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ND18.10.2007Demokrat, Anwalt und links
Peter O. Chotjewitz über seinen Freund Klaus Croissant und den »Deutschen Herbst«
Von Peter Nowak
Viel wird zur Zeit in den Medien über jene Zeit geschrieben, der seit 30 Jahren der »Deutsche Herbst« genannt wird. Doch die Berichte gleichen sich meist. Ein demokratischer Staat habe sich im Herbst 1977 gegen zu allem bereite, durchgeknallte RAF-Guerilleros wehren müssen und diese Prüfung alles in allem erfolgreich bestanden. Solche Töne schlagen auch ehemalige Linke an, die vor 30 Jahren klammheimliche Freude über die RAF-Aktionen gezeigt haben und daher heute besonders vehement gegen ihre alten Ideale ankämpfen.
Mit Peter O. Chotjewitz hat sich jetzt ein Autor zu Wort gemeldet, der nicht in diesen Chor einstimmt. Er hatte als Wahlverteidiger von Andreas Baader seine Erfahrungen mit der Justiz gemacht, danach den Anwaltsberuf an den Nagel gehängt und sich ganz der Schriftstellerei gewidmet. In seinem Roman »Die Herren des Morgengrauens« hatte Chotjewitz seine kurze Zeit als Rechtsanwalt literarisch verarbeitet. In den letzten 20 Jahren konnte man von ihm nichts mehr lesen. Dafür werden wir jetzt gleich mit zwei Büchern entschädigt.
»Mein Freund Klaus« ist eine Romanbiografie über den Stuttgarter Rechtsanwalt Klaus Croissant, der von den Medien zum Drahtzieher der RAF gestempelt wurde und wegen seiner Kontakte zum MfS auch bei vielen Linken zur Persona Non Grata geworden ist. Vielleicht kann Chotjewitz nun dazu beitragen, dass sich ein differenziertes Bild über Croissant durchsetzt.
Es beginnt mit dessen Vorfahren, die als Hugenotten vor der Verfolgung aus Frankreich geflohen sind. Chotjewitz gelingt es meisterhaft, Landschaft und politisches Klima der Region um die Kleinstadt Kirchheim an der Teck zu beschreiben, in der Croissant geboren wurde und die für die Sozialisation des jungen Jurastudenten von großer Bedeutung war. Früh setzte er sich mit NS-belasteten Juristen auseinander, die dem jungen Studenten als Lektüre empfohlen wurden. Später war er ein dezenter Unterstützer der Linken. Croissant hatte sich schon einen Ruf als demokratisch engagierter Anwalt erworben, als er das Mandat für die RAF-Gefangenen übernahm.
Chotjewitz rekapituliert noch einmal die Zeit ab 1974, als das Anwaltsbüro Croissant zur Zentrale des Terrors stilisiert wurde. Croissant und seine Mitarbeiter wurden bespitzelt und inhaftiert. Er floh 1977 nach Paris und beantragte politisches Asyl in Frankreich. In zahlreichen französischen Städten gingen Zehntausende für den Anwalt auf die Straße. Nicht ganz vergeblich. Croissant wurde zwar an die BRD ausgeliefert, doch die deutsche Justiz musste auf zahlreiche Anklagepunkte verzichten. Deshalb war die Haftstrafe auch wesentlich geringer als die Anklagebehörde anstrebte.
Chotjewitz und sein damaliger Anwaltskollege und heutige Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele sind noch immer überzeugt, dass Croissants Aktivitäten von seinem Anwaltsmandat gedeckt waren. Er war der letzte Verteidiger des Rechtsstaates und scheute in dieser Rolle auch keine Auseinandersetzung mit der Staatsmacht. Chotjewitz geht auch auf Croissants Aktivitäten in Westberlin ein, wo er ab Anfang der 80er Jahre am linken Flügel der Alternativen Liste für die Anerkennung der DDR stritt. Nach dem Fall der Mauer engagierte er sich in der gerade gegründeten PDS und war Mitorganisator der ersten Westberliner Demonstration gegen die Annexion der DDR. Wenig später wurde er wegen angeblicher Zusammenarbeit mit dem MfS erneut inhaftiert. Chotjewitz kam nach vielen Gesprächen zu dem Schluss, dass Croissants MfS-Kontakte den Meinungsaustausch über die politische Lage dienten und mit Geheimnisverrat nichts zu tun hatten. Als PDS-Kandidat war Croissant für die Bundestagswahl 1994 im Gespräch, doch ein schwerer Schlaganfall machte ihn zum Invaliden. 2001 starb der mutige Anwalt.
Chotjewitz ist es meisterhaft gelungen, die verschiedensten Facetten eines reichen und bewegten Lebens darzustellen. Dies ist ihm in gleicher Weise bei der Porträtierung von Croissants langjähriger Lebensgefährtin, der viel zu früh verstorbenen linken Theoretikerin Brigitte Heinrich, leider nicht geglückt. Vom letzten Besuch Chotjewitz' beim schwer erkrankten Croissant handelt eine der 19 Kurzgeschichten, die im Band »Fast letzte Geschichten« versammelt sind. Es geht hier um Kriminalfälle, um die Würdigung des Fluxus-Künstlers George Maciunas und immer wieder auch um die linke Bewegung und die RAF. Hoffentlich bekommen wir noch viel von Chotjewitz zu lesen und müssen nicht wieder 20 Jahre auf ein neues Buch dieses brillanten Autors warten.
Peter O. Chotjewitz: Mein Freund Klaus. 576 S., br., 22 EUR.
Peter O. Chotjewitz: Fast letzte Erzählungen. 224 S., br., 13 EUR.
Beide Titel sind jetzt im Verbrecher Verlag, Berlin, erschienen.
Am morgigen Freitag (19.30 Uhr) liest Peter O. Chrojewitz im Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustr. 2a, Berlin