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telepolis23.07.2007Mehr als Durchhalteparolen? Peter Nowak Man will sich nicht erpressen lassen, heißt es nach den Entführungen in Afghanistan, die wieder eine Diskussion über den umstrittenen Einsatz ausgelöst haben Wir dürfen uns nicht erpressen lassen. Dieser Satz war in den letzten Tagen immer wieder von der Bundeskanzlerin (1) und anderen Politikern der großen Koalition, aber auch von Sprechern von FDP und den Grünen zu hören, wenn es um die Entführung der zwei deutschen Ingenieuren aus Afghanistan ging. Diese Beteuerungen sind umso seltsamer, weil doch gleichzeitig immer wieder betont wurde, dass die Hintergründe der Entführung völlig unklar sind. Steckten die Taliban dahinter oder waren sie nur Trittbrettfahrer? Am Freitag meldete sich ein angeblicher Taliban-Sprecher mit dem Namen Yousif Ahmadi telefonisch bei der Deutschen Presseagentur und forderte den Abzug aller deutschen Truppen aus Afghanistan bis Samstagmorgen. Ansonsten würden die Geiseln sterben. Legt der Tod einer Geisel nicht nahe, dass der Taliban-Anruf mehr als ein Bluff war? Auch hierbei widersprachen sich zunächst die Meldungen. Während afghanische Stellen schon den Tod einer Geisel meldeten, wurde das vom deutschen Außenministerium noch dementiert. Dann geriet die Todesursache in den Sog der Spekulationen. Während das Außenministerium betonte, dass die Geisel nicht ermordet worden sei, sondern an den Folgen der Strapazen bei der Entführung und einer vorherigen Zuckerkrankheit gestorben sei, hieß es dann wieder nach einer ersten Obduktion, der Mann habe doch Schussverletzungen erlitten. Jetzt heißt es, der Mann sei nach einem Kollaps von den Entführern erschossen worden. Worauf ist das Informationswirrwarr zurückzuführen? Sicher ist es nicht einfach, sofort genaue Informationen aus Afghanistan zu bekommen. Allerdings kann damit nicht erklärt werden, warum selbst über die Funktion der Geiseln widersprüchliche Angaben gemacht werden. Waren es Mitarbeiter eines in Kabul ansässigen Unternehmens, wie das Auswärtige Amt verlautbarte, oder waren die Männer im Auftrag der Vereinten Nationen tätig, wie das ARD erfahren haben wollte? Die Geheimnistuerei um die Entführten wirft schon Fragen auf, ob man damit nicht verhindern will, dass man sich mit ihnen zu stark identifiziert und unter Umständen noch Druck auf die Bundesregierung macht, um sie zu Zugeständnissen zu bewegen. Solche Beispiele gab es in der Vergangenheit aus Italien und Frankreich öfter. Auch in Leipzig haben im letzten Jahr Freunde und Bekannte der im Irak Entführten Arbeiter René Bräunlich und Thomas Nitzschke Namen und Gesicht gegeben und damit eine Kampagne für deren Freilassung ausgelöst. Der ISAF-Kommandeur Dan Mc Neill hat in einem Interview (2) in Kabul die Entführung der Deutschen in den Zusammenhang mit der Afghanistan-Debatte in Deutschland gebracht. Er verwies auf Entführungen von italienischen und französischen Staatsbürgern vor entscheidenden innenpolitischen Debatten um den Afghanistan-Einsatz in diesen Ländern und lehnt Verhandlungen ab. Abwarten bei SPD und Grünen Tatsächlich ist trotz aller Beteuerungen der Politiker, sich nicht erpressen zu lassen, der Afghanistan-Einsatz höchst umstritten. Schon beim SPD-Vorsitzenden wurde die vollmundige Unterstützung für die Linie der Regierung durch die Erklärung relativiert, dass sich seine Partei in einer Findungsphase befindet. Juso-Chef Björn Behning brachte schon mal den Rückzug (3) der deutschen Soldaten aus Afghanistan ins Gespräch. Erst nach der Sommerpause, am 7. September, werden sich die Parteigremien über die künftige Linie verständigen. Bis dahin haben die Delegierten genügend Zeit auszuloten, ob man nicht mit einer größeren Distanz zum Afghanistan-Einsatz bei den Wählern punkten kann. Vor allem fürchtet man in der SPD, der Linkspartei zusätzliche Wahlkampfmunition zu bieten, wenn sie sich nicht zumindest rhetorisch von der harten Linie wegbewegt. Ähnlich werden die Diskussionen bei den Grünen laufen. Der von der Parteibasis durchgesetzte Sonderparteitag am 15. September (4) versprach zunächst eher spannungsarm zu verlaufen. Anders als noch bei den von turbulenten Szenen bestimmten Parteitag zum Jugoslawieneinsatz im Jahr 1999 sind die Grünen nicht mehr direkt in der Verantwortung und können deshalb viel kritischere Resolutionen formulieren. Die Linie der Parteimehrheit zeichnet sich schon jetzt ab. Man wird den Schwerpunkt auf die zivile Aufbauarbeit und die Ausbildung der afghanischen Polizei setzen und mit kritischen Bewertungen vor allem des KSK-Einsatzes nicht sparen. Der Ströbele-Flügel dürfte damit ebenfalls eingebunden werden. Allerdings können weitere Entführungsfälle und Anschläge die Parteitagsregie noch über den Haufen werden, so dass am Ende die Beschlüsse doch kritischer ausfallen. Dass sich die SPD eine Woche vorher über ihre Position verabredet, dürfte für die grüne Mehrheit als Glücksfall empfunden werden. So kann man mit realpolitischen Argumenten zu überschwängliche Pazifismusbekundungen bändigen. So ist sowohl bei der SPD als auch den Grünen bei aller Detailkritik keine Totalrevision des Afghanistaneinsatzes zu erwarten. Mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan? Der Knackpunkt dürfte eher bei der Frage liegen, ob das deutsche Kontingent als Antwort auf die Entführungen noch aufgestockt werden soll. Genau diese Forderung hat der ISAF-Kommandeur Mc Neill jetzt erhoben. Er sparte nicht mit Lob für die bisherige Arbeit. Ein bis zwei weitere Kontingente wären aber sehr willkommen. Diese Töne dürften bei den politisch Verantwortlichen zwiespältige Gefühle auslösen. Einerseits will man die deutschen Interessen auch am Hindukusch verteidigen, da sind sich Verteidigungspolitiker von SPD und Union einig und wurden durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts kürzlich bestätigt. Andererseits wissen sie nur zu gut, dass die Akzeptanz der Einsätze in großen Teilen der Bevölkerung nicht groß ist. Schon heute heißt es in einem Leitartikel der Frankfurter Rundschau unmissverständlich: Raus aus Afghanistan (5). Auch die Berliner Zeitung warnt (6) davor, dass Durchhalteparolen nicht weiterhelfen, und konstatiert das Scheitern der militärischen Strategie im Irak und in Afghanistan. Das Fazit ist nicht besonders optimistisch: --Der Bundesregierung, den USA und den anderen Allianzpartnern bleibt nur, die Anmaßung dieser vom Militär getragenen Demokratisierungsprojekte zu bekennen, deren Scheitern zu analysieren und schnellstens Lehren zu ziehen - und auf möglicherweise ähnliche Vorhaben, zum Beispiel in Gaza oder dem Iran, schlicht und einfach zu verzichten.-- Besonders wenn weitere deutsche Staatsbürger getötet oder verletzt werden, dürfte die Zustimmung noch mehr schwinden. Doch noch gibt es Optimisten, die mit einer Akzeptanzoffensive die Zustimmung von deutschen Soldaten in Afghanistan erhöhen wollen. 10 Jahre nach der Oderflut erinnern sie sich daran, wie schnell die Bundeswehr zu Helden der Nation aufgebaut werden konnten.
LINKS
(1) http://www.bundesregierung.de/nn_1264/Content/DE/Artikel/2007/07/2007-07 -22-merkel-afghanistan.html (2) http://www.welt.de/politik/article1047249/Isaf-Kommandeur_raet_von_Verha ndlungen_ab.html (3) http://www.welt.de/politik/article1047530/Juso-Chef_fuer_Rueckzug_aus_En during_Freedom.html (4) http://www.gruene.de/cms/themen/dok/190/190858.sonderparteitag_im_septem ber.htm (5) http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/meinung/kommentare/?em_cn t=1177439&sid=1657d1210dba9e14eb5b3744eaa5b6c0 (6) http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/meinung/671928.html |