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ND09.11.2007Objekte aus dem Gefängnis
Beschlagnahmte Post eines RAF-Gefangenen
Von Peter Nowak
»Inhalt: 1 rote Kunststoffblume, angehalten laut Verfügung vom 20.1.97« »Nichtgenehmigte Lavendelblüte – 6.8.1987«. Exponate dieser Art sind Gegenstand, einer ungewöhnlichen Ausstellung, die zur Zeit in Berlin zur sehen ist. Sie gehören zu den knapp 2000 Postsendungen, die dem RAF-Gefangenen Rolf Heißler während seiner Haft zwischen 1979 und 2001 geschickt wurden und ihn nicht erreichten. Sie wurden beschlagnahmt und in einem gesonderten Raum im Gefängnis aufbewahrt.
Von Zeit zu Zeit holte eine Freundin von Heißler die Pakete ab und lagerte sie im Keller ihrer Wohnung. Dor wären sie wohl für immer verschwunden, wenn nicht der Kurator Joachim Baur davon erfahren hätte. »Ich stöberte in den Kartons und überlegte, ob es möglich ist, daraus eine Ausstellung zu machen«, erzählt Baur. Er hat mit seinem Entschluss, nur einen sehr kleinen Teil der Exponate auszustellen, eine gute Entscheidung getroffen. So bleibt die Präsentation besucherfreundlich.
Die unterschiedlichen Gegenstände regen zu Gedanken über den Wandel der sozialen Bewegungen an, die mit den Gefangenen kommunizieren wollten. Anfang der 80er Jahre überwogen engbedruckte Briefe mit politischen Analysen und kämpferischen Grußadressen. Später wurden mehr selbstgemalte Bilder, bunte Federn und Blumen verschickt. Sie sollten die kahle Zelle bunter gestalten und wurden regelmäßig mit dem Vermerk angehalten, eine Untersuchung sei ohne Zerstörung des Gegenstandes nicht möglich. Auch ein Pullover mit der Aufschrift »Bischofferode ist überall«, der an den Arbeitskampf der Thüringer Kalikumpel 1993 erinnert, wurde zur Habe genommen, wie die Beschlagnahme bürokratisch korrekt heißt.
Sehr oft wurden auch ganze Ausgaben oder einzelne Artikel der »taz« beschlagnahmt. »Hetzartikel, der geeignet ist, den Gefangenen zu beeinflussen«, heißt es mehrfach. Heißler hat alle Beschlagnahmefälle mit Datum und mündlicher Begründung aufgeschrieben. Das füllt einen ganzen Ordner, der in der Ausstellung ausliegt. In einem Diagramm wurde die Verteilung der Beschlagnahmefälle in Heißlers 22 Jahren Gefängnisleben skizziert. Der Höhepunkt liegt in den Jahren 1986 und 1989.
Ab Mitte der 90er Jahre wurde deutlich weniger einbehalten. Das lag auch an dem abnehmenden Interesse für die Situation der Gefangenen. Noch bis zum 17. November gibt es Gelegenheit, die Ausstellung in Berlin zu sehen. In anderen Städten werden noch Ausstellungsräume gesucht.
BESCHLAGNAHMT. Rolf Heißler: Objekte aus dem Gefängnis. Galerie after the butcher, Spittastr. 25, Berlin. Do, Fr, Sa 15-19 Uhr und nach tel. Vereinbarung 0179-94 73 040. www.after-the-butcher.de