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ND3.12.07„Attac gehört zu den Gewinnern der Gipfelproteste von Heiligendamm“
Werner Rätz (W.R.) hat 1978 die Informationsstelle Lateinamerika gegründet, seitdem in der Mittelamerika-Solidarität aktiv und Mitglied des Attac-Rates.
1.) Sie werden zum linken Flügel von attac gerechnet. Fühlen Sie sich nach dem „Drang zur Mitte“, den die Tageszeitung TAZ nach dem letzten Attac-Ratschlag diagnostiziert hat, in Ihrer Organisation noch zu Hause?
W.R.: Ich würde dieser Einschätzung widersprechen. Auch nach dem letzten Ratschlag sind bei Attac die unterschiedlichen Positionen weiterhin im Koordinierungskreis vertreten. Sowohl diejenigen, die eine enge Kooperation mit den Nichtregierungsorganisationen suchen, wie auch jene, die den Schwerpunkt auf machbare Reformen legen. Aber auch die Kräfte, die für ein Bündnis mit linken und linksradikalen Gruppen eintreten, wozu ich mich zähle, sind sogar leicht gestärkt vertreten.
2.) Aber warum sind dann drei Mitglieder der Grünen aber niemand von der Linkspartei vertreten?
W.R..: Das ist eher Zufall. Die Parteizugehörigkeit sagt wenig über die politische Ausrichtung von Attac. Mitglieder der Linkspartei im letzten Koordinierungskreis galten nicht immer als besonders offen gegenüber linksradikalen Positionen. Andererseits hat die Zusammenarbeit mit Mitgliedern der Grünen wie Sabine Zimpel, die neu im Koordinierungskreis ist, bei den Gipfelprotesten von Heiligendamm gut geklappt.
3.) Schwächt der Austritt der linken Berliner AG Globale soziale Rechte nicht die linken Kräfte bei Attac?
W.R.: Obwohl ich den Austritt bedauere und die Kritik verstehen kann, sehe ich keine Schwächung der Linken. Auf dem Attac-Ratschlag wurde ein Projekt Globale Soziale Rechte beschlossen, das ich für einen vielversprechenden Ansatz halte und das in einem breiten Bündnis von der IG-Metall bis zu antirassistischen Gruppen reicht. Ich kann allerdings die Enttäuschung der AG nachvollziehen, dass die Debatte zwischen den Protesten von Heiligendamm und dem Attac-Ratschlag nicht intensiv genug geführt worden ist. Ein Grund dafür ist, dass es für solche Debatten noch immer kein geeignetes Medium bei attac gibt. Das zu ändern wird eine Aufgabe des neuen Attac-Koordinierungskreises sein.
4.) Kann Attac die Klammerfunktion zwischen den verschiedenen politischen Spektren noch erfüllen, nachdem während der Gipfelproteste von Heiligendamm von Attac-Sprechern die radikale Linke heftig angegriffen wurde?
W.R.: Es gab bei Attac diesbezüglich unterschiedliche Einschätzungen. Viele, auch ich, haben die Autonomenschelte so nicht geteilt. Es gab zu Recht Irritationen einiger Gruppen über bestimmte Äußerungen. Doch der Gesprächsfaden ist nie ganz abgerissen. Ich bin Mitglied des linken Bündnisses Interventionistische Linke. Auch das „Ums ganze Bündnis“, das mit einem eigenen Aufruf und einem eigenen Block an der Großdemonstration in Rostock am 2. Juni beteiligt war, hat mich zu seinem Kongress am zweiten Dezemberwochenende nach Frankfurt/Main eingeladen Dort wird bei aller Kritik an Attac die Möglichkeit punktueller Bündnisse auch in der Zukunft betont. Ich finde die Kooperation mit diesem Spektrum sehr wichtig, weil von dort berechtigte Kritik an verstecken antisemitischen und antiamerikanischen Argumentationsmustern kommt, die auch für unsere Arbeit bei Attac bedeutsam ist.
5.) Sehen Sie Attac als den eigentlichen eigentliche Gewinner der Gipfelproteste von Heiligendamm?
W.R.: Attac hat auf jeden Fall gewonnen, allein die Mitgliederzahl ist in den letzten drei Monaten von 17 000 auf 19 000 gewachsen. Das ist auch in absoluten Zahlen der größte Zuwachs seit den Gipfelprotesten von Genua. Das ist auch Ergebnis einer Struktur, die Interessierte aufnehmen und aktivieren kann. Davon können andere an den Gipfelprotesten beteiligte Gruppen und Bündnisse sicher auch lernen.
Interview: Peter Nowak