[Index] [Nowak] [2006] [2007]

Frankfurter Rundschau vom 133.07Die Faust aus der Tasche geholt
VON PETER NOWAK
Flying Pickets, herumschweifende Streikposten, nennen sich die Herausgeber des Buches "Auf den Geschmack gekommen. Sechs Monate Streik bei Gate Gourmet". Hinter den ungewöhnlichen Namen verbirgt sich eine Gruppe von sozialpolitisch engagierten Menschen aus dem Ruhrgebiet. Das Buch analysiert einen Arbeitskampf, der weitgehend in Vergessenheit geraten war. Das große Medienecho hatte der Streik von mehr als 70 Beschäftigten der Catering-Firma Gate Gourmet auf dem Düsseldorfer Flughafen schon zuvor nicht gefunden. Dabei dauerte der Arbeitskampf sechs lange Monate - vom 7. Oktober 2005 bis April 2006.
Auch die Herausgeber, die allesamt nicht zu den Beschäftigten gehören, haben den Streik erst nach einigen Wochen registriert und dann aktiv unterstützt. Sie haben also während des Arbeitskampfes tatsächlich als Flying Pickets agiert. Daher wird man natürlich keine objektive Geschichte über den Streik erwarten können. Die Herausgeber lassen keinen Zweifel an der Intention ihres Buches: "Diese exemplarischen Erfahrungen stehen hiermit für künftige Auseinandersetzungen zur Diskussion."
Doch wer jetzt eine geballte Ladung Streikromantik erwartet, wird angenehm überrascht. Denn in dem Buch kommen die Streikenden selber zu Wort. Das Streiktagebuch eines Aktivisten wird abgedruckt. Lange Interviews mit seinen Kolleginnen und Kollegen machen nachvollziehbar, woher der lange Atem im Streikwinter 2005/2006 kam.
Das Management bei Gate Gourmet hatte sich bei McKinsey Rat geholt, um die Arbeitsabläufe zu effektivieren. Ein Arbeiter schildert die Folgen: "Es ist vorgekommen, dass wir an einem Tag Spätschicht hatten und innerhalb von elf Stunden die nächste Schicht, und das war denen immer noch nicht flexibel genug." Die neuen Dienstpläne wurden von den Beschäftigten einhellig abgelehnt. Durch Sonderschichten sei ihre Freizeit derart zerstückelt worden, dass kaum Zeit zum Ausruhen oder für die Familie geblieben sei, berichten sie. Zunächst habe man versucht, die neuen Vorgaben korrekt zu erfüllen. Doch erst die Abwahl des sozialpartnerschaftlich ausgerichteten Betriebsrates machte deutlich, dass die Beschäftigen "die Faust aus der Tasche holten", wie es ein Arbeiter formulierte.
Diese Vorgeschichte macht verständlich, warum es zum Ausstand kam und warum er so lange dauerte. Der Streikalltag war oft von Ohnmacht bestimmt, wie in dem Buch deutlich wird. Die Firma versuchte durch den Einsatz von Leiharbeitern den Ausstand zu unterlaufen.
"Weder Sieg noch Niederlage" - so beschrieb die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sehr diplomatisch das Ergebnis, das nach einem halben Jahr zum Streikende führte. Mittlerweile haben einige Streikaktivisten mit einer Abfindung den Betrieb verlassen. Dazu gehörte auch der kämpferische Betriebsrat, dessen Wahl nicht zu Unrecht als inoffizieller Streikbeginn bezeichnet wird. Denn die Solidarität im Streikzelt ließ sich im Betriebsalltag nicht konservieren. Ein Teil der alten Belegschaft sah in den neu eingestellten Leiharbeitern weiterhin Streikbrecher. Die wiederum nahmen für sich in Anspruch, in der kritischen Zeit die Arbeitsplätze gerettet zu haben. Das führte immer wieder zu Konflikten.
Die Probleme der Gewerkschaftsarbeit in einer deregulierten und aufgegliederten Branche werden im Interview mit dem zuständigen NGG-Sekretär Axel Peters angesprochen. Aus anderen deutschen Gate Gourmet-Standorten kam trotz dringender Aufrufe der Streikenden wenig Unterstützung. Eine Erfolgsstory wird in dem Buch nicht geboten. Dafür eine Streikanalyse, die bei der Benennung von Fehlern und Widersprüchen des Aufbegehrens nicht ausspart und die Diskussion über die Schlussfolgerungen dem Leser überlässt.