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ND13.04.07Drei Jahre Prekariat
Von Peter Nowak
Mayday, Mayday! Als vor nur drei Jahren die Idee nach Deutschland kam, am 1. Mai eine Demonstration neuen Typs – als Alternative zu DGB-Umzügen, autonomen Demos und hedonistischen Paraden – zum Thema »Prekariat« zu initiieren, war dies noch ein scheinbar abseitiger Fachbegriff, der teils für Kopfschütteln sorgte. Doch spätestens seit der Entdeckung der Unterschicht durch die SPD im Herbst 2006 hat die Debatte um Prekarität den gesellschaftlichen Mainstream erreicht.
Auch in diesem Jahr werden Mayday-Paraden stattfinden, in Berlin, Hamburg und erstmals auch im Rhein-Main-Gebiet. Doch 2007 kann der »Mayday« nicht mehr vom Reiz des Neuen leben. Hat er mehr als neue Farben und Töne in die politische Bewegung gebracht?
Auf der Diskursebene muss man das wie gesagt bejahen. Auch wenn die Aufregung um die »Unterschicht« im vergangenen Herbst schnell versickerte, hat heute doch fast jeder eine Vorstellung, was damit gemeint sein könnte. Auch bei den Gewerkschaften scheint die Problemstellung endgültig angekommen zu sein, wovon die neuerdings ausufernde DGB-Tagungsaktivität zum Thema zeugt.
Doch ein gemeinsames Handeln folgt daraus noch lange nicht. So ruft der Berliner DGB am 24. April, gerade mal eine Woche vor dem 1. Mai, gemeinsam mit GEW und Landesschülervertretung zur sogenannten »Workparade« auf. Auf der anderen Seite mobilisieren auch Teile der Berliner und Hamburger Bewegungslinken weiterhin zur eigenen »revolutionären« Maidemonstration durch Berlin-Kreuzberg und das Hamburger Schanzenviertel.
Wird die Mayday-Bewegung also nur ein weiterer Farbtupfer bleiben? Für ein solches Urteil ist es noch zu früh. Doch die Mayday-Bewegung wird sich in Zukunft einige inhaltliche Fragen stellen müssen, wenn sie eben nicht nur ein bunter eintägiger Event bleiben will. Einige dieser Fragen werden auf Veranstaltungen im Vorfeld des Mayday in Berlin schon gestellt: Was verbindet Jungakademiker, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln, mit Hartz-IV-Empfängern, außer der Tatsache, dass beide prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen unterworfen sind? Wie ist es möglich, dass sich Prekariserte nicht nur einmal im Jahr auf der Straße darstellen, sondern auch im Alltag organisieren? Nur damit würde der Mayday-Bewegung eine Perspektive gegeben.
Das Problembewusstsein ist also bei den Aktivisten durchaus vorhanden. Doch die inhaltliche Debatte wird – wie so oft – erst nach dem 1. Mai beginnen. Weiter verschoben werden darf sie aber auf keinen Fall.