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ND19.01.07Nicht nur ein Streit um Worte
Studierende warnen vor Rassismus in den Wissenschaften
Von Peter Nowak
Was früher im Wissenschaftsbetrieb als undenkbar galt, erlebt heute teilweise eine Wiederkehr: die Einteilung von Menschen in Rassen. Studenten machen dagegen Front und stoßen in der Debatte auf manchmal verwirrende Begriffsdefinitionen.
Die Geschichte nahm mit einem Seminar an der Berliner Humboldt-Universität ihren Lauf. Ein Biologieprofessor hatte im Wintersemester 2004/05 in einem interdisziplinären Seminar von »Menschenrassen« und »genetisch determinierten rassischen Verhalten« gesprochen. Das wollte eine Gruppe von Studierenden nicht hinnehmen und gründete kurzerhand eine »AG gegen Rassismus«.
Doch die öffentliche Kritik an der Verwendung des Rassebegriffes hatte nicht den erwarteten Erfolg – der Hochschullehrer erhielt Unterstützung von Kollegen der biologischen und der philosophischen Fakultät und sogar aus dem Fachbereich Gender Studies. Der Streit sei im Wesentlichen mit unterschiedlichen Rassedefinitionen bei den Natur- und den Kulturwissenschaftlern zu erklären, heißt es dort. Den Studierenden wurde vorgeworfen, einen Wissenschaftler in den Verdacht des Rassismus zu bringen. »Uns kam es nie darauf an, einen Professor an den Pranger zu stellen«, rechtfertigte sich daraufhin die studentische AG. Ziel ihrer Intervention sei es vielmehr gewesen, den Rassebegriff, der in der Wissenschaftsdebatte eine Renaissance erfahren habe, infrage zu stellen.
Dabei betonen die Jungwissenschaftler, dass es sehr wohl einen Unterschied mache, ob sich Wissenschaftler in Deutschland oder in den USA auf den Rassebegriff beziehen. Nach 1945 habe es in Deutschland auch für die »Rassekunde« keine Stunde Null gegeben, betont AG-Mitarbeiter Timm Ebner von der Freien Universität Berlin. Führende NS-Rassenforscher hätten in Westdeutschland ihre Arbeit unter unverfänglicheren Forschungstiteln fortgesetzt, was mittlerweile durch zahlreiche Studien belegt sei. Doch der Rassebegriff sei gerade wegen der mörderischen NS-Rassenpolitik bei deutschen Wissenschaftern lange Zeit verpönt gewesen. Das habe sich mittlerweile geändert. In den Disziplinen Biologie, Medizin, Anthropologie und Pharmakologie würde er heute zunehmend unbefangen verwendet.
Bei den Sozialwissenschaften dagegen werde der belastete deutsche Begriff Rasse durch das englische Race ersetzt. Das aber könne nicht einfach in Rasse übersetzt werden, so AG-Mitglied Thomas Bruckmann. »Schließlich kämpft die US-Bürgerrechtsbewegung mit der Kategorie Race seit Jahrzehnten gegen Diskriminierungen und für gleiche Rechte. Mit dem Rassebegriff wäre ein solcher Kampf nicht möglich.
Unter den Studenten ist die Resonanz auf die antirassistische Arbeit allerdings eher gering. Kamen am Beginn der Debatte im Frühsommer 2006 noch mehrere hundert Kommilitonen zu einer Veranstaltung der AG, war ein Wochenendseminar mit internationaler Beteiligung Anfang Dezember 2006 schon deutlich schlechter besucht. Über den Kreis interessierter Wissenschaftler hinaus ist die Debatte bisher kaum gedrungen.