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ND 28.06.07Ist jetzt endgültig Schluss mit lustig?
In Deutschland herrscht Empörung – wegen Merkel-Montage auf dem Titelbild von »Wprost«
Von Peter Nowack
Die polnische Wochenzeitung »Wprost« scheint mit ihrem jüngsten Titelbild ins Schwarze getroffen zu haben. Es zeigt Bundeskanzlerin Merkel, an deren nackten Brüsten die beiden Kaczynski-Brüder saugen. Doch es sind nicht polnische Traditionalisten, die sich darüber aufregen, dass ihr Präsident und ihr Premierminister auf solch unvorteilhafte Weise dargestellt werden. Politiker aus Berlin sind empört, dass die deutsche Regierungschefin als große Säugerin dargestellt ist.
»Diese Montage ist eine Geschmacklosigkeit und kein Beitrag zur deutsch-polnischen Freundschaft«, echauffiert sich FDP-Vize Rainer Brüderle. »Es macht einen fassungslos«, kopiert der Chef der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe Markus Meckel (SPD) die Grüne Berufsfassungslose Claudia Roth, die sich zu den polnischen Karikaturen noch nicht geäußert zu haben scheint. »Das Land sollte sich in Zukunft verstärkt Gedanken machen, wie es wieder Verbündete und Freunde gewinnt«, ätzt Meckel in Richtung Polen, und das klingt schon wie eine handfeste Drohung. Noch etwas deutlicher wird CSU-Außenexperte Eduard Lintner: »Die Polen sollten aufhören, sich mit Geschmacklosigkeiten zu überbieten. Satire findet ihre Grenze dort, wo sie die Würde anderer beschädigt«, meint der Christsoziale.
Sollte sich diese Definition durchsetzen, müsste jedes ernsthafte Satiremagazin in den Untergrund gehen. Denn natürlich darf Satire ätzend sein. Jede Ausgabe der »Titanic« gibt hier guten Anschauungsunterricht. Merkwürdigerweise gab es bisher kein solches Geschrei, als sich das laut Eigenwerbung endgültige Satire-Magazin wieder einmal Merkel oder einen anderen der Herren und Damen Politiker satirisch vorgenommen hatte. Außerdem werden noch nicht alle vergessen haben, dass vor nunmehr einem Jahr, am 26. Juni 2006, in der Berliner »Tageszeitung« ein satirischer Beitrag mit dem Titel »Polens neue Kartoffel. Schurken, die die Welt beherrschen wollen« erschienen ist. Er amüsierte die Kaczynski-Brüder keineswegs und hatte sogar zu einer zeitweiligen Verstimmung im deutsch-polnischen Verhältnis geführt. Doch die meisten Medien in Deutschland reagierten ganz entspannt und verwiesen auf die Meinungsfreiheit und den Grundsatz, dass Satire grundsätzlich keine Grenzen kennen muss.
Das sollte auch den Brüderles, Meckels und Lintners ins Stammbuch geschrieben werden. Doch es ist nicht nur Humorlosigkeit, die aus den Statements der Politiker spricht. Es ist eher der Wunsch, den Polen endlich mal die Meinung zu sagen. Wenn Lintner warnt, dass das Verhalten Polens irgendwann auf die momentan noch sehr hilfsbereite Stimmung in Deutschland durchschlagen könnte, sollten die Alarmglocken klingeln. Was könnte der CSU-Mann da wohl gemeint haben? Dass die Deutschen nicht mehr in Polen Urlaub machen? Oder dass den Polen zukünftig doch noch im Stil der Vertriebenenverbände vorgerechnet wird, dass die Deutschen die eigentlichen Opfer sind?
Es war stellenweise der blanke Hass, der aus Kommentaren deutscher Zeitungen zur polnischen Forderung, die eigenen Kriegstoten bei der Stimmenverteilung in der EU mit zu berücksichtigen, herauszulesen war. »Bis an die Schmerzensgrenze gehend absurd«, urteilte die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung«. »Wer, wie die polnischen Kaczynski-Brüder, im Ringen um politischen Einfluss das Fass der Kriegsschuld aufmacht, bedroht die EU. Die Aufrechnung der Kriegstoten mit den zum polnischen Selbstbewusstsein fehlenden Stimmen in den Gemeinschaftsgremien ist ein absoluter Tiefpunkt in der europäischen Argumentation«, heißt es in der »Rhein-Neckar-Zeitung«. Deutlicher kann man kaum sagen, dass Deutschland mit seiner Vergangenheit im Reinen ist und ungemütlich wird, wenn die ehemaligen Opfer nicht in die Prosa von der Versöhnung und der Zeit, die alle Wunden heilt, einstimmen. Wenn dann auch noch eine polnische Zeitung wagt, die Bundeskanzlerin mit einer Satire zu behelligen, dann ist bei vielen endgültig Schluss mit lustig.