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ND13.09.07Keine Sternstunde des kritischen Journalismus
Die Diskussion um den »Deutschen Herbst« in den Medien
Von Peter Nowak
In einer großen Blutlache liegt eine Waffe. Es hätte gar nicht mehr des RAF-Symbols bedurft, um deutlich zu machen, dass das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« mit dieser Fotomontage auf dem Titel für die Beiträge zum Thema »30 Jahre deutscher Herbst« wirbt (siehe Ausriss). Zum runden Jubiläum scheint keine Zeitung ohne Sonderseiten und -beilagen zum Thema auszukommen.
Der »Spiegel«-Herausgeber Stefan Aust hat sich allerdings als geschicktester Resteverwerter der RAF erwiesen. Dabei hat er sogar den Hamburger Historiker Wolfgang Kraushaar überboten. Doch der Neuigkeitswert bei den »Spiegel«-Sonderseiten hält sich in Grenzen. Immerhin wird noch einmal daran erinnert, dass die Abhörprotokolle vom Trakt im 7. Stockwerk des Stammheimer Gefängnisses, in dem die RAF-Gefangenen inhaftiert waren, bis heute nicht veröffentlicht sind.
Die Freigabe fordert der ehemalige Anwalt von RAF-Gefangenen, Christian Ströbele, seit Jahren. In einem Interview mit der Wochenzeitung »Freitag« hat der heutige Grünen-Politiker kürzlich betont, dass für ihn die Ereignisse in der Stammheimer Todesnacht am 18.10.1977, bei der Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe tot und Irmgard Möller schwer verletzt aufgefunden wurden, nicht aufgeklärt sind, bis sämtliche Dokumente offen gelegt wurden. Damit steht Ströbele heute sehr allein. Denn trotz des Rummels um den »Deutschen Herbst« ist das Interesse an den Geschehnissen gering.
»Die Tageszeitung«, einmal als Organ der Gegenöffentlichkeit im Deutschen Herbst gegründet, veröffentlichte vor 14 Tagen ein Dossier zum Herbst 1977, in dem weder ein ehemaliger Gefangener noch ein Anwalt zu Wort kamen. Eine Korrespondentin der »Frankfurter Rundschau« ließ in einer Reportage über eine Visite im Hochsicherheitstakt ausführlich die Gefängnisbeamten zu Wort kommen. Mit keinem Wort erwähnt sie, dass die einzige Überlebende des 18.10.77, Irmgard Möller, vor mehr als zehn Jahren in einem ausführlichen Interview mit dem Journalisten Oliver Tolmein ihre Version der Geschehnisse dargelegt hat. Dort weist Möller jede Selbsttötungsabsicht zurück. Unabhängig von der Bewertung ihrer Aussage ist das ein Armutszeugnis für einen kritischen Journalismus.
Dem ehemaligen RAF-Gefangenen Ron Augustin blieb es vorbehalten, in einem Beitrag in der »jungen Welt« daran zu erinnern, dass nach 1977 Anwälte, Ärzte und Architekten aus verschiedenen Ländern Widersprüche zur offiziellen Version der Stammheimer Todesnacht zusammengetragen haben. Die Texte sind noch erhältlich, werden aber in kaum einen der vielen Beiträge zum »Deutschen Herbst« auch nur erwähnt. Nur der Terminus »Deutscher Herbst«, vor 30 Jahren von Intellektuellen als Kritik an die Einschränkung von Meinungs- und Freiheitsrechten geprägt, hat sich durchgesetzt. Der kritische Impetus ist bei den »eingebetteten« Journalisten unserer Tage verloren gegangen.