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telepolis vom 12.3.07Islamistische Botschaften an die öffentliche Meinung Peter Nowak Noch will die deutsche Regierung sich nicht von Drohungen erpressen lassen Ein Video hat die Sicherheitsexperten in Deutschland aufgeschreckt. Dort droht ein Vermummter, der sich als Vertreter der Gruppe "Stimme des Kalifats" vorstellt, indirekt mit Terroranschlägen in Deutschland und Österreich, wenn die Regierungen nicht ihre Soldaten aus Afghanistan zurückziehen. Beeinflusst werden soll die politische Debatte in Deutschland. Die Erklärung wird man wohl ernst nehmen müssen, weil es eben nicht nur bei Worten geblieben ist ( Ist Deutschland im Krieg angekommen? (1)). Nur einen Tag vorher gingen Bilder über zwei im Irak entführte deutsche Staatsbürger durch die Medien. Die schon seit Jahren im Irak lebende Frau und ihr Sohn, die am 7. Februar aus ihrer Bagdader Wohnung entführt worden waren, schienen auf dem Video am Ende ihrer Kräfte. Die Frau richtete einen Appell an die deutsche Bundesregierung, ihnen zu helfen und sie nicht im Stich zu lassen. Ein vermummter Entführer verlas eine Erklärung, in der der Rückzug deutscher Truppen aus Afghanistan verlangt wird. Am vergangen Donnerstag war der deutsche Entwicklungshelfer Dieter Rübling im Norden Afghanistans erschossen worden. Die afghanischen Behörden sprachen gleich von einem politischen Hintergrund und verwiesen darauf, dass die afghanischen Begleiter des Mannes freigelassen worden waren, nachdem sie von den Attentätern wegen ihrer Tätigkeit für ausländischen Organisatoren beschimpft worden seien. In den deutschen Medien hielt man sich allerdings zunächst mit der Beurteilung des Anschlags zurück und meinte, dass es sich auch um einen Raubmord halten könne. Mehr Neinstimmen als erwartet Man wollte im Vorfeld der Abstimmung im Bundestag über die Entsendung von Tornados nach Afghanistan die Zahl der Nein-Sager nicht noch mehr in die Höhe treiben. Am Ende stimmte (2) zwar eine große Mehrheit von 405 Bundesabgeordneten oder 65,96 Prozent für den Einsatz. Doch aus der SPD-Fraktion kamen 69 Neinstimmen, bei den Grünen waren 26 dafür und 20 dagegen. Nur die Linkspartei war geschlossen dagegen. Die FDP sprach angesichts des hohen Anteils an Nein-Stimmen bei der SPD von einem eingeschränkten Spielraum der Bundesregierung. Es hätten sicher noch mehr SPD-Abgeordnete mit Nein gestimmt, wenn nicht SPD-Linke wie Entwicklungsministerium Heidi Wieczorek Zeul für die Zustimmung mit dem Argument geworben (3) hatten, dass die Tornados nur die deutsche Aufbauarbeit begleiten und absichern sollen. Damit soll das Selbstbild aufrecht erhalten werden, dass Deutschland vor allem als Aufbauhelfer aktiv sei und sich so von den USA und Großbritannien abgrenzt. --Unser Land hat seit 2001 allergrößte Anstrengungen unternommen, um den Menschen in Afghanistan zu helfen. Entwicklungshelfer und Entwicklungshelferinnen sowie Soldaten haben ihr Leben riskiert, um den geschundenen Menschen in Afghanistan beim Aufbau ihres Landes zu helfen. Wir bauen Schulen, wir sorgen für die Wasserversorgung, wir helfen vor allem den Frauen und Kindern. Die Menschen in Afghanistan, die auf uns hoffen, können sich darauf verlassen, dass wir sie auch in Zukunft nicht im Stich lassen und uns nicht zurückziehen werden. Das sind wir ihnen schuldig. Das sind wir aber auch dem Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe schuldig, um den wir heute trauern. Das sind wir all denen schuldig, die Aufbauarbeit leisten.-- Heidemarie Wieczorek-Zeul im Bundestag Nationalkonservative Gegner des Afghanistan-Einsatzes Hinzu kommt noch, dass sich mit Peter Gauweiler (4) und Willy Wimmer (5) zwei Konservative gegen den Einsatz ausgesprochen haben. Die Argumente (6) hat Gauweiler schon vor Wochen geliefert. Für ihn ist der Einsatz grundgesetzwidrig. Auch der Ex-Staatssekretär im Verteidigungsministerium Wimmer argumentiert in die gleiche Richtung und warnt (7) davor, dass Deutschland in den Krieg hineingezogen werde. Vorwürfe von Seiten der USA oder Großbritanniens, dass sich die Deutschen mit Sozialarbeit aufhalten, während sie die blutige Drecksarbeit machen müssen, weißt Wimmer strikt als "schändliche Vorwürfe" zurück, um dann selber auszuteilen: "Mein Problem mit den Angelsachsen ist, dass sie eine Form von totaler Kriegsführung praktizieren, bei der Politik in die Ecke gestellt wird." Wimmer und Gauweiler wollen die Entscheidung des Parlaments juristisch prüfen lassen. In einer gemeinsamen Presseerklärung (8) heißt es: "Der Einsatz von Bundeswehr-Tornados in Afghanistan bedeutet notwendigerweise die Teilnahme Deutschlands an völkerrechtswidrigen und vom Nato-Vertrag nicht gedeckten Militäraktionen." Mit diesen beiden "konservativen Rebellen" haben die nationalkonservativen Kreise, für die der Afghanistan-Einsatz nicht im deutschen Interesse liegt, auch eine Stimme im Parlament. Die Frage, warum Deutsche für die USA in Afghanistan in den Krieg ziehen, wird auch schon seit Wochen auf unterschiedlichen Homepages der mehr oder weniger extremistischen Rechten jenseits der Unionsparteien immer dringlicher gestellt. Die islamistischen Erklärungen richten sich freilich an alle Kriegskritiker. Es wird sich zeigen, welche Reaktionen die islamistischen Drohungen in Deutschland haben werden. Die Bundesregierung bleibt bei ihrem Statement, sich nicht erpressen zu lassen. Doch das war auch die Reaktion der Berlusconi-Regierung, als italienische Bürger im Irak entführt worden waren. Damals organisierten die Zivilgesellschaft und die Antikriegsbewegung eigenständige Demonstrationen, auf denen bekundet wurde, dass sei nicht mit der Regierung übereinstimmt. Erinnert sei auch an die Reaktionen auf die Anschläge in Madrid vor drei Jahren. Bei den Wahlen wenige Tage später stimmte eine Mehrheit der spanischen Bürger für die zuvor hoffnungslos überlegenen Sozialdemokraten, die kurz danach ihr zentrales Wahlversprechen umsetzten und die spanischen Truppen aus dem Irak zogen. Die islamistische "Nachricht an die Regierungen von Deutschland und Österreich" traf fast exakt drei Jahre nach dem Anschlag von Madrid ein.
LINKS
(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24814/1.html (2) http://www.bundestag.de/parlament/plenargeschehen/abstimmung/20070309_to rnado.pdf (3) http://www.bundestag.de/bic/plenarprotokolle/plenarprotokolle/16086.html (4) http://www.peter-gauweiler.de/ (5) http://www.willy-wimmer.de/ (6) http://www.peter-gauweiler.de/pdf/SZAfghanistan.pdf (7) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,464817,00.html (8) http://www.willy-wimmer.de/index.php?option=com_content&task=view&id=155 &Itemid=35 |