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ND07.04.07 Deutscher Herbst                                                                                                                                                         

Der Herbst begann im Frühjahr
Vor 30 Jahren: Das tödliche Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback
Von Peter Nowak
Als »Deutscher Herbst« gilt gemeinhin die Zeitspanne von der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer am 5. September 1977 bis zu seiner Ermordung am 18. Oktober 1977. Doch er war damit längst nicht beendet. Und er hatte auch schon viel früher begonnen, nämlich ein halbes Jahr zuvor am 7. April. An jenem Morgen wurde Generalbundesanwalt Siegfried Buback auf dem Weg zu seiner Dienststelle in Karlsruhe von einem »Kommando Ulrike Meinhof« erschossen. Mit dem obersten Ankläger der Bundesrepublik starben sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Justizbeamte Georg Wurster.
Mit dem Namen dieses Kommandos sollte an die am 9. Mai 1976 tot in ihrer Zelle aufgefundene ehemalige Kolumnistin der Zeitschrift »Konkret«, Ulrike Meinhof, erinnert werden, die als theoretischer Kopf der RAF galt. Die staatliche Version, dass sie in ihrer Zelle Selbstmord verübt habe, wurde damals auch von Menschen, die mit der RAF in keiner Weise sympathisierten, bezweifelt. Zahlreiche (teilweise bis heute) (Hallo welche neuen Erkenntnisse gibt es denn, die hinter dem “teilweise bis heute”stehen, bisher hat die BRD alles vertuscht und geleugnet- die HomepagenmacherInnen) ungeklärte Fragen schienen der offiziellen Todesversion zu widersprechen. In vielen westeuropäischen Ländern hatten sich Komitees gebildet, die mit Unterstützung von Juristen, Künstlern und Politikern die dubiosen Todesumstände untersuchten und die Selbstmord-These hinterfragten.
Für viele junge Linke war die Nachricht vom Tod der Meinhof ein Schock. Sie hatte sich wie ein Lauffeuer im Land verbreitet, obwohl ein Druckerstreik damals gerade das Erscheinen von Zeitungen einschränkte. In zahlreichen Großstädten gingen Tausende auf die Straße, um gegen den vermeintlichen Mord an der Meinhoff zu protestieren. Die Demonstrationen endeten vielfach in heftigen Straßenschlachten. Mit dabei waren linke Aktivisten, die später bei den Grünen Karriere machen sollten – woran die konservative Opposition in der Regierungszeit von Rot-Grün jüngst immer wieder, zwecks politischer Diffamierung und Delegitimierung, erinnerte.
Die Vermutung, Meinhof sei ermordet worden, erschien damals für viele auch deshalb plausibel, weil die Journalistin und RAF-Mitbegründerin im sogenannten Toten Trakt im Gefängnis Köln-Ossendorf mehrere Monate total isoliert gehalten wurde. Gegen die Isolationshaft, der auch andere verhaftete und verurteilte RAF-Mitglieder unterlagen, hatte sich eine bis weit in liberale Kreise reichende Kampagne entwickelt. Die Gefangenen selbst versuchten, sich mit mehreren Hungerstreiks gegen die menschenunwürdigen Haftbedingungen zu wehren.
Am 29. März 1977 begann der vierte Hungerstreik, an dem sich neben Häftlingen aus der RAF auch nicht-politische Gefangene beteiligten. Die Streikenden forderten ein Ende der Isolation und die Einrichtung einer Kommission, die u. a. die Todesumstände von Ulrike Meinhof untersuchen sollte. In diese spannungsgeladene Situation fällt die Erschießung von Buback. In ihrer Erklärung zu diesem blutigen Anschlag warf das »Kommando Ulrike Meinhof« ihrem Opfer vor, mitverantwortlich für den Tod von Meinhof und die Isolationshaft zu sein. Man wolle zudem mit dieser Aktion verhindern, dass weitere Gefangene im Hungerstreik sterben würden. Dieser wurde noch drei Wochen nach Bubacks Tod fortgesetzt und erst am 30. April 1977 mit einer Erklärung beendet. In ihr hieß es, dass der Staat die zentrale Forderung des Hungerstreiks erfüllt und erste Schritte zur Aufhebung der Isolationshaft eingeleitet habe.
Diese Einschätzung sollte sich als illusionär herausstellen. Im Laufe des Jahres 1977 wurden weitere Verschärfungen im Gefängnisalltag durchgesetzt. Damit wurden denn auch von den RAF-Kadern, die sich noch in Freiheit befanden, die Aktionen der nächsten Monate begründet. Am 30. Juli 1977 wurde der Bankier Jürgen Ponto erschossen. Drei Monate später begann mit der Schleyer-Entführung – bei der dessen vier Begleiter Heinz Marcisz, Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler getötet wurden – das Finale des »Deutschen Herbstes«. Am 18. Oktober wurde Schleyers Leiche in Mulhouse (Mühlhausen) gefunden. Zuvor waren im Hochsicherheitstrakt Stuttgart-Stammheim die RAF-Mitgründer Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin tot in ihren Zellen gefunden worden. Die offizielle Version hieß wieder: Selbstmord. Irmgard Möller überlebte schwerverletzt und bestreitet bis heute, dass sie Selbstmord geplant habe.
Nach dem 18. Oktober holten konservative Medien und Politiker zur großen Revanche gegen die 68-Bewegung aus, die sie moralisch als mitverantwortlich für die RAF erklärten. Dabei kamen Menschen ins Visier, die sich explizit gegen bewaffnete Aktionen ausgesprochen hatten.
Exemplarisch war hierfür die harsche Reaktion auf den sogenannten Buback-Aufruf. Der Text wurde Ende April 1977 in einem linken Zirkular des AStA der Göttinger Universität veröffentlicht. Der Verfasser mit dem Pseudonym Mescalero distanzierte sich scharf von den Aktionen der RAF, wollte aber »eine klammheimliche Freude« über Bubacks Tod nicht verneinen. Diesen Halbsatz nahm die Justiz zum Anlass für Ermittlungen gegen den unbekannten Verfasser – erst 24 Jahre später outete sich der Deutschlehrer Klaus Hülbrock als Autor des »Mescalero«-Textes – und alle, die den Aufruf weiter verbreiteten. Zahlreiche Druckereien, Wohngemeinschaften und linke Projekte wurden durchsucht. 50 Universitätsprofessoren, die daraufhin den »Buback-Aufruf« unter eigenen Namen herausgaben, wurden mit Disziplinarmaßnahmen überzogen.
Der »Deutsche Herbst« wurde zur Metapher für eine Zeit, in der jeder Kritiker der politischen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland in die Nähe der RAF gerückt wurde und nicht nur die Springer-Presse und stramm konservative Politiker zur hysterischen Jagd auf vermeintliche Sympathisanten bliesen. ( Damals gab es nicht einfach eine hysterische Hatz - die BRD wurde mittels Krisenstab regiert und sämtliche bürgerlichen Rechte ausser Kraft gesetzt. Da war dann ganz schnell Schluß mit dem Deklamieren selbstverfasster Resolutionen ... die HomepagemacherInnen)
30 Jahre später wird eine kapitalismuskritische Erklärung von Christian Klar in der linken Presse (»Junge Welt«) wie eine Kommando-Erklärung und neuerliche Kampfansage behandelt. Der »Deutsche Herbst« scheint also für manche Politiker und Medienvertreter auch drei Jahrzehnte danach längst nicht beendet zu sein.