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ND26.02.07Tun oder Nichtstun
Buch will Brücke zwischen Erwerbslosen und Gewerkschaften schlagen
Von Peter Nowak
Das Verhältnis zwischen Erwerbslosen- und Gewerkschaftsbewegung war nie frei von Spannungen. Ein neues Buch will die Annäherung fördern.
Bis heute scheint das von den Gewerkschaften geforderte Recht auf Arbeit und das von einigen Erwerbslosenbewegungen propagierte Recht auf Faulheit im Widerspruch zu stehen. Bei der Vorstellung des Buches »Recht auf Arbeit – Recht auf Faulheit« dieser Tage in Berlin machte der langjährige IG-Metall-Sekretär Udo Achten dann auch keinen Hehl daraus, dass das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und organisierten Erwerbslosen spannungsgeladen ist. Jeder Abschnitt der Publikation mache dies deutlich und rege zur Diskussion an. Etwas diplomatischer formulierte es Mitautorin Petra Gerstenkorn vom ver.di-Bundesvorstand: »Das Buch soll eine Brücke zwischen Gewerkschafts- und Erwerbslosenbewegung herstellen.«
Tatsächlich relativiert der Blick in die Vergangenheit manche aktuellen Kontroversen. So verteidigte der SPD-Mitbegründer Wilhelm Liebknecht 1890 auf dem Parteitag die Parole vom Recht auf Faulheit, die vom Marx-Schwiegersohn Paul Lafargue propagiert wurde. »Der Mensch ist nicht ausschließlich zur Arbeit geboren.« Sätze wie dieser kamen Udo Achten in den Sinn, als er vor Jahren das Statement von Bundeskanzler Gerhard Schröder hörte, dass es ein Recht auf Arbeit nicht gebe. genau dem wollte man mit dem Buchprojekt widersprechen.
Petra Gerstenkorn hofft, dass mit dem Buch den blindwütigen Rufen nach Arbeit, ohne nach den Bedingungen dafür zu fragen, Argumente entgegengehalten werden können. Der ver.di-Vorsitzen- de Frank Bsirske, der das Buch vorstellte, meinte, Gewerkschaft und Erwerbslose würden sich seit Jahren aufeinander zu bewegen. Es sei die Propaganda »von interessierter Seite«, immer das Trennende zu betonen, das es auch gegeben habe. So wurde auf einem Gewerkschaftstag im Jahre 1984 ein Antrag abgelehnt, der Erwerbslosen die Möglichkeit bot, Mitglied zu werden. Zu groß sei damals noch das Ressentiment gewesen, dass sich unorganisierte Menschen die Rechte eines Gewerkschaftsmitglieds sichern wollten, sagte Bsirske, der damals den Antrag befürwortete.
In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit seien aber Gewerkschaften und Erwerbslose immer mehr aufeinander angewiesen, so der ver.di-Vorsitzende. Längst sei Gewerkschaftsmitgliedern klar, dass Kürzungen beim Arbeitslosengeld auch auf Lohnkürzungen bei Erwerbstätigen zielen. Ein Gegeneinander schade beiden Seiten.
Udo Achten, Petra Gerstenkorn, Holger Menze: Recht auf Arbeit – Recht auf Faulheit, Klartext-Verlag 392 S., 39,90 EUR.