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ND02.03.07 Kampfjets zu Hybridmotoren
Statt Waffen etwas Sinnvolles bauen: die Konversionsbewegung der 1970er
Von Peter Nowak
Als die Arbeiter das Denken übernahmen: In einem britischen Rüstungsbetrieb wehrten sich vor dreißig Jahren die Beschäftigten gegen Stellenabbau, indem sie kurzerhand neue, sinnvolle Produkte entwickelten. Die Bewegung versandete nach spektakulärem Beginn. Aber die Erinnerung lebt.
Schwerter zu Pflugscharen – die Losung trugen Friedensbewegte in Ost und West auf ihren Schildern. Zeitgemäßer müsste es »Kriegsroboter zu Sonnenkollektoren« heißen. Das würde dem Stand der Produktivkräfte entsprechen, scheint aber nicht weniger utopisch. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass auch unter Gewerkschaftern über Rüstungskonversion debattiert wurde, die Umwandlung von Rüstungs- in Zivilbetriebe.
Vor rund dreißig Jahren bekam diese Debatte weltweit Auftrieb durch Lucas Aerospace, ein britisches Luftfahrtunternehmen, das zu über 50 Prozent von Rüstung lebte. Mitte der 70er Jahre sollte dort rationalisiert werden, die Schließung von Tochterfirmen stand an. Doch statt für mehr Rüstungsaufträge zu demonstrieren, machte sich die Belegschaft Gedanken über alternative, friedliche und nützliche Produkte. Die Techniker um den Ingenieur Mike Cooley übernahmen das Denken selbst. Schnell stellten sich Fragen wie »Sind Manager eigentlich nötig?«, erinnerte sich Cooley später. Eine Ungeheuerlichkeit, die bis zu fertigen Prototypen führte: Medizinische Apparate, alternative Energiequellen, Transportsysteme, Bremssysteme, maritime Anlagen. Manche dieser Ideen, wie ein kombinierter Verbrennungs- und Elektroantrieb für Pkw, sind heute ganz normal.
Das Beispiel wirkte über Großbritannien hinaus. Bücher entstanden – in Deutschland erschien 1982 »Produkte für das Leben statt Waffen für den Tod« von Freimut Duve. Doch so populär der Plan war, so deutlich wurde schnell, dass der Konzern sich mit aller Macht wehren würde. Dass Arbeiter über die Produktion bestimmten, konnte nicht hingenommen werden. Auch bei der damaligen Labour-Regierung stießen die Beschäftigen von Lucas Aerospace auf Zurückhaltung, obwohl ihr Plan von einen Parteitag mit großer Mehrheit angenommen worden war. Doch die britischen Sozialdemokraten wurden Mitte der 70er Jahre schon von den Rechtskonservativen in die Defensive gedrängt. Die Vordenkerin des rechtskonservativen Tory-Flügels sollte bald Karriere machen: Mar-gret Thatcher. Schon damals galt ihr Kampf den Gewerkschaften.
Aber auch diese haben die Lucas-Areospace-Arbeiter damals nur verbal unterstützt. Auch ihr waren ihre Pläne zu radikal. Mit dem Machtantritt von Thatcher 1979 wurde Konversion zunehmend unrealistisch und verschwand aus der Diskussion. 1981 wurde Cooley, der später einen alternativen Nobelpreis bekam, gekündigt. Es folgte der Falkland-Krieg. Trotzdem waren die Bemühungen nicht ganz vergebens.
Auch anderswo wurden Konversionspläne entworfen. Angesichts der gegenwärtigen Debatte um die Klimakatastrophe sehr aktuell scheinen die Konversionspläne der Arbeiter des Chrysler-Konzerns in Coventry: Alternativen zum Auto. Doch dieses Unternehmen wurde geschlossen, bevor es zur Realisierung kommen konnte.
Jahrzehnte später ist eine Übernahme der Planung durch Mitarbeiter in den Industriestaaten kaum vorstellbar. Die Konversion aber findet wieder Fürsprecher. »Die Umstellung von Rüstungsproduktion auf zivile Güter ist möglich. Demokratische Kontrolle – und die Produktion kann um ein Vielfaches effektiver, nützlicher, billiger, menschen- und umweltfreundlicher gemacht werden«, glaubt etwa die IG-Metall-Sekretärin Anne Rieger.