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telepolis vom 7.3.07Gebete statt Punk
Peter Nowak
Die Räumung eines Jugendhauses in Kopenhagen ist Teil einer Politik
gegen Minderheiten in Dänemark
Das hat es in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen schon lange nicht mehr
gegeben. Seit fast einer Woche reißen Demonstrationen und Blockaden
(1) nicht ab. Der unmittelbare Anlass war die am letzten Donnerstag
erfolgte Räumung des Ungdomshuset (2), eines selbstverwalteten
Jugendzentrums (3) im Kopenhagener Stadtteil Norreport. Am Montag wurde
es schließlich abgerissen. Das Haus in der Jagtvej 69 war im Jahr
1982 alternativen Jugendlichen als Zentrum überlassen worden.
In dieser Zeit galt die dänische Metropole als Hort der Toleranz für
die Alternativkultur. Schon zuvor war der idyllisch auf einer
Halbinsel gelegene Freistaat Christiania (4) zum Anziehungspunkt von
Jugendlichen aus vielen Ländern geworden. Dabei haben sie oft schnell
feststellen müssen, dass es mit der Idylle so weit oft nicht her ist.
So brachte der Kampf gegen Drogendealer das Projekt fast zum Scheitern.
Die Betreiber des Ungdomshuset (5) hatten aus diesen Erfahrungen
gelernt. Harte Drogen waren auf dem Gelände verpönt, vor Konzerten
wurden die Nachbarn um Verständnis für die zusätzliche Lärmbelästigung
gebeten und am Tag danach entfernten die Jugendzentrumsaktivisten
eigenhändig die Graffitis von den Nachbarhäusern. Deshalb war das
Verhältnis zwischen Jugendhaus und Nachbarschaft entspannt. Obwohl
viele der arabischen Familien, die in dem ehemaligen Arbeiterstadtteil
lebten, wahrscheinlich nicht gerade erfreut wären, wenn ihre eigenen
Kinder Besucher des Jugendzentrums gewesen würden.
Wind von Rechts
Ein großer Teil der Bewohner des Stadtteils hat die gleichen Probleme
wie die Jugendzentrumsbewohner. Sie fühlen sich von dem Dänemark, das
die gegenwärtige rechte Regierungskoalition repräsentiert, an die Wand
gedrängt. Der rechtsliberale Ministerpräsident Andres Fogh Rasmussen
(6) wird von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei (7)
unterstützt, die ihren Wahlkampf mit Ressentiments gegen Flüchtlinge
und gesellschaftliche Minderheiten bestreitet.
In ihrem dänischen Volksheim soll es fleißig arbeitenden dänischen
Steuerzahler gut gehen. Für die sollen auch die Sozialleistungen erhöht
werden, so dass in der Frage der Sozialpolitik die DVP schon mal
rhetorisch im Fundus der Sozialdemokraten wildert. Doch wer nicht zum
Kreis der braven Steuerbürger gehört, hat es schwer. Dazu gehören in
erster Linie Flüchtlinge. Dänemark gehört heute zu den Ländern, die
immense Hürden aufbauen, und wurde deshalb schon von internationalen
Organisationen gerügt.
Zu den Opfern dieser Politik gehören auch unabhängige Linke. Dänemark
steht zur Zeit an der Spitze der europäischen Länder, die im Zuge des
Krieges gegen den Terror Grundrechte einschränken ( Im Bann der
Schwarzen Listen (8)). Da kommen schon mal Umweltorganisationen wie
Greenpeace in die Nähe des Terrorverdachts (9). Die kleine linke
Tageszeitung Arbejderen (10) hatte einen Aufruf dokumentiert, in der
die Politik der Schwarzen Listen in Dänemark kritisiert wurde. Bald
bekam sie Besuch von der Polizei. Schon vorher musste der Aufruf von
der Homepage der Rot-Grünen Allianz (11), einer linksökologischen
dänischen Parlamentspartei, entfernt werden. Der Aufruf wurde
verfasst, weil Mitarbeiter der dänischen Gruppe Opror wegen
Unterstützung der beiden auf den Schwarzen Listen stehenden
Organisationen FARC und PFLP angeklagt wurden. Ende April soll das
Verfahren vor Gericht beginnen, das von Juristen und Menschenrechtlern
beobachtet werden wird.
Kein Platz für Subkultur
Zu den Leidtragenden der rechten dänischen Politik gehört auch die
Alternativbewegung, die höchstens als vorpolitisch zu bezeichnen wäre.
Ihr Hauptanliegen war die Erhaltung eines eigenen Freiraums, den sie
sich nach ihren Bedürfnissen selber gestalten kann. Deswegen haben die
Räumung und der nachfolgende Abriss des Jugendzentrums eine emotionale
Seite, die den Beobachter aus der Ferne erst einmal fremd ist. So
legten weinende Jugendliche vor der Ruine des Ungdomshuset Blumen
nieder, als wäre es das Grab eines Verstorbenen.
Verwunderlich ist auch auf den ersten Blick, dass die Räumung und der
Abriss des Jugendzentrums von Menschen verurteilt werden, die
wahrscheinlich nie einen Fuß in das Ungdomshuset gesetzt hatten. Die
Menschen mit arabischem Hintergrund sehen vor allem die neuen Besitzer
als Provokation an. Die rechtschristliche Gruppe Vaterhaus (12) hat
das Ungdomshuset bewusst gekauft. Aus ihrer Sicht schlug sie damit zwei
Fliegen mit einer Klappe. Der Hort des Bösen, der das alternative
Jugendzentrum in ihren Augen war, wurde mit dem Abriss dem Erdboden
gleich gemacht. Dort will sie ein christliches Zentrum errichten. Damit
will sie in dem überwiegend von Menschen mit arabischem Hintergrund
bewohnten Stadtteil als Hort des Christentums auftreten. Deswegen war
die Gruppe auch nicht zum Verkauf zu bewegen, obwohl ihr eine Geldsumme
angeboten war, die höher als der Kaufpreis gewesen wäre.
Auseinandersetzungen mit den Nachbarn sind schon vorprogrammiert.
Die Räumung und der Umgang mit ungeliebten Minderheiten sind aber auch
für andere Gruppen ein Signal. Auch die Bewohner von Christiania
fürchten, dass sie bald weichen müssen. Eine ständige Polizeipräsenz
gehört mittlerweile zum Alltag in den Stadtteil und zermürbt viele
Bewohner.
Pro und Contra
Die dänischen Medien haben die Räumung unterschiedlich kommentiert. Die
der liberalen und linken Opposition nahestehenden Zeitungen beklagten
den Verfall von Liberalität im Land. Die regierungsnahen Zeitungen wie
Jyllands-Posten (13) - bekannt geworden durch die Veröffentlichung der
Mohammed-Karikaturen - lobten hingegen die Polizei für ihren Einsatz.
Sie warnten die Politiker davor, in Kopenhagen überhaupt wieder ein
selbstverwaltetes Jugendzentrum zuzulassen, und unterstützten dänische
Politiker, die die Eltern der Jugendlichen in die Pflicht nehmen
wollten. Sie sollen sich gefälligst mehr um ihre Kinder kümmern und so
verhindern, dass sie auf dumme Gedanken kommen.

LINKS

(1) http://flereungdomshuse.blogspot.com/
(2) http://ungeren.wordpress.com/
(3) http://politiken.dk/fotografier/article255051.ece
(4) http://www.christiania.org/
(5) http://www.ungeren.dk/
(6) http://www.andersfogh.dk/
(7) http://www.danskfolkeparti.dk/
(8) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24047/1.html
(9) http://www.taz.de/pt/2006/02/13/a0095.1/text
(10) http://www.arbejderen.dk/
(11) http://www.enhedslisten.dk/
(12) http://faderhuset.dk/
(13) http://www.jp.dk/indland/