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Scheinschlag 3/07Empowerment der Kiezeliten
Ein Buch demonstriert Glanz und Elend der Kiezforschung
Die Soldiner Straße im Wedding hat es in den letzten Jahren zu zweifelhaftem Medienerfolg gebracht. „Wo es in Berlin am gefährlichsten ist – Soldiner Straße!", titelte beispielsweise der Berliner Kurier im März 2003. Im November 2003 zog die Berliner Morgenpost mit der Schlagzeile nach: „Im Soldiner Kiez gehört Gewalt zum Alltag!" Selbst die seriösere Berliner Zeitung mußte auf den Hype um die Soldiner Straße aufspringen. „Die Soldiner Straße ist eine der ärmsten Straßen Berlins. Eigentlich wollen hier alle weg – aber sie können nicht", hieß es dort im März 2004. Solche Berichte bleiben nicht ohne Wirkung. Einerseits zogen tatsächlich nicht wenige Menschen weg, und die, die blieben, schämten sich, Besuch in ihre Wohnung einzuladen. Wenn erst einmal eine Straße in den Medien abgeschrieben wurde, scheinen sogar im fernen Rheinland Menschen davon Notiz zu nehmen.
Das zumindest ist dem Buch In den Straßen des Soldiner Kiezes ­ Studien über ein gefährlichen Stadtteil zu entnehmen. Es ist das Produkt der Reaktion mancher Bewohner auf die Medienschlacht um die Soldiner Straße. Sie wehrten sich dagegen, daß die Straße, in der sie leben, eine Art Slum sein soll. Sie gründeten Kiez-AGs, beforschten die Bewohner und ihr Lebensumfeld, organisierten Veranstaltungen in der Umgebung und gaben schließlich ihre Ergebnisse als Buch im Verlag an der Spree heraus. Die Artikel ­ zum Teil Zwischenergebnisse aus Diplomarbeiten, manche mit umfangreichen Literaturangaben ­ präsentieren viele Details über den Stadtteil, die Vorlieben und Vorurteile der Bewohner.
Die meisten Autoren wohnen im näheren oder weiteren Umfeld der Soldiner Straße. Sie gehören zu der Bevölkerungsgruppe, die auch in den Kiezstrukturen bestens verankert ist. So schreibt Alexandra Kast über die Bürgerjury und das „Empowerment in Kiezen". Mit dem Begriff Empowerment wird auch in Kreisen von Nichtregierungsorganisationen die Befähigung von Menschen beschrieben, sich selbst zu helfen und ihr Leben selber zu organisieren.
Die Bürgerjury, die den Bewohnern also dabei helfen sollte, mit sich selbst klar zu kommen, bestand aus Facharbeitern, Akademikern und mittleren Angestellten. Vier davon beschäftigten sich beruflich mit Stadtentwicklung. Kast schreibt prägnant: „Diese Gruppe ist nicht repräsentativ für die Zusammensetzung der Quartiersbevölkerung, weder was die soziale Lage noch ihren ethnischen Hintergrund angeht. Von dem hohen Anteil Arbeitsloser und Sozialhilfeempfänger im Quartier war in der Jury niemand vertreten, von den Migranten disproportional wenige." Das Fazit von Kast lautet denn auch: „Mit der Bürgerjury werden nicht die Marginalisierten erreicht. Vielmehr findet ein Empowerment der Kiezeliten statt." Eine solche dezidierte Kritik an Quartiersmanagement und ähnlichen Instrumentarien, mit denen Stadtteilbewohner beforscht, beschnüffelt und auch in eine bestimmte Richtung gelenkt werden sollen, wurde schon in Kreuzberg und Schöneberg geübt.
Ebenso kritisch wurde schon immer das von den Kiezorganisationen vertretene Konzept der Aufwertung von Stadtteilen gesehen. Es bedeutet letztlich, daß der Kiez für Investoren attraktiv gemacht wird und Marginalisierte weichen müssen.
Das Buch stellt diese Probleme gut dar, ohne sie allerdings selber grundlegend zu kritisieren. Das ist das Problem des Buches, aber auch ein Problem der Kiezforschung überhaupt: Von den 14 Autoren und Mitarbeitern hat gerade mal ein einziger keinen akademischen Abschluß. Ein Drittel der Autoren könnte man als studierte Kiezforscher, Stadtsoziologen usw. bezeichnen, und zwei Drittel der Beiträge sind in einer akademischen Sprache verfaßt, die von den meisten Bewohnern nicht verstanden wird. Manchmal hat man den Eindruck, es sollten Diplom- und Doktorarbeiten zweitverwertet werden. Zwei rühmliche Ausnahmen sind zu erwähnen: Der einzige Nicht-Student, Thomas Bruckmann, schreibt als engagierter Kiezbewohner und nicht als Kiezforscher. Auch der Diplom-Soziologe Thomas Kilian schreibt in einer verständlichen Sprache. Sein Fazit lautete: Die Bewohner des Soldiner Quartiers haben ein sehr genaues Gespür für das schlechte Image ihrer Wohngegend.
Bislang ist der Soldiner Kiez noch nicht von einem benachteiligten zu einem benachteiligendem Stadtviertel geworden, obwohl Presse und Politiker anscheinend in diese Richtung arbeiten. Der Soldiner Kiez ist auf jeden Fall besser als sein Ruf. Das sollten sich auch manche Kiezforscher hinter die Ohren schreiben.
Peter Nowak
EAG Kiezforschung im Soldiner Kiez e.V.: In den Straßen des Soldiner Kiezes. Studien über einen „gefährlichen" Stadtteil. Verlag an der Spree, Berlin 2005. 9,80 Euro.