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telepolis vom 15.10.07Kalter Krieg zwischen USA und Türkei Peter Nowak 15.10.2007 Nach dem rhetorischen Geplänkel ist mit Normalisierung der Beziehungen zu rechnen In den vergangenen Tagen beschossen türkische Militärs wiederholt das nordirakische Kurdengebiet.. Es war nicht das erste Mal, dass die Region, die von den türkischen Politikern und Militärs als Rückzugsgebiet der kurdischen Guerilla von der PKK angesehen wird, in die Kämpfe einbezogen wurde. Schon seit mehreren Jahren verkünden die Medien, dass das türkische Militär in den Nordirak einmarschieren will. Doch in diesen Tagen findet das Bombardement größere Aufmerksamkeit. Mit dem Wiedererstarken der kurdischen Guerilla, deren Angriffe zunehmend Opfer unter den türkischen Soldaten fordern, finden die nationalistischen Gruppen mehr Gehör, die auch einen Einmarsch in den Nordirak fordern. Mit einer solchen Intervention würde die Türkei endgültig zur Kriegspartei im Irak werden. Verhindert werden soll, dass sich im Nordirak ein eigener kurdischer Staat mit weitgehender Autonomie etabliert. Die türkischen Nationalisten fürchten, dass durch einen solchen Schritt auch die kurdischen Autonomiebestrebungen in der Türkei bestärkt werden. Ein Einmarsch in den Nordirak würde überdies dem Traum von großtürkischen Nationalisten entgegen kommen, überall da, wo angeblich türkischsprachige Minderheiten leben, Flagge zu zeigen. Tatsächlich wird in Nordirak schon länger eine turkmenische Minderheit unterstützt, die sich in Konflikten mit der kurdischen Regierung befindet. Mit Nachrichten über die angebliche oder tatsächliche Diskriminierung dieser Minderheit im Nachbarland gelingt es den türkischen Nationalisten, Zustimmung im Land für eine Intervention zu finden. So ist ein Großteil der kemalistischen Opposition in der Türkei mittlerweile auf die Interventionslinie eingeschwenkt. Auch führende Militärs drängen schon lange auf einen Einmarsch. Dadurch wächst der Druck auf die konservativ-islamische Regierung, denn dem Vorwurf, die nationalen türkischen Interessen nicht genug zu vertreten, will sie sich nicht aussetzen. Dabei war sie eigentlich nach den letzten Parlamentswahlen in einer komfortablen Situation. Trotz des starken Drucks des Militärs und der kemalistischen Opposition, die vor einer Islamisierung der Türkei warnte, gewann die AKP Stimmen hinzu und konnte den Posten des Staatspräsidenten besetzen. Die Opposition und selbst das lange Zeit mächtige Militär mussten zur Kenntnis nehmen, dass ihre Warnungen vor dem angeblichen Islamismus eher der AKP Stimmen brachten. Doch mit dem Vorwurf, die Regierung vernachlässige die nationalen Interessen, in dem sie vor einem Einmarsch in den Nordirak zurück schreckt, hat die Opposition jetzt wieder ein kampagnenfähiges Thema gefunden. Daher wird sich zeigen, wie lange die Regierung den Druck noch standhalten kann. Genozid als politische Waffe Deshalb kam der Beschluss des US-Repräsentantenhauses (H. Res. 106), das mit 27 zu 21 den Völkermord an den Armeniern als Genozid verurteilte, für die türkische Regierung besonders ungünstig. Eigentlich muss man sich wundern, wieso eine Resolution zu einem über 90 Jahre zurück liegenden historischen Ereignis zu einer Krise im binationalen Verhältnis zwischen der Türkei und den USA führen kann. Längst ist klar, dass von beiden Seiten mit der Vergangenheit Politik gemacht wird. Die Türkei betrachtet (1) jedes Land, dass die Armenienpolitik der jungtürkischen Bewegung als Genozid bezeichnet, als Feind. Das musste im letzten Jahr die französische Regierung erfahren. Auch dort hatte das Parlament gegen den Willen von Regierung und des Präsident eine Resolution verabschiedet, in der vom Genozid an den Armeniern die Rede war. Doch nach martialischen Erklärungen (2) aus Ankara normalisierten sich die Beziehungen später wieder. The House of Representatives-- (1) calls upon the President to ensure that the foreign policy of the United States reflects appropriate understanding and sensitivity concerning issues related to human rights, ethnic cleansing, and genocide documented in the United States record relating to the Armenian Genocide and the consequences of the failure to realize a just resolution; and (2) calls upon the President in the President's annual message commemorating the Armenian Genocide issued on or about April 24, to accurately characterize the systematic and deliberate annihilation of 1,500,000 Armenians as genocide and to recall the proud history of United States intervention in opposition to the Armenian Genocide. In den USA wurde das Thema von Politikern genau in der Absicht aufgegriffen, der Türkei die Grenzen ihre Macht zu zeigen. Denn die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind schon seit mehreren Jahren gespannt. Das wurde im Vorfeld des Irakkrieges 2003 besonders deutlich. Das türkische Parlament hatte trotz massiven Druck dagegen gestimmt, eigenes Territorium für den US-Truppenaufmarsch gegen den Irak zur Verfügung zu stellen ( Ein kurzes Ja für die Stationierung der US-Truppen in der Türkei (3)). Wie stark auf Seiten der USA die Verärgerung über die widerspenstige Haltung der türkischen Politiker war, zeigte sich nach dem Sieg der USA geführten Koalition über das Saddam-Regime. Am 4. Juli 2003, einige Wochen nach dem von US-Präsident Bush ausgerufenen Ende des Krieges, wurden in der nordirakischen Stadt Silemani, im kurdischen Autonomiegebiet, elf türkische Offiziere und Geheimdienstoffiziere sowie 13 Zivilisten gefangen genommen. Mit Säcken über ihre Köpfe gestülpt wurden diese Offiziere von US-Soldaten abgeführt und 60 Stunden festgehalten und dann in die Türkei abgeschoben. Dieses Ereignis wiederum brachte türkische Nationalisten in Wallung. Das zeigte sich besonders am Erfolg des antiamerikanischen und stellenweise antiisraelischen Blockbusters "Tal der Wölfe" ( Von einer Gesellschaft, die auszog, das Gruseln zu lernen (4)). In dem Film ist die demütigende Verhaftung der türkischen Spezialbeamten durch die USA der entscheidende Moment für den Beginn des Kampfes gegen die westlichen Alliierten. Doch so martialisch sich auch die nationalistische Seele in dem Film exponieren mag, im realen Leben sind die Möglichkeiten der Türkei tatsächlich sehr begrenzt. Die Beziehungen zwischen dem türkischen Militär und der USA waren immer sehr eng. Ein Bruch mit ihrem langjährigen Verbündeten können sie sich gar nicht leisten. So ist in der Türkei allen klar, dass nach einer Zeit des rhetorischen Geplänkels eine Normalisierung der Beziehungen zwischen USA und der Türkei unausweichlich ist. Zur Zeit schlagen die Emotionen noch hoch. "27 idiotische Amerikaner" titelte das türkische Massenblatt Vatan (5) in Bezug auf die Befürworter der Armenienresolution. Die islamisch-konservative Zeitung Vakit (6) sprach von amerikanischer "Hurerei", das Massenblatt Hurriyet (7) nannte die Resolution ein "Gesetz des Hasses". Aber es wird auch in den türkischen Medien schon darauf verwiesen (8), dass die US-Regierung aus pragmatischen Gründen gegen die Resolution war und ist, aber sich nicht gegen die demokratische Mehrheit durchsetzen (9) konnte. In Zukunft könnte die gemeinsame Gegnerschaft zur kurdischen Nationalbewegung von Seiten der USA stärker betont werden. Schließlich werden die PKK-Nachfolger sowohl in den USA als auch in den USA als Terroristen bezeichnet und stehen auch auf den Schwarzen Listen von EU und USA. Dass die USA die Türkei bisher von einem Kampf gegen die rebellischen Kurden über die Grenze hinweg abhalte will, hat nichts mit einer Sympathie der USA mit dem Kampf der Kurden zu tun. Doch als Faustpfand im Konflikt beider Länder werden sie auf jeden Fall benutzt. Das war in der Vergangenheit auch zwischen anderen Ländern in der Region ähnlich und hat der kurdischen Bewegung am Ende immer nur Niederlagen und hohe Verluste beschert.
LINKS
(1) http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/7/0,3672,2290023,00.html (2) http://www.tagesspiegel.de/politik/international/;art123,2313330 (3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14299/1.html (4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22153/1.html (5) http://www.gazetevatan.com/ (6) http://www.vakit.com.tr/ (7) http://www.hurriyet.com.tr/ (8) http://www.turkishdailynews.com.tr/ (9) http://www.todayszaman.com/tz-web/detaylar.do?load=detay&link=124624 |