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ND13.07.07Schock für Lohngruppe acht und neun
Metallindustrie: Auseinandersetzungen um Entgelt-Rahmenabkommen (ERA) reißen nicht ab
Von Peter Nowak
Klagen über den Mißbrauch des ERA-Tarifvertrags als Lohndrücker in der Metall- und Elektroindustrie reißen nicht ab. Inzwischen gibt es aber auch erfolgreiche Gegenwehr.
Vor der Sommerpause gab es noch einmal Protest. Am vergangenen Mittwoch protestierten Kollegen der Daimler-Niederlassung im Berliner Stadtteil Marienfelde vor dem Werkstor gegen ERA. Die drei Buchstaben sind für vielen Kollegen in dem Werk mittlerweile ein rotes Tuch. Das Kürzel steht eigentlich für das 2003 eingeführte Entgelt-Rahmenabkommen. Viele Beschäftigte sprechen allerdings nur noch vom »Entgelt-Reduzierungsabkommen«.
Im November 2006 hatten die die Proteste der Belegschaft im Daimler-Werk eingesetzt. Jeden Mittwoch um 14 Uhr trafen sich die Beschäftigten vor dem Tor, tauschten sich über die Folgen von ERA aus und berieten über Gegenwehr. Doch auf Unterstützung von Seiten der Gewerkschaften konnten sie nicht zählen Ganz im Gegenteil.
Die Berliner IG Metall hatte die aktiven Gewerkschafter Mustafa Efe und Martin Franke wegen ihrer Kritik am ERA auf einer Betriebsversammlung von DaimlerChrysler gemaßregelt. »Ein solches Verhalten schadet sowohl den Interessen der Beschäftigten als auch der Gewerkschaft«, heißt es in einem Brief aus der Zentrale.
Schließlich galt ERA bei der IG-Metall jahrelang als Synonym einer modernen und gerechteren Tarifpolitik. Die Trennung zwischen Angestellten und Arbeitern sollte aufgehoben, sämtliche Beschäftigte nach ihrer tatsächlichen Arbeit und der notwendigen Qualifikation neu bewertet werden.
Doch nicht nur in Berlin wurde bald deutlich, dass das von der IG Metall mit Vorschusslorbeeren bedachte ERA in der Praxis Folgen hatte, die nicht im gewerkschaftlichen Sinne sein konnten. Die Arbeitgeber witterten offenbar eine Jahrhundertchance.
Insbesondere Angestellte, aber auch viele durchschnittliche Facharbeiter der alten Lohngruppen 8 und 9 erlebten einen Schock. Laut ERA-Bewertung waren sie bislang schlicht überbezahlt. Bei mittleren Angestellten kann die Neubewertung zu einem Verlust bis zu 1400 Euro im Monat führen.
Der Gewerkschaftsexperte und Mitglied im Vorstand der LINKEN Thies Gleiss beschrieb die Folgen von ERA für die Metallbranche in Nordrhein-Westfalen. »Vor allem in Tausenden Mittelbetrieben, besonders solcher mit einer engagierten Belegschaft und gewerkschaftlicher Stärke, waren die Beschäftigten in der Vergangenheit systematisch in hohe Lohn- und Gehaltsgruppen gerückt. Das war einerseits Ergebnis guter Betriebsratsarbeit, andererseits aber auch ein Ausgleich für das Fehlen von Sozialleistungen und übertarifliche Zuwendungen, die in Großbetrieben gewährt werden. Jetzt werden diese Betriebe, und darin natürlich die engagierten IG-Metall-Vertreter, besonders bestraft. Frühere Erfolge der Gewerkschaft bei der Einstufung werden durch das neue, objektive ERA-Verfahren als große Fehlleistung entlarvt.«
Auch der Hamburger Gewerkschaftler Ulf Wittkowski ist auf ERA nicht gut zu sprechen. Auf einer Betriebsversammlung meinte er: »Wenn eine Vereinbarung suggeriert, dass Arbeitsplätze und unsere Löhne sicher sind und 3 Jahre später sind allein bei DaimlerChrysler in Deutschland fast 4000 Arbeitsplätze abgebaut, sagt das einfach alles«.
Mittlerweile gibt aber es auch erste Erfolge. Bei Coperion Stuttgart führte ein zweitägiger Streik dazu, dass alle Arbeiter bei gleicher Lohnhöhe in ERA überführt wurden.