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Telepolis vom 24.11.07Menschenrecht auf Suizid?
Peter Nowak
Die populistisch geführte Debatte um Sterbehilfe lässt schon bestehende
Alternativen völlig außer Acht
Anfang November wurden auf einem Parkplatz in der Nähe von Zürich zwei
Deutsche tot in ihrem Auto aufgefunden (1). Schnell stellte sich
heraus, dass es sich um einen Selbstmord handelte, der von der
Organisation Dignitas (2) arrangiert wurde. Das kommerzielle
Unternehmen, das Sterbewilligen gegen Bezahlung ihren angeblich letzten
Wunsch erfüllt, ist in der letzten Zeit in die Schlagzeilen geraten
Dazu hat Dignitas mit der Ankündigung, seinen Tätigkeitsbereich auch
auf Deutschland auszudehnen (3), selber beigetragen. Um auch so
richtig auf sich aufmerksam zu machen, hat die Organisation eine
Provokation angekündigt.
Dignitas erklärte, in Deutschland einen Arzt gefunden zu haben, der
eine Sterbebegleitung machen und das Risiko der Strafverfolgung wegen
unterlassener Hilfeleistung auf sich nehmen und notfalls bis zum
Bundesgerichtshof ziehen will. Denn beim Suizid handelt es sich nach
Ansicht von Dignitas um ein Grundrecht (4), das die Organisation
durchsetzen wollen. Ein positives Urteil würde der Organisation einen
großen Markt bringen. Denn anders als in der Schweiz, wo Hilfe beim
Suizid nicht verboten ist, wird in Deutschland bestraft, wer einem
Sterbenden, auch gegen dessen Willen, keine Hilfe leistet.
Schwierigkeiten in der Schweiz
Dass Dignitas auf den deutschen Markt drängt, liegt aber auch an den
Problemen in der Schweiz. Der leitende Oberstaatsanwalt des Kantons
Zürich, Andreas Brunner, will die Möglichkeiten zur Sterbebegleitung
stark einschränken (5). Dagegen läuft Dignitas Sturm, aber auch Ärzte
und Betroffenenverbände (6) haben Widerstand angekündigt .
Ihre Möglichkeiten, Sterbehilfe zu leisten, werden aber auch bei der
aktuellen Gesetzeslage mittlerweile dadurch eingeschränkt, dass
Dignitas kaum noch Räume findet (7), um die Sterbewilligen
unterzubringen. Immer mehr Nachbarn wollen nicht in der Nähe der
"Todeshäuser" leben und sorgen dafür, dass der Organisation Häuser und
Wohnungen mit baurechtlichen Instrumentarien gekündigt werden. Nur so
ist es zu erklären, dass der angeblich letzte Wunsch der Sterbenden auf
abgelegenen Parkplatzen vollzogen werden musste. Damit wird aber auch
die Dignitas-Propaganda vom schönen Sterben und den kostbaren letzten
Augenblicken im Leben konterkariert. Dignitas spricht von faktischem
Verbot der Sterbehilfe durch die Raumverweigerungen.
Verbotsforderung in Deutschland
Die Empörung über den Vorstoß der Sterbehelfer wurde von der Kirche
über fast alle Parteien geäußert und hat mittlerweile dazu geführt,
dass über ein Verbot (8) von Dignitas diskutiert wird.
Vor allem die Unionsparteien machen sich dafür stark, dass eine schon
im April 2006 von den CDU-regierten Bundesländern Thüringen, Hessen
und Saarland in den Bundesrat eingebrachten Initiative wieder
aufgegriffen wird. Danach soll im Strafgesetzbuch für die
"geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung" eine Freiheitsstrafe von
bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe angedroht werden. Erfasst werden
sollen Taten in Deutschland, aber auch die Vermittlung entsprechender
Leistungen im Ausland. Als "geschäftsmäßig" gilt jede "organisierte
oder gleichartig wiederkehrende" Hilfe zum Suizid. Gewinnstreben ist
nicht erforderlich, weil auch Dignitas betont, "keinerlei kommerzielle
Interessen" zu verfolgen. Das Honorar für die Sterbebegleitung wird als
Erstattung von Auslagen des Personals verbucht.
Gegen Apparatemedizin
Jenseits dieser berufsmäßigen Empörung und der Drohung mit neuen
Verboten haben sich auch Betroffenenverbände (9) mit differenzierten
Stellungsnahmen zu Wort gemeldet. So heißt es im "Onlinemagazin für
Menschen mit Handicap und ihre Freunde" Orthopoint (10) in einem
Kommentar (11):
--Der großen Zulauf, den Dignitas nun auch in Deutschland zu
verzeichnen hat, ist Ausdruck einer berechtigten Angst vieler Menschen,
dass die Medizin bis heute nicht in der Lage ist, das Sterben eines
Menschen angemessen zu begleiten. Darüber hinaus scheint die
Bevölkerung auch kein Vertrauen in die Rechtsgültigkeit der
staatlicherseits propagierten Verfügungsvollmachten zu haben. Für die
Ärzte ist nur ein lebender Patient ein guter Patient. Hospize haben
sich nur teilweise als lohnendes Geschäft für Ärzte und karitative
Organisationen erwiesen. Die Mangelware humane medizinische Sterbehilfe
treibt verzweifelte Bürger in die Arme von Dignitas.--
Hier wird treffend die soziale und psychologische Lage vieler kranker
Menschen wiedergegeben, die ihr Leben nicht von medizinischen Apparaten
und den Entscheidungen von Ärztegremien abhängig machen oder mit
einem Funkarmband leben wollen, das sämtliche Lebensäußerung
überwacht.
.... und Sterbeautomaten
Genau so wenig kann für die Betroffene aber ein Sterbeautomat (12) die
Lösung sein, den der ehemalige Hamburger CDU-Rechtsausleger Roger
Kusch (13) vorstellte. Der ehemalige Hamburger Justizsenator hat nach
seinem Zerwürfnis mit dem Regierenden Bürgermeister Ole von Beust
mittlerweile die Forderung nach legaler Sterbehilfe (14) zum Kernpunkt
seiner rechtskonservativen Rechte Mitte Heimat Hamburg (15) gemacht.
Der Publizist Otto Köhler hatte in einem Beitrag (16) für die
Wochenzeitung Freitag einen Zusammenhang zwischen der neu aufgeflammten
Debatte um Sterbehilfe und neoliberaler Wirtschaftspolitik hergestellt
und Kuschs neue politische Heimat als Selbstmordpartei (17)
klassifiziert.
Humane Alternativen
Bei der heftigen Debatte wird oft unterschlagen, dass es für
Sterbenskranke längst Alternativen gibt, in denen sie ohne
Apparatemedizin und Sterbeautomaten ihre letzten Tage verbringen
können. Zunächst gibt es das Instrumentarium der Patientenverfügungen
(18), mit denen die Betroffenen selber festlegen können, welche
Behandlungsmethoden sie im Ernstfall wünschen.
Daneben existieren Hospize (19), in denen Kranke ihre letzten Wochen
wirklich würdig verbringen können und nicht im engen Auto auf
Parkplätzen, wie es die Organisation mit der Würde im Namen zu
verantworten hat. In einer Erklärung (20) forderte die
Hospizbewegungen den Ausbau solcher Einrichtungen statt populistischer
Töne in der Sterbehilfedebatte.

LINKS

(1)
http://www.welt.de/politik/article1338284/Dignitas_laesst_zwei_Deutsche_
im_Auto_sterben_.html
(2)
http://www.dignitas.ch/
(3) http://www.zeit.de/2007/48/Sterbehilfe
(4) http://www.dignitas.ch/WeitereTexte/SterbehilfeAlsGrundrecht.pdf
(5)
http://www.unine.ch/webdav/site/biblio/shared/documents/droit/NA/ids/200
7/neuids_0702.pdf
(6)
http://www.exit.ch/wDeutsch/dokumente/pdf/EXIT0504D.pdf
(7)
http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/aktuell/keine_ruhe_um_dignitas_1.5
64103.html
(8)
http://www.taz.de/nc/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?r
essort=in&dig=2007%2F11%2F20%2Fa0086&src=GI&cHash=15b8d65d06
(9)
http://www.patientenverfuegung.de/pv/detail.php?uid=381
(10) http://www.orthopoint.com
(11) http://www.orthopoint.com/magazin/10432007.html
(12) http://www.patientenverfuegung.de/pv/detail.php?uid=466
(13) http://www.rogerkusch.de/
(14) http://www.rogerkusch.de/sterbehilfe_1248__Aktuelles.htm
(15) http://www.heimathamburg.de/
(16) http://www.freitag.de/2006/03/06030801.php
(17) http://www.freitag.de/2006/37/06370602.php
(18) http://www.patientenverfuegung.de/pv/zu_beachten.htm
(19) http://www.hospiz.net/
(20) http://www.hospiz.net/presse/archiv/presse_20071106.pdf