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ND20.07.07Kampf um die »Rote Straße«
In Göttingen und Marburg streiten Studierende für den Erhalt ihrer selbstverwalteten Wohnheime
Von Peter Nowak
Die meisten Studentenwohnheime befinden sich in der Hand der Studentenwerke. In den linken Studentenhochburgen Göttingen und Marburg ist das aber ein klein wenig anders. Dort werden diese Wohnheime von den Studenten selbstverwaltet. Die linken Projekte sind allerdings in ihrer Existenz bedroht.
Göttingen galt lange Zeit als eine linke Hochburg und die »Rote Straße« war ihr Mittelpunkt. Das selbstverwaltete Studentenwohnheim ist mit den Antifafahnen und den politischen Transparenten mitten in der Göttinger Altstadt immer wieder auch eine Sehenswürdigkeit für neugierige Touristen.
Doch der Name der mitten in der Göttinger Altstadt liegenden Straße hat keinen politischen Hintergrund. Die »Rote Straße« gibt es schon seit Jahrhunderten. Auch der Häuserkomplex »Rote Straße 1 bis 5« wurde schon im 18. Jahrhundert erbaut. Zum linken Zentrum wurde es erst in den letzten Jahrzehnten. Es ist eines der letzten Zeugnisse der bewegten 70er Jahre, als sich wie in vielen anderen Städten auch in Göttingen die Bewohner gegen die Kahlschlag-sanierung auflehnten. Alte Gründerzeithäuser sollten modernen Betonbauten weichen.
Die Bewohner der »Roten Straße 1 bis 5« wehrten sich dagegen erfolgreich. Das Haus ging in den Besitz des Studentenwerkes über. Doch verwaltet wurde es von den Bewohnern selbst und das ist bis heute gängige Praxis. So heißt es auch auf der Homepage: »Wer Interesse am Wohnen in diesen Häusern hat, muss sich direkt an einen der jetzigen Bewohner wenden.«
Doch das soll sich jetzt ändern. Das Studentenwerk will die bisherigen Kollektivmietverträge kündigen und die Praxis der Einzelmietverträge mit begrenzter Dauer einführen, wie sie in vielen anderen Studentenwohnheimen üblich sind. Teilweise mit Erfolg hat das Studentenwerk schon in anderen Göttinger Wohnheimen mit der Umwandlung begonnen.
Doch in der »Roten Straße« regt sich jetzt Widerstand gegen diese Pläne. Rund 100 Bewohner haben die Kampagne »Here to stay« ge-startet und mobilisieren vor allem an der Universität für den Erhalt der selbstverwalteten Häuser. Zu den regelmäßigen Aktionen der Kampagne gehört der Rundgang durch die Mensen und Hörsäle, um die Kommilitonen zu informieren und zu aktivieren.
Das ist gar nicht immer so einfach wie noch vor einem Jahrzehnt, meint ein Aktivist. Denn viele Studierende fragen sich schon, ob die Praxis, dass die Bewohner darüber entscheiden, wer einziehen darf und wer nicht, neue Hie-rarchien schafft. Auch manche Linken sind skeptisch. Sie zweifeln daran, dass es sinnvoll ist, immer im linken Ghetto zu bleiben. Hannah Ehlers von der Kampagne »Here to stay« betont dagegen, dass es ihnen nicht um den Erhalt von linken Privilegien und die Rettung einer revolutionären Nische gehe. Der Erhalt der selbstverwalteten Häuser trage zu einer kulturellen Vielfalt bei.
Doch der Kampf um den Erhalt der selbstverwalteten Wohnheime ist auch ein Kampf um den Erhalt linker studentischer Kultur. Darum wird nicht nur in Göttingen gestritten. In Marburg soll ebenfalls ein selbstverwaltetes Wohnheim geschlossen werden. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg durch Erlass der alliierten US-Truppen gegründet worden. Damit sollten als Gegengewicht zu den damals in Marburg starken Burschenschaften Demokratie und Antifaschismus im studentischen Umfeld etabliert werden. Das hatte Erfolg. Auch dieses Wohnheim hatte sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Hochburg der Linken in Marburg entwickelt. Während das Wohnheim in Gefahr ist, bekommen die Burschenschaften wieder mehr Zulauf. Die aber bewohnen die Villen in der Marburger Oberstadt.