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ND01.06.07Wohnen,Würde, Widerstand
Von Peter Nowak
Erst vor wenigen Wochen sorgten mögliche Zwangsumzüge von Hartz-IV-Empfängern in der Berliner Boulevardpresse für Schlagzeilen. Jetzt hat die Berliner Kampagne gegen Zwangsumzüge ein kleines Buch herausgegeben, das auf den sozialpolitischen Skandal hinweisen soll, dass im reichen Deutschland Menschen ihre Wohnung verlieren, weil die Miete zu hoch ist. Es soll aber auch über die Gegenwehr informieren.
Gerecht wird es beiden Zielen. In leicht verständlicher Form, kombiniert mit Gedichten und Prosa von Bertolt Brecht und Georg Büchner, wird dem Leser vermittelt, dass entgegen einem weit verbreiteten Glauben, Wohnen in Deutschland kein Grundrecht ist. In zahlreichen Städten Deutschlands wurden Erwerbslose zur Senkung ihrer Mietkosten aufgefordert. Die meisten suchen sich eine billigere Wohnung oder ziehen zu Verwandten. Manche verschulden sich, um die Miete von ihrem geringen Arbeitslosengeld zu bezahlen. Gleichzeitig wird in vielen Städten billiger Wohnraum immer knapper, wie die Autoren nachweisen. Oft gibt es schlicht keine Wohnungen zu den Preisen, die vom Jobcenter als angemessene Höchstmiete deklariert werden.
Das Buch gibt Ratschläge, wie die Betroffenen sich gegen die Vertreibung aus ihren Wohnungen wehren können. Besonders nützlich ist für sie die im Anhang aufgelisteten Adressen von Beratungsstellen sowie die Notrufnummern und Internetseiten, die beim Kampf gegen drohende Zwangsumzüge helfen. In einem Kapitel wird ein kurzer Exkurs in die Vergangenheit gemacht. Wer weiß heute noch, dass Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise in vielen Häuserblocks in den proletarischen Kiezen Berlins der Mietstreik ausgerufen worden war? Damals wurden Zwangsräumungen von einer solidarischen Nachbarschaft mit vereinten Kräften verhindert.
Wer das Buch gelesen hat, muss den Eindruck gewinnen, dass sich an der schlechten sozialen Lage auch knapp 75 Jahre später allzu viel nicht geändert hat. Nur die Voraussetzungen für einen gemeinsamen Widerstand im Stadtteil sind heute schwieriger geworden, weil es kaum feste politische Strukturen gibt. Doch auch heute gibt es auf den verschiedenen Ebenen Möglichkeiten, die Vertreibung von Menschen mit wenig Geld aus ihren Wohnungen zu verhindern. Das macht die Lektüre des Buches deutlich.
Kampagne gegen Zwangsumzüge (Hg.): Wohnst du noch oder haust du schon? Zur Wohnungsfrage nach dem SGB II. Fachhochschulverlag, Frankfurt (Main) 2007,· 8 Euro