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telepolis vom 12.12.2007Managerschelte kommt in Mode
Peter Nowak
Die Kritik an den Managergehältern ist eine Reaktion auf die gefühlte
soziale Ungerechtigkeit in großen Teilen der Bevölkerung
Auf Initiative der Linkspartei soll sich in dieser Woche auch der
Bundestag mit den Managergehältern befassen. Anders als beim Thema
Mindestlohn dürfte die Partei hier allerdings offene Türen bei den
anderen Parteien einrennen. Bis auf die FDP übten sich in den letzten
Wochen alle anderen Parteien in Managerschelte. Spätestens mit der
Rede (1) von Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag ( Flucht in die Mitte
(2)) wurden die Schleusen für die Kritik an den horrenden Abfindungen
geöffnet.
Merkel fragte auf dem Parteitag rhetorisch, warum diejenigen mit Geld
überschüttet würden, die auf ganzer Linie versagt haben. Damit würde
das Vertrauen in das soziale Gleichgewicht unterminiert, erklärte
Merkel unter Beifall. Der saarländische CDU-Ministerpräsident Peter
Müller sprach sich für eine Änderung der Steuergesetzgebung aus. Damit
solle verhindert werden, dass Unternehmen die Managerabfindungen von
der Steuer absetzen können. Die SPD, die sich von Merkel wieder einmal
in der Sozialdemagogie überholt sah, verlangte sofort gesetzliche
Maßnahmen.
Kritik an der Debatte kam eher leise aus dem Unternehmerlager. So
wandte sich der Präsident des Deutschen Industrie- und
Handelskammertages ( DIHK (3)), Ludwig Georg Braun, gegen eine
pauschale Managerschelte und betonte, dass die Unternehmensvorstände
und nicht die Politik für die Managergehälter zuständig seien.
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt kritisierte (4) die verzerrte
Diskussion, die sich auf die wenigen schwarzen Schafe konzentriere,
während die "überwiegende Zahl der Unternehmensverantwortlichen ...
angemessene Entgelte haben, teilweise mit ihrem privaten Vermögen für
ihr Unternehmen haften und alles tun, um das Unternehmen zu erhalten
und Beschäftigung in Deutschland zu sichern".
Noch vorsichtiger äußerte sich der Vorsitzende des CDU-Wirtschaftsrats
Kurt Lauk in einem Interview (5) mit dem Deutschlandfunk. Auch er
betonte die Zuständigkeit der Aufsichtsräte für die Managergehälter und
verwies darauf, dass dort auch DGB-Vertreter vertreten sind. Da die
Abfindungsbeschlüsse in der Regel einstimmig fallen, seien die ebenso
verantwortlich. Tatsächlich stand im Zusammenhang mit den Abfindungen
für Josef Ackermann (6) und weiteren Aufsichtsratsvorsitzende der
Deutschen Bank auch DGB-Vertreter Zwickel vor Gericht.
Lauk sprach allerdings auch von schwarzen Schafen unter den Managern,
die durch überhöhte Abfindungen den gesamten Berufsstand in Misskredit
bringen würden. Damit lag er ebenso wie Braun und Hundt auf der Linie
der Kanzlerin, die am Unternehmertag in Berlin noch einmal deutlich
gemacht hatte, dass die Schelte nur unfähigen Managern gelte. Mit Lauk
treibt sie auch die Sorge vor einem Vertrauensverlust um, die die
soziale Marktwirtschaft in den Augen großer Teile der Bevölkerung
erleiden könnte
Blitzableiter für soziale Proteste
Schließlich beklagen laut einer Umfrage (7) der
unternehmerfreundlichen Bertelsmannstiftung (8) große Teile der
Bevölkerung eine soziale Schieflage. Zu dieser Stimmungslage hat gerade
der Konjunkturaufschwung beigetragen. Denn entgegen aller Propaganda
bei einem großen Teil der Bevölkerung nicht zu einer Verbesserung ihrer
Lebensverhältnisse beigetragen. Nur knapp 15 % der Bevölkerung sagten,
dass der Aufschwung sich für sie positiv ausgewirkt hat. 2006 sagten
noch 28 Prozent, das Einkommen sei gerecht verteilt.
Auch die neuen Arbeitsplätze, die von der Bundesregierung immer wieder
als Pluspunkt ins Feld geführt wurden, sind nur zu oft Teilzeitjobs
oder Arbeiten im Niedriglohnsektor. Viele Analytiker gehen davon aus,
dass diese prekären Arbeitsverhältnisse das Merkmal der gegenwärtigen
Regulationsphase des Kapitalismus sind und bleiben werden. Für das
Alltagsbewusstsein aber ist ein Wirtschaftsaufschwung mit höheren
Löhnen und einer Verbesserung der Lebensverhältnisse verbunden, wie es
ja noch vor 40 Jahren der Fall war. Daher nimmt die Kritik der sozialen
Ungerechtigkeit zu, wenn selbst ein Wirtschaftsaufschwung mit prekären
Arbeitsverhältnissen verbunden ist.
Die Managerschelte ist der Versuch, diese Kritik aufzunehmen, bevor
eine grundsätzliche Debatte Zweifel an der Zukunft der Marktwirtschaft
schüren könnte. Ähnlich wie vor 3 Jahren Franz Müntefering von
ausländischen Heuschrecken sprach, die deutsche Unternehmen abgrasen,
als seine Partei wegen der Hartz-Proteste unter Druck geriet, so dient
auch die Kritik an den unfähigen Managern als Blitzableiter für soziale
Unzufriedenheit. Hier wird an ein in weiten Teilen der Bevölkerung
vorhandenes Gerechtigkeitsempfinden angeknüpft, nach dem sich die Höhe
der Einkünfte nach der Leistung bemessen sollte. Deswegen sollen
Manager, die versagt haben, eben keine Abfindungen bekommen.
Andererseits sollen natürlich Manager, die sich für ihre Firma
abrackern, auch gut entschädigt werden. Eine solche Verknüpfung von
Gerechtigkeit und Leistung impliziert natürlich auch, dass derjenige,
der viel in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt hat, mehr kriegen
soll als der junge Erwerbslose. Dann aber ist es letztlich nur noch ein
kleiner Schritt zu der Parole, wer nichts leistet, soll auch nichts
essen.
Gibt es einen gerechten Lohn?
Die Diskussion um den gerechten Lohn ist so alt wie die Kritik (9)
daran. Sie hat zur Zeit wieder an Bedeutung gewonnen, weil auch in
Teilen der Gewerkschaften die Geldgier des Finanzkapitalismus (10)
für die soziale Ungerechtigkeit verantwortlich gemacht wird.
So lautet eine Publikation der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die
als Handreichung für Betriebräte und Gewerkschaftsfunktionäre dienen
soll. An dieser Broschüre hat sich mittlerweile in den Gewerkschaften
eine heftige Debatte (11) entzündet. Die Kritiker warnen davor, dass
mit solchen Texten nicht soziale Gerechtigkeit, sondern ein ein
Standortnationalismus erzeugt wird, der zwischen guten und bösen
Kapitalisten unterscheidet und auch für regressive und antisemitische
Tendenzen offen sein kann.
Während so lebhaft von rechts bis links über die unfähigen Manager
gestritten wird, gehen die Verschärfungen für Erwerbslose weiter.
Darauf wies der Verein Tacheles (12) in einer Pressemitteilung (13)
hin. Betroffen sind davon vor allem kranke Hartz-IV-Empfänger. Die
Proteste bleiben gering. Das ist vielleicht auch ein Ergebnis der
Debatte um die Managergehälter.

LINKS

(1) http://www.angela-merkel.de/index_497.htm
(2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26761/1.html
(3) http://www.dihk.de/
(4) http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/709201/
(5) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/709479/
(6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21637/1.html
(7)
http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-0A000F14-8F408724/bs
t/hs.xsl/nachrichten_84337.htm
(8)
http://www.bertelsmann-stiftung.de
(9)
http://www.isf-freiburg.org/isf/beitraege/bruhn-marx.materialismus.html
(10)
http://wipo.verdi.de/broschueren/finanzkapitalismus/data/finanzkapitalis
mus.pdf
(11)
http://www.labournet.de/diskussion/gewerkschaft/real/insekten.pdf
(12) http://www.tacheles-sozialhilfe.de
(13)
http://www.harald-thome.de/media/files/Arbeitsmaterialien/Tacheles_PM_KH
_Bravo_111207.pdf