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telepolis vom 21.3.07US-Raketenabwehrsystem: Ein bisschen Frieden für die SPD Peter Nowak Mit der Kritik an den US-Raketenplänen bereitet sich die SPD schon mal auf kommende Wahlkämpfe vor Gut war es in den letzten Wochen um die SPD nicht bestellt. In Wählerumfragen lag sie beständig einige Punkte hinter den Unionsparteien und das innerparteiliche Desaster bei der Kandidatensuche in Hamburg zeigte, dass nicht einmal aus ihren ehemaligen Hochburgen Rettung zu erwarten ist. Dass die Union auch weit von einer eigenen Mehrheit entfernt ist, konnte für die Sozialdemokraten nur ein schwacher Trost zu sein. Während Bundeskanzlerin Merkel anlässlich ihres Polenbesuches Verhandlungsgeschick selbst von ihren Gegnern nachgesagt wurde, konnte der sozialdemokratische Regierungspartner nicht auf einen großen Stimmungsumschwung in der nächsten Zeit rechnen. Doch jetzt könnten die Sozialdemokraten doch noch einen Weg gefunden haben, wie sie aus dem Tief herauskommen. Sie haben den Frieden entdeckt. Der ist nach sozialdemokratischer Lesart bedroht von dem Raketenschild, das die USA in einigen europäischen Ländern errichten will ( Europäisches Wettrüsten nicht ausgeschlossen (1)). Diese Pläne sind in großen Teilen der Bevölkerung Deutschlands, aber auch anderer Länder, einschließlich Polens und Tschechiens, alles andere als populär. Wer sich in Deutschlands zu stark für diese Pläne ausspricht, verliert Unterstützung. Dieses Dilemma der Unionsparteien könnte ein neues Schutzschild der SPD sein, wie es ein Kommentar (2) in der Süddeutschen Zeitung ausdrückte. Schon ist von Goslar II die Rede. In der Kleinstadt am Rande des Hartz hatte der damalige Bundeskanzler Schröder seinen deutschen Weg ausgerufen und so nach Meinung der öffentlichen Meinung, Deutschland aus dem Irakkrieg herausgehalten. Zumindest ist es ihm damit gelungen, in scheinbar aussichtsloser Position noch einmal das Bundeskanzleramt zu behaupten. Auch wenn wir heute wissen, dass dieser Weg gar nicht so gradlinig war, wird diese Politik auch im Nachhinein von großen Teilen der Bevölkerung in Deutschland als Pluspunkt gesehen. Deshalb hat es auch die Union vermieden, zu offen daran zu erinnern, dass sie damals die Position von US-Präsident Bush vertreten hat. Die SPD hingegen kann nach Bedarf genau diese Bilder wieder in die Öffentlichkeit bringen Vorbereitung auf die nächsten Wahlen . Die Auseinandersetzung um das Raketenschild dürfte schon ein Vorgeschmack für die nächsten Bundestagswahlen sein. Noch ist nicht einmal klar, ob die große Koalition die reguläre Regierungszeit übersteht. Erst in der letzten Woche wurde über Befürchtungen in der Unionsspitze berichtet, die SPD könnte die Koalition platzen lassen, wenn die nächsten Landtagswahlen schlecht für sie ausgehen oder wenn sie mit einem Thema beim Wähler punkten zu können glaubt. Das Raketenschild kommt da tatsächlich wie gerufen. Schließlich gibt es in der Innenpolitik kaum ein Thema, bei dem sich die SPD wirklich gegenüber der Union profilieren könnte. Die SPD-Spitze hat das Dogma der eisernen Sparpolitik zu sehr verinnerlicht, als dass sie hier noch einmal einen Schwenk zum Keynesianismus machen könnte. Selbst die Differenzen in der Gesundheitspolitik sind viel zu kompliziert für eine Profilierung. Das ist beim Thema Raketenschild anders. Mehr noch als bei der Auseinandersetzung um den Irakkrieg könnten hier alte Bilder über eine angebliche US-Vorherrschaft in Europa, über ein Euroshima, über ein Schlachtfeld Europa wieder abgerufen werden, wie es schon in der Friedensbewegung der 80er Jahre im Streit um die Stationierung der Mittelstreckenraketen gelungen war. Nur mit einen gewaltigen Unterschied: In Zeiten der Blockkonfrontation hatte die Union gegenüber den Rüstungskritikern einen gewaltigen Trumpf. Sie konnten sie als Handlanger Moskaus verunglimpfen - und das hat lange Zeit auch gezogen. Mit dem Ende der Blockkonfrontation hat sich das Blatt gewendet. Da müssen die Aufrüstungsbefürworter mit dem Stigma leben, gegenüber den USA zu willfährig sein. Diese Kritik wird bis weit in bürgerliche Kreise geteilt. Die Unionsabgeordneten Gauweiler und Wimmer, die sich vehement gegen eine Ausweitung des Bundeswehrmandats für Afghanistan wehrten ( Islamistische Botschaften an die öffentliche Meinung (3)), haben hier eine Basis. Schon deswegen muss die Union jeden positiven Bezug auf das Raketenschild vermeiden. So kritisieren die konservativen Politiker ihre SPD-Kollegen auch weniger dafür, dass sie sich gegen die US-Pläne aussprachen, sondern dass sie das Thema (4) emotionalisieren und zu parteipolitischen Zwecken missbrauchen. Wer so argumentiert, hat eigentlich schon verloren. Rettungsanker Nato? Bundeskanzlerin Merkel versucht eigene Akzente zu setzen, indem sie nicht direkt für oder gegen die Raketenpläne Stellung nahm, sie aber der Nato unterstellen will. Damit wäre das Projekt erst einmal auf die lange Bank geschoben, weil eine schnelle Einigung in dem Militärbündnis kaum zu erwarten ist. Die USA haben allerdings wenig diplomatisch diese Pläne schnell zurück gewiesen. Die Stationierung sei nur eine Angelegenheit der USA und der Stationierungsländer Polen und Tschechien, erklärte der Chef des Raketenabwehrprogramms General Henry Obering. Damit bestärkt er noch die Befürchtung, die USA wollen mit dem Raketenplänen auch den Streit nach Europa tragen und so die Formierung eines eignen auch außenpolitisch handlungsfähigen europäischen Blockes verhindern. Donald Rumsfelds Polemik vom alten und neuen Europa könnte hier in neuer Form wieder aufleben. Ein innereuropäischer Streitpunkt könnte hier das Verhältnis zu Russland sein. Da mag auch von Seiten der USA noch so oft erklärt werden, das Raketenschild richte sich überhaupt nicht gegen Russland. Dass es nun ausgerechnet in zwei Ländern errichtet werden soll, die ein zumindest gespanntes Verhältnis zu Russland haben, und dass die russische Regierung nicht zuletzt auf der Sicherheitskonferenz in München sehr empfindlich auf die Rüstungspläne reagierte, spricht Bände. Ein Europa, das über sein Verhältnis zu Russland zerstritten ist, läge ganz im Interesse der USA. Sie hätten damit Europas wundesten Punkt getroffen. Allerdings darf man den lautstarken Gegnern des Rüstungsprogramms, zu denen sich mit Beck, Struck, Steinmeier und Heil gleich vier Sozialdemokraten gesellt haben, vor allem populistische Motive unterstellen. Denn so laut die US-Rüstungspläne beklagt werden, so sehr schweigt man über die EU-internen Rüstungspläne. Erst vor kurzem hat die britische Labourparty die Moderniserung der Atomwaffen (5) beschlossen (6). Allerdings scherte der linke Flügel der Partei aus und so konnte das Projekt nur mit Hilfe der britischen Konservativen im Parlament verabschiedet werden. Von der deutschen Sozialdemokratie hörte man über diese Projekte dieser Londoner großen Koalition kein Wort der Kritik.
LINKS
(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24694/1.html (2) http://www.sueddeutsche.de/,tt1m3/deutschland/artikel/159/106053/ (3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24817/1.html (4) http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EEDED2AD6B8 16495680EC2D3B8149C2AD~ATpl~Ecommon~Scontent.html (5) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24139/1.html (6) http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/politics/6451615.stm |