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ND08.11.2007Die Gewöhnung
Tagebuch aus Theresienstadt
Von Peter Nowak
Interessiert das heute überhaupt noch jemand?«, fragte Eva Roubickova, als Historiker ihr Tagebuch aus Theresienstadt veröffentlichen wollten. Nachdem es in den USA erschienen ist, liegt es nunmehr auch auf Deutsch vor.
Eva Mändl Roubickova ist 1921 in der nordböhmischen Stadt Saaz geboren worden, wo die deutschsprachige jüdische Familie bald mit dem zunehmenden Antisemitismus der deutschvölkischen Bewegung konfrontiert wurde. Frühere Freunde und Mitschüler, ebenso die Lehrer, erinnert sich die Tagebuch-Autorin, sahen alle Juden als minderwertig an. »Sie sprachen nicht mehr mit uns.« Während die Deutschvölkischen mit dem Münchner Abkommen 1938 ihren Sieg feierten, floh die damals 17-jährige Eva Mändl mit ihrer Familie nach Prag. Alle Versuche, ein Visum für die USA zu bekommen, waren vergeblich.
Eva Mändls Tagebuch beginnt am 1. Januar 1941. Das Wetter wird vermerkt und die Neujahrsansprachen von Hitler und Roosevelt. Im ersten Teil des Tagebuchs dominieren Reflexionen über Besuche bei Freunden und Verwandten, zunehmend wird die Entrechtung der Juden vermerkt. So heißt es unter dem Datum vom 20. Januar 1941. »Juden können jetzt keine Semmeln mehr kaufen oder sie bekommen kein Mehl.« Am 2. Februar wird erwähnt, dass Juden nicht mehr im Wald spazieren gehen oder eine Gaststätte besuchen dürfen. Kurze Zeit später müssen sie ihre Telefone abgeben.
Als dann der Gelbe Stern eingeführt wird, zeigen tschechische Freunde, aber auch Unbekannte, offen ihre Solidarität mit den Verfolgten. Mehrfach wird dies im Tagebuch gewürdigt. Die Hutmacherin jedoch, bei der die Autorin arbeitet, nutzt deren verzweifelte Situation aus, um sie für wenig Lohn viel arbeiten zu lassen. Mitte Dezember 1941 werden die Prager Juden deportiert, Eva Mändl und ihre Familie in die nordböhmische Festungsstadt Theresienstadt. Das dort errichtete Ghetto wird von den Nazis dem Ausland als Beleg für das angeblich angenehme Leben der Juden im »Dritten Reich« vorgeführt. Konzerte und Theater sollen dies bekräftigen. Eva Mändl schildert den Alltag in Theresienstadt, die Verzweiflung der Menschen, die aus den unterschiedlichsten Regionen dort zusammengepfercht wurden. Sie beschreibt auch, wie sie sich einigermaßen einzurichten versuchten. »Langsam gewöhnen wir uns an das Ghettoleben.« Der Titel soll nicht suggerieren, dass sich die Bewohner mit den Bedingungen abgefunden haben, betonen die Herausgeber, Veronika Springmann und Wolfgang Schellenbacher: »Die Autorin verleiht ... diesem ›Gewöhnen‹ eine andere Bedeutung: Herausgestrichen wird hier ein sich aneignen, im Sinne von aktiv kümmern, sich mit den Umständen vertraut machen und diese für sich zu nutzen wissen.«
Detailliert berichtet Eva Mändl über die letzten Monate und die Angst vor den Transporten in die Vernichtungslager. Einmal gelingt es ihr, in letzter Minute von der Liste der Deportierten gestrichen zu werden. Nachdem im September 1944 fast all Freunde und Verwandten bereits in die Wag-gons gen Osten »verfrachtet« worden sind, verliert auch sie ihren Lebenswillen, unterbricht für mehrere Monate die Einträge ins Tagebuch. Nach der Befreiung schwer krank, konnte Eva Mändl sich nur schwer daran gewöhnen, zu den wenigen Überlebenden zu gehören, verbarg das Tagebuch in hinterster Schrankecke, sprach nicht über ihre Erlebnisse. Heute, wo es kaum mehr Überlebende gibt, sind solche Zeugnisse aus erster Hand besonders wichtig.
Eva Mändl Roubickova: »Langsam gewöhnen wir uns an das Ghettoleben.« Ein Tagebuch aus Theresienstadt. Konkret Literatur Verlag, Hamburg. 240 S., geb., 19,90 EUR.