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ND27.07.07Rotes Signal für Schnellbahn
Seit Jahren hält Widerstand gegen grenzüberschreitendes Projekt an
Von Peter Nowak
Die Gegner einer Bahntrasse im italienischen Sangonetal warnen vor den Folgen des Vorhabens. Inzwischen erhalten sie Unterstützung von Umweltaktivisten aus ganz Europa.
Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause bekamen die Abgeordneten des Europäischen Parlaments Post aus dem italienischen Sangonetal an der französischen Grenze. Verfasst wurde der Brief vom Verbund der Bürgerinitiativen »No TAV«. Diese Abkürzung steht für das Motto der Bewegung »Nein zum Hochgeschwindigkeitszug«. Gemeint ist der Bau einer Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon, der zu einer breiten Protestbewegungen geführt hat. Das EU-Parlament soll demnächst über einen Zuschuss für den Bau der Trasse entscheiden. Das soll mit dem Brief verhindert werden.
Vor 15 Jahren begannen sich die Bewohner vor allem aus Umweltschutzgründen gegen den Bau der Trasse zu engagieren. Doch bald argumentierten die Gegner auch mit den horrenden Kosten und mit den Belastungen für die Bewohner der Region. »15 Jahre Baustellen, zwei 52 und 23 Kilometer lange Tunnel mit 12 Millionen Tonnen ausgegrabener Erde, Asbest- und Uranbestände in den Bergen, ausgetrocknete Wasserquellen, Lärm – und all dies in einer Situation, in der bereits die existierende Infrastruktur die Umwelt belastet«, skizzierte der Turiner Soziologe und No-TAV-Aktivist Raffaele Sciortino die Folgen des Trassenbaus aus Sicht der Gegner.
An der Hartnäckigkeit der Trassengegner haben sich schon verschiedene italienische Regierungen die Zähne ausgebissen. In der Amtszeit Silvio Berlusconis war die Unterstützung für »No TAV« enorm. Durch eine Besetzung der Baustelle im Jahr 2005 und mehrere Großdemonstrationen wurde das Vorhaben zu einem brisanten innenpolitischen Thema. Damals hatten sich auch Anhänger der jetzt in Italien regierenden Prodi-Regierung an den Protesten beteiligt. Doch Romano Prodi hat inzwischen deutlich gemacht, dass für ihn der Bau der Trasse weiterhin Priorität hat. Seitdem beteiligt sich nur der linke Flügel des heterogenen Mitte-Links-Bündnisses aktiv am Widerstand.
Die No-TAV-Bewegung legt generell Wert auf parteipolitische Unabhängigkeit. In den No-TAV- Komitees, die überall in der Region bestehen, arbeiten auch Bürgermeister unterschiedlicher parteipolitischer Couleur mit. Die Unterstützung von Umweltschützern aus verschiedenen europäischen Ländern wächst. Nicht wenige Aktivisten planen bei Italienreisen einen Abstecher ins Sangonetal ein, um sich mit den Trassengegnern zu solidarisieren.