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ND06.09.07Die Geschichte der Sieger
RAF und linker Terrorismus – wie das Hamburger Reemtsma-Institut urteilt
Von Peter Nowak
Nein, so prekär haben wir, die kritische Öffentlichkeit, uns das nicht vorgestellt. Aber jetzt ist es gewissermaßen amtlich, weil wissenschaftlich nachgewiesen. Jetzt ist jede weitere Debatte unnötig. Die Rote Armee Fraktion (RAF), deren Aktivisten sich selbst als die größten Gegner des kapitalistischen BRD-Staates bezeichneten, sind rein zufällig in die Illegalität geraten, hatten überhaupt kein politisches Programm und die Mehrzahl der zwischen 1970 und 1998 verfolgten Aktionsziele waren selbstreferentiell, soll heißen, sie konzentrierten sich nur auf die Verbesserung der eigenen Logistik (Geldbeschaffung durch Banküberfälle, Fahrzeugdiebstahl etc.) bzw. auf die Freipressung inhaftierter Gesinnungsgenossen. Als Beweis hierfür wird angeführt, dass bereits 1978 unter Linken gespöttelt wurde, bei der RAF handele es sich um eine »Befreit-die-Kader-Guerilla«.
Dies ist, zusammengefasst, die Botschaft eines zweibändigen Opus magnum, das das renommierte Hamburger Institut für Sozialforschung unter Jan Philipp Reemtsma vorlegte. 47 Autoren, darunter Politikwissenschaftler, Historiker, Germanisten, Theologen, Ethnologen, Literatur- und Medienwissenschaftler bemühen sich, gemäß dem im Vorwort vorgegebenem Grundmuster zu analysieren, klassifizieren und zu definieren, was RAF und linker Terrorismus war (und ist). Da ist manches zu lesen, worüber man sich erstaunt die Äuglein reibt.
Der Germanist Olaf Gätje beispielsweise hat die Sprache im Info-System der RAF untersucht. Er beschreibt, wie die politischen Gefangenen mit Hilfe ihrer Anwälte versuchten, sowohl die Kommunikation innerhalb der Gefängnisse wie auch nach »draußen« aufrechtzuerhalten, so gut es eben ging. Die konsequent angewandte Kleinschreibung deutet er als »in der studentischen Protestbewegung und deren kulturellem Umfeld konventionalisierten Ausdruck einer revolutionären Gesinnung«. Der ungewöhnliche Schreibstil der RAF-Aktivisten sei als ein »metonymisches (d.h. begriffsaustauschendes) Zeichen des Bruchs mit der damaligen bundesdeutschen Gesellschaft und deren Werten zu verstehen«. Wer hätte das gedacht?! Die Germanistin Gudrun Ensslin hatte es einmal einfacher formuliert: »erst der befreite spricht von der unterdrückung nicht mehr in der sprache der unterdrückung«.
Gerade zu abenteuerlich ist der Versuch von Tobias Wunschik, familiäre Verhältnisse als Erklärung für den Entschluss zum bewaffneten Kampf heranzuziehen. Peter-Jürgen Boock sei auf die militante Schiene geraten, weil er lange Zeit in einem Heim untergebracht war, und die Brüder Wolfgang und Henning Beer seien radikalisiert worden, weil ihre alleinstehende Mutter Alkoholikerin gewesen ist. Auch bei Inge Viett, Silke Maier-Witt, Brigitte Mohnhaupt, Volker Speitel und Stefan Wisniewski fehlte ein fürsorgendes Elternteil. Nach Meinung von Wunschik versuchten sie, »möglicherweise mangelnde oder verlorengegangenen familiäre Geborgenheit in einer terroristischen Gruppe zu kompensieren«. Da haben der kapitalistische Staatsaperrat und die bürgerliche Gesellschaft aber Glück gehabt, dass es in den 70er und 80er Jahren in der BRD noch so viele intakte Familien gab! Gänzlich abstrus und der Veröffentlichung in einem renommierten Verlag unangemessen ist die Behauptung Wunschiks, »der Untergrund verhieß einmal Richter, Diktator und Gott in einer Person zu sein. Denn mit der terroristischen Aktion vermag der Attentäter sich gewissermaßen Komplexen der eigenen Minderwertigkeit zu entledigen und Schlagkraft, Vitalität und Potenz zu beweisen«.
Zum Glück enthalten diese beiden Bände nicht nur solche Beiträge. Die hier zitierten Peinlichkeiten kontrastieren mit sehr gut geschriebenen, interessanten und lehrreichen Aufsätzen. Da wäre vor allem das Gespräch des Herausgebers Wolfgang Kraushaar und Jan Philipp Reemtsmas mit dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Horst Herold zu nennen, des Weiteren die Biografien der Aktivisten der ersten Generation, der Aufsatz von Stefan Spiller über die Mescalero-Affäre und die »Sympathisanten«, die Untersuchung von Luise Tremel über die RAF und die deutsche Belletristik zwischen 1970 und 2004 sowie der nachgedruckte Aufsatz von Sebastian Haffner über Mao Tse-tung und den Guerillakampf. Bereits 1966 prophezeite Haffner der US-Aggression in Vietnam eine Niederlage, denn die US-Truppen seien der Guerillataktik eines Volkskrieges nicht gewappnet.
Was ist aus diesen beiden Bänden Neues zu erfahren? Dass Andreas Baaders Ausdrucksweise nicht immer auf der Höhe der Emanzipationsdebatte war, er Frauen mit hier nicht wiederzugebenden Worten diskriminierte, ist spätestens seit Stefan Austs »Komplexen« einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Dass Baader es im jordanischen Camp vorzog, statt in einen Kampfanzug in engen Samthosen durch den Sand zu robben, er sich in Stammheim als Generaldirektor anreden ließ und seine Briefe mit grüner Cheftinte geschrieben hat, ist auch keine spektakuläre Enthüllung. Theoretischer Anspruch und persönliche Praxis klafften sicher nicht nur bei ihm auseinander. Und was soll die Feststellung, mit dem Geld aus Bankenenteignungen der RAF seien keine Obdachlosenasyle oder Suppenküchen unterstützt worden?
Die sich durchziehende Tendenz, die RAF als pseudopolitische Bande zu diffamieren, wird der historischen Wahrheit ganz sicher nicht gerecht. Ein fundiertes Urteil, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, muss den zeitgeschichtlichen Kontext beachten, muss auch die Frage wagen, welche gesellschaftlichen Alternativen es Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre gab. In der Studentenbewegung gab es keinen Konsens in der Gewaltfrage. Und die Idee von der Stadtguerilla ist nicht in den Hir-nen einiger isolierter Einzelkämpfer entstanden, sondern lebte in der 68er Generation und wurde offen in Teach-ins diskutiert, an denen Tausende teilnahmen.
Die APO war die beste Jugendbewegung, die das deutsche Volk jemals hervorgebracht hat. Man hat uns zusammengeschlagen, strafverfolgt, den Tod einiger von uns gern in Kauf genommen, uns zur Zerstreuung und/oder vor allem zur Abschreckung genutzt. Von alldem hier kein ehrliches Wort. Till Meyer, ehemals »Bewegung 2. Juni«, konstatierte im Prolog seiner Autobiografie »Staatsfeind«: »Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.«
Wolfgang Kraushaar (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus. Hamburger Edition. 1415 S., 2 Bände im Schuber, 78 EUR.