisierung?
Peter Nowak
20 Jahre nach dem Kreuzberger 1.Mai 1987 gibt es viele Varianten der
linken Erzählung über die Ereignisse
"Nee, nee, nee, eher brennt die BVG." Dieser Refrain aus dem Song
Mensch Meier (1) der Politband Ton Steine Scherben war zum Inbegriff
des rebellischen Kreuzbergs der 70er und 80er Jahre des vergangenen
Jahrhunderts geworden. Am ersten Mai 2007 war der Gassenhauer wieder
auf Kreuzbergs Straßen zu hören. Also hat sich nichts geändert?
Nur auf den ersten Blick. Die Band, die sich nach Rio Reisers Tod
besser "Erben der Scherben" nennen sollte, spielte auf dem Myfest (2).
Die bezirklich gesponserten Festivitäten, die seit 2003 immer mehr
Menschen in den Stadtteil bringen, wurden mit dem erklärten Ziel
etabliert, den Stadtteil vom Randale-Image zu lösen. Manche
Politaktivisten sprechen von einer Befriedungsstrategie.
Viele der alten und jungen Ton Steine Scherben-Fans schien der
gesponserte Auftritt nicht sonderlich gestört zu haben. Der Platz war
überfüllt, obwohl fast zeitgleich zum Auftritt die revolutionäre
1.Mai-Demonstration erstmals durch das Myfest laufen konnte. Ca. 8000
Menschen haben sich daran beteiligt. Damit ist auch ein Wunsch der
zivilgesellschaftlichen Myfestveranstalter in Erfüllung gegangen. Sie
haben immer wieder betont, dass sie friedliche Demonstrationen nicht
verhindern wollen und dass das Feiern und Demonstrieren
gleichberechtigt am 1. Mai in dem Stadtteil möglich sein müsse. Die
Probe auf das Exempel wurde in diesem Jahr erbracht. Die Demonstration
konnte ohne große Probleme durch die teilweise schon angetrunkene Menge
in bierseliger Feierlaune ziehen.
Das Myfest hat durch die Vereinbarung mit dem Demobündnis doch noch die
lange vermisste Legitimation durch die linke Szene bekommen. Die
Demonstrationsorganisatoren konnten wiederum beweisen, dass sie das
Spiel mit der Militanz vor allem zur Mobilisierung der Anhänger nutzen
können, aber sehr wohl zwischen Propaganda und Wirklichkeit zu
unterscheiden wissen. So machte ein sogenannter Freiräumeblock, in dem
politisch-kulturelle Projekte Berlins, deren Existenz gefährdet ist,
enstanden, im autonomen Symbolismus Anleihen an die 80er Jahre. Doch in
der Tagespolitik haben fast alle dieser Projekte in einem Offenen Brief
ihre Unentbehrlichkeit für die Metropole Berlins betont. Damit setzen
sie die autonome Symbolpolitik fort, die sich an bestimmten
Schlüsseltagen radikal maskiert, im Alltag aber die eigenen, schon
lange prekären Arbeits- und Lebensbedingungen kaum thematisiert.
20 Jahre danach
Der 1.Mai in Kreuzberg ist ein solches Schlüsseldatum. Vor 20 Jahren
sorgte eine Mischung aus Wut über Polizeimaßnahmen und soziale
Ausgrenzung für stundenlange Straßenschlachten. Die Polizei hatte sich
sogar für eine Nacht aus Teilen des Stadtteils zurückgezogen. Diese
Ereignisse sind schon längst Teil der großen linken Erzählung über den
1. Mai geworden.
Mittlerweile ist nicht wenigen damals im Stadtteil wohnenden Studenten
verschiedener geisteswissenschaftlicher Fakultäten der Marsch durch die
Medien gelungen. So ist es nicht verwunderlich, dass 20 Jahre danach
verschiedene Versionen der Erzählungen über den 1.Mai 1987 aus den
diversen Szeneblättern in die Feuilletons der großen Medien gewandert
sind. Dort wird jetzt süffisant daran erinnert, dass die damals als
Normalos gescholtenen Bürger auch beim Plündern schlauer als die linke
Szene waren. Während letztere die aus aufgebrochenen Supermärkten
erbeuteten Güter mit den Händen nach Hause getragen hätten, seien die
Bürger schon mit großen Einkaufstaschen in die Läden gekommen.
Schon längst ist der 1.Mai 1987 auch im Kreuzberg Museum (3)
historisiert worden. Wurfgeschosse der Demonstranten sind dort ebenso
hinter gläsernen Vitrinen zu betrachten wie autonome Szeneblätter. Ein
Großteil der heutigen Kiez-Eliten des Stadtteils hat den 1.Mai
miterlebt, teilweise aktiv mitgestaltet. Deswegen gibt es auch so
verschiedene Erzählungen über das Ereignis. Während die einen den Tag
als Vergangenheit begreifen, die man seinen Kindern und später den
Enkeln erzählen kann, hat es die zersplitterte linke Szene schwieriger.
Sie will aus den Ereignissen des 1.Mai 1987 Schlussfolgerungen für die
aktuelle politische Arbeit ziehen.
Weil aber ein gemeinsames Projekt fehlt, kann man schon seit mehr als
10 Jahren das Schauspiel beobachten, dass sich diverse linke Gruppen um
die richtige Erzählung über den 1.Mai und die Lehren daraus zanken.
Zunächst stritten sich maoistisch geprägte Gruppen nicht nur verbal mit
Autonomen, dann hatte die Popantifa das Feld betreten und dadurch noch
mal eine ganze Generation jüngerer Menschen für den Kreuzberger 1.Mai
begeistert. Doch sie sind heute meistens auch mit ihrem Studium am Ende
und ziehen unterschiedliche politische Schlussfolgerungen. Das konnte
man in diesem Jahr besonders gut beobachten.
Unterschiedliche Schlussfolgerungen
Ein Großteil der Aktivisten hat sich nach einigen Jahren ganz aus dem
aktiven politischen Leben zurückgezogen. Für politische Ideen sind sie
nicht mehr richtig zu begeistern, doch zu begeisterten Staatsbürgern
sind sie auch nicht geworden. Für diese Menschen könnte der Roman Herr
Lehmann (4) von Sven Regner das Vorbild abgegeben haben.
Ein anderer Teil der ehemaligen Aktivisten will sich die Radikalität
vor allem in der Theorie bewahren, sieht aber in der aktuellen
Beschaffenheit der deutschen Gesellschaft und ausdrücklich auch der
real existierenden linken Szene wenig Hoffnung auf emanzipatorische
Politik. Aus diesen Kreisen wurde in Abgrenzung der verschiedenen
Mai-Aktivitäten schon am 30.April eine Demonstration unter dem Motto
Reduce the Maxx (5) mit ca. 800 Teilnehmern organisiert. Die Kreise,
die den 1.Mai 1987 noch für sehr relevant für die gegenwärtige Politik
halten, hatten Demonstrationen um 13 Uhr (6) und 18 Uhr (7)
angemeldet, die alle ohne größere Zwischenfälle über die Bühne gingen.
Kleinere Ausschreitungen, die es auch in diesem Jahr gab, begannen
lange nach dem Ende der Demonstrationen. Ein anderer Teil der
ehemaligen Aktivisten versucht die eigene Situation als prekär
Beschäftigte zu politisieren und organisierte den Mayday (8) unter dem
Motto Solidarität statt Prekarität (9).
Auch in diesem Jahr haben sich in Berlin über 8000 Menschen beteiligt
(10). Darunter waren viele in die Jahre gekommene Aktivisten der
Mai-Demonstrationen der frühen Jahre. Der Berlin-Chef der Tageszeitung
Uwe Rada sieht (11) im Mayday eine aktuelle Interpretation des
historischen Ereignisses. Die Hinwendung zu aktuellen sozialen Themen
interpretiert (12) er als eine Repolitisierung des 1.Mai. In den
letzten Jahren hatten sich auch die meisten Pressevertreter in der
Regel nur für die Frage interessiert, ob die Auseinandersetzungen am 1.
Mai in Kreuzberg größer oder kleiner als im Vorjahr waren. So ist es
auch nicht verwunderlich, dass am 2.Mai 2007 die Ereignisse des Vortags
in Kreuzberg außerhalb Berlins kein Thema mehr waren.

LINKS

(1)
http://lyrics.songtext.name/Ton%20Steine%20Scherben/Mensch-Meier-142071.
html
(2)
http://www.myfest.de/
(3) http://www.kreuzbergmuseum.de/
(4) http://www.herr-lehmann.de/
(5) http://top-berlin.net/?page_id=27
(6) http://www.revolutionaerer-erster-mai.de
(7) http://erstermai.nostate.net/home/
(8) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25174/1.html
(9)
http://maydayberlin.blogsport.de/2007/04/07/hol-dir-dein-leben-zurack-de
r-aufruf-far-2007/
(10)
http://de.indymedia.org/2007/05/174649.shtml
(11) http://www.taz.de/dx/2007/04/27/a0148.1/text
(12) http://www.taz.de/dx/2007/05/02/a0233.1/text