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telepolis vom 24.8.2007Prima Klima in der Koalition Peter Nowak Die Klausurtagung soll Einigkeit der Regierungskoalition bieten, die trotz des trostlosen Zustands der SPD ohne Alternativen ist Alle reden über das Klima. Unter diesem Motto könnte die Klausur der Bundesregierung im regierungseigenen Gästehaus in Meseberg bei Berlin gleich in doppelter Hinsicht stehen. Nach den monatelangen Diskussionen über die Folgen des Klimawandels will man jetzt zeigen, dass man auch Konsequenzen aus den Debatten ziehen kann. Eingestimmt wurde das Publikum durch die an einen Abenteuerurlaub erinnernde Stippvisite von Angela Merkel in Grönland bei schmelzenden Gletschern. Die wenigsten können aus den TV-Berichten beurteilen, ob hier überhaupt ein Phänomen des Klimawandels begutachtet wurde. Aber für das Normalverständnis reicht die Assoziationskette vom schmelzenden Gletscher gleich Hochwasser mit all seinen Folgen. Doch die Koalitionsklausur soll vor allem das interne Klima verbessern und das auch gleich medienwirksam deutlich machen. Das zumindest scheint schon mal gelungen. Bevor überhaupt nur ein substantieller Beschluss gefasst wurde, zeigten die Medien Kanzlerin und Vizekanzler ganz freundlich und entspannt. Da wurden Erinnerungen an die erste Zeit der großen Koalition wach, als das Verhältnis Merkel und Müntefering zum Gradmesser des Wohlbefindens der Koalition erklärt wurde. Diese Beziehung schien vor der Sommerpause schon mehr als zerrüttet. Schon wurde spekuliert, wie lange denn die Koalition überhaupt noch hält. Ohne Alternativen Doch schon damals war den Beobachtern klar, dass die Koalition schnell beendet wäre, wenn sich realistische Alternativen anbieten würden. Jetzt sieht es allerdings eher so aus, als würde die Regierung auch nach den nächsten Bundestagswahlen in der gleichen Zusammensetzung mit einer vielleicht gestärkten Union weitermachen. Tatsächlich läuft es für die Christdemokraten nicht schlecht. Der Kanzlerinbonus und die gute Konjunktur haben die Umfragewerte verbessert. Doch die signalisieren auch, dass es für die Wunschkoalition mit der FDP keine parlamentarische Mehrheit gibt. Im Gegenteil, eine Union, die wieder auf die neoliberalen Position vor der letzten Bundestagswahl zurückfiele, könnte ganz schnell verlieren. Denn die Zustimmung für Merkel rührt gerade daher, dass sie sich eher als Moderatorin, denn als eiserne Lady a la Thatcher geriert. Das bemängeln nur die letzten Thatcheristen in Deutschland, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft, das in einer Pressemitteilung (1) von der Klausur eine Rückbesinnung auf die eisernen Sparziele anmahnte und davor warnte, im Zeichen des Aufschwungs zur alten Verteilungspolitik zurückzukehren. Hier wird die FDP im Wahlkampf ihre Themen finden. Die SPD hätte theoretisch eine andere Regierungsoption. Schließlich gibt es schon jetzt eine parlamentarische Mehrheit links von FDP und Union. Doch selbst wenn diese sich nach den nächsten Wahlen vergrößert, kann die SPD damit nichts anfangen. Denn eine Koalition mit der Linkspartei in der gegenwärtigen Form ist zumindest nach den nächsten Wahlen auf Bundesebene noch ausgeschlossen. Das bezieht sich nicht einmal in erster Linie auf die Person von Lafontaine. Vielmehr ist er nur der Kopf einer Gruppe von gewerkschaftsnahen Sozialdemokraten, die mit ihrer Partei gebrochen und aus der PDS die Linkspartei geschaffen haben. Damit haben sie nicht nur zum Leidwesen der SPD eine Ostpartei, die im Westen nicht weit über die Werte der alten DKP hinauskam, bundesweit etabliert. Sie haben in die Partei auch ein widerständiges Element hineingebracht. Wie wenig das in der alten PDS bisher vorhanden war, zeigt ihren pflegeleichten Part als Regierungspartner der SPD in Berlin. Kein Wunder, dass sich Wowereit nach den letzten Berliner Wahlen für die Weiterführung der Koalition mit der angepassten PDS-Linkspartei entschieden hat, statt das Wagnis einer Zusammenarbeit mit den schon mal Dissens artikulierenden Grünen einzugehen. Nach der Vereinigung mit der WASG ist die Linkspartei insgesamt nicht mehr so pflegeleicht wie der Berliner Landesverband. Einige Ostpolitiker der alten PDS haben das realisiert und sich schon gegen Lafontaine und den Populismus in Stellung gebracht (2). Dabei geht es auch immer um die Frage, wie weit man sich von der SPD entfernen darf, wenn man nach Andre Brie (3) nur mit den Sozialdemokraten zu einer gestaltenden Mehrheit kommt. Es ist keineswegs auszuschließen, dass sich bis zu den übernächsten Wahlen dieser Flügel innerhalb der Linkspartei durchgesetzt hat. Frei nach dem Politikwissenschaftler Johannes Agnoli wäre es zumindest wahrscheinlich. Schließlich verfügen die Realos über Position und Pfründe auf kommunaler und Landesebene, haben also Posten und Diäten zu verteilen und die Weisheit anzubieten, immerhin das Schlimmste zu verhindern. Doch für die kommenden Wahlen ist daran nicht zu denken. Deshalb macht das Personal, das die SPD aufbietet, auch eher den Eindruck, Platzhalter zu sein für einen Kanzlerkandidaten Wowereit (4) im Jahr 2012, der dann mit einer Linkspartei, in der Lafontaine und Co. höchstens noch beratende Funktionen haben, das Berliner Bündnis auch bundesweit etabliert. Trostlose SPD-Perspektiven Kurt Beck (5) zumindest wird sogar in den eigenen Reihen eher wie ein sich redlich mühender Parteiarbeiter, der es aber nicht kann, angesehen. Erinnerungen an die Ära Scharping werden wach. Nur ein Lafontaine, der ihn damals auf dem Parteitag gestürzt hat, gibt es in der heutigen SPD nicht mehr. Frank Steinmeier (6) ist es sicher nicht. Dabei wird gerade er immer wieder als Alternative zu Beck als Kanzlerkandidat gehandelt und seine Zustimmungswerte sind auf jeden Fall höher als die des biederen Pfälzers. Dabei macht Steinmeier in seinen Amt außer einer guten Miene nicht viel von sich reden. Die einzige Affäre, die mit seinen Namen verbunden war, hat er mit einen blauen Auge überstanden. Er war einer der federführenden Beamten, die die Einreise des Bremer Guantanamo-Gefangenen Murat Kurnaz nach Deutschland behinderten und damit seine Haft in die Länge gezogen haben. Sonst kann man vielleicht über ihn noch sagen, dass er einer der Strippenzieher unter Schröder war, also ein Mann der Vergangenheit. Dass Beck und Steinmeier zur Zeit die wahrscheinlichsten Anwärter auf die Kanzlerkandidatur sind, zeigt nur die ausweglose Situation der SPD. Es ist schon erstaunlich, dass die Parteistrategen nicht Namen wie Sigmar Gabriel (7) in die Debatte werfen, der mit seinem Pochen auf den langsamen AKW-Ausstieg und seiner Rhetorik bei der Klimathematik zumindest ein Thema besetzt, dass von allgemeinen Interesse ist. Doch es hat den Anschein, dass die kommenden Wahlen parteiintern schon als verloren angesehen werden. Deshalb will sich keiner, der noch eine politische Zukunft für sich sieht, damit belasten. Quasi-Durchbruch Dabei schien die SPD vor kurzem sogar einen ihrer raren Erfolge feiern zu können. Ausgerechnet beim Thema Mindestlohn, der der SPD so am Herzen liegt, um auch mal wieder bei den noch verbliebenen Gewerkschaftern zu punkten, meldete Kurt Beck nach einem Treffen im Kanzleramt einen Durchbruch, der dann aber zu einem Quasi-Durchbruch (8) umformuliert wurde. Nun könnte man sich nach dieser Becksche Wortschöpfung auch fragen, warum er an die Öffentlichkeit geht, wenn noch gar nichts wirklich beschlossen ist. Was schließlich konkret davon übrig bleibt, ist die Absichtserklärung der großen Koalition, die Postdienste in das Entsendegesetz (9) aufzunehmen. Voraussetzung dafür aber ist, dass die Tarifparteien, in diesem Fall die Postdienste und die Postgewerkschaft, sich auf eine Lohnuntergrenze einigen und beantragen, diese für allgemeinverbindlich zu erklären. Wenn es zu dieser Einigung nicht kommt, bleibt die Bereitschaft der großen Koalition Makulatur. Zwar haben auch die privaten Zustelldienste grundsätzlich die Bereitschaft zu einer Einigung bekundet. Doch unter welchen Bedingungen ist noch offen. Allgemein wird damit gerechnet, dass die Löhne in der Branche wesentlich niedriger sein werden, als die der bisherigen Post-AG. Zuwanderung für Fachkräfte Ein Thema auf der Klausur war auch die Ergänzung des gerade von Bundespräsidenten Köhler unterschriebenen Zuwanderungsgesetzes. Bei den von der zuständigen Fachministerin Maria Böhmer (10) eingebrachten Vorschlägen (11), geht es allerdings nicht um die Bedenken von Migrantenverbänden, die sich diskriminiert sehen. Vielmehr soll mit besseren Zuwanderungsbedingungen für Hochqualifizierte dafür gesorgt werden, dass die Wirtschaft in Deutschland durch die abnehmende Bevölkerung keinen Schaden nimmt. Dagegen haben selbst die konservativen Kreise in der Union nichts einzuwenden. Schon lange wurde von CSU-Politikern das Wort von Ausländern, die Deutschland nutzen und daher willkommen sind, im Umlauf gebracht. Nur manche rechten Kameraden in Ost und West scheinen das noch nicht mitbekommen zu haben. Schließlich hat die Hetzjagd auf eine Gruppe von Indern in Sachsen auch in den indischen Medien Aufmerksamkeit erregt (12). Da werden die begehrten Computerexperten aus Bangalore trotz allem Abbau von Hürden im Zuwanderungsgesetz doch eher in die USA oder nach Kanada gehen. Doch solche Misstöne werden bei der Pressekonferenz, auf der Merkel und Müntefering heute die Ergebnisse der Klausur vorstellen werden, nicht zu hören sein. Denn es geht um das Klima in der Koalition. Streiten wird man erst hinterher, sicher auch im Parlament. Spätestens bei der Abstimmung um die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes am 15. September wird man es erleben können.
LINKS
(1) http://www.iwkoeln.de/home.aspx?i=20470&t=27 (2) http://www.ad-hoc-news.de/Politik-News/de/12685153/PDS-Stratege-Brie-for dert-Opposition-zu-Lafontaine (3) http://www.andrebrie.de/ (4) http://www.klaus-wowereit.de (5) http://www.kurt-beck.de (6) http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/Bundeskabinet t/FrankWalterSteinmeier/frank-walter-steinmeier.html (7) http://sigmargabriel.de/ (8) http://www.netzeitung.de/deutschland/716910.html (9) http://bundesrecht.juris.de/aentg/BJNR022700996.html (10) http://www.maria-boehmer.de (11) http://www.ad-hoc-news.de/Politik-News/de/12953025/B%F6hmer-will-bessere -Zuwanderungsbedingungen-f%FCr (12) http://www.taz.de/index.php?id=digitaz-artikel&ressort=sw&art=3542&no_ca che=1 |