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telepolis21.04.2007Tod eines Erwerbslosen
Peter Nowak
Die Armut von Erwerbslosen ist kein Einzelfall
Nachdem vor einigen Tagen bekannt (1) geworden war, dass in Speyer ein
Erwerbsloser in seiner Wohnung verhungerte, ist die Betroffenheit groß.
Ein 20jähriger Mann, der bei seiner 48jähriger Mutter lebte, starb an
einer von Mangelernährung verursachten Unterfunktion wichtiger
Organe. Seine Mutter befindet sich aufgrund von durch Unterernährung
bedingten Krankheiten in ärztlicher Behandlung.
Nach ihren Angaben war der junge Mann vor der Einführung von Hartz IV
im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme vom Sozialamt betreut worden.
Damit war mit dem Inkrafttreten der Arbeitsmarktreformen Schluss. Der
Mann wurde als arbeitsfähig eingestuft, musste Arbeitslosengeld II
beantragen und war fortan dem System von Fördern und Fordern
unterworfen, das von den Befürwortern von Hartz IV als Zugewinn von
Eigenverantwortung und Eigeninitiative begrüßt worden war. Der Tod in
Speyer zeigte einmal mehr, was mit Menschen passieren kann, die nicht
in der Lage sind, im Wettbewerb der Fitten, Flexiblen und Kreativen
mitzuhalten.
Somit ist der Tote von Speyer das direkte Gegenbild von Henrico Frank,
der bekannt geworden war, weil er den rheinland-pfälzischen
Ministerpräsidenten Kurt Beck bei einer Rede unterbrochen hatte und von
diesem zum Waschen und Rasieren aufgefordert wurde ( Der Punk und der
Politiker (2)).
Henrico Frank wurde zum Medienereignis und gleichzeitig zum Zankapfel
in der Erwerbslosenbewegung. Denn er befolgte Becks Rat und bat um
Arbeit. Er war aber eigenwillig genug, nicht zu jedem Termin bereit
zu stehen, der ihm vom Mainzer Regierungssitz genannt wurde und auch
nicht jeden Job zu jedem Preis anzunehmen. Als er als berühmtester
Arbeitsloser durch die Medien ging, wurde ihm schließlich von einem
Musikradio ein Job angeboten. Fast alle waren zufrieden. Henrico Frank,
die Medien und auch die Politik. Hatte sich doch scheinbar mal wieder
gezeigt, dass man sogar eine Stelle bekommt, wenn man nicht nur
flexibel, sondern auch selbstbewusst ist. Selbst eine leichte Renitenz,
z.B. der Schriftzug "Arbeit ist Scheiße" an der Kleidung, muss nicht
negativ zu Buche schlagen.
Die Erwerbslosengruppen standen gleich doppelt düpiert da, weil sie
zuvor Frank gerade wegen seines Eigensinns kritisiert hatten. Er sei
ein schlechter Vertreter für die Erwerbslosen, weil er eben Termine
abgelehnt und auch sonst deutlich gemacht habe, dass ihm Arbeit eben
nicht über alles geht. Dabei hätten die Erwerbslosenaktivisten eher
deutlich machen müssen, dass die mediale Erfolgsgeschichte des Henrico
Frank eben wenig mit den Lebensrealitäten vieler Hartz IV-Empfänger zu
tun.
Abgehängtes Prekariat
Der Tote in Speyer war, was die drastischen Folgen betrifft, sicher ein
Ausnahmefall. Doch er steht für nicht wenige Menschen, die von Beck mit
der Vokabel des abgehängten Prekariats (3) vielleicht unfreiwillig
treffend charakterisiert wurde. Sie sind tatsächlich abgeschnitten von
fast allen gesellschaftlichen Ereignissen. Internet und Computer
besaßen sie nie, eine Zeitung können sie sich nicht leisten und wenn
der Strom abgestellt wird, kann auch das Fernsehen keine Zerstreuung
mehr bieten. Diese Menschen werden von den Politikerreden über
Erwerbslose weder positiv noch negativ angesprochen, weil sie gar nicht
kennen.
Für Anne Allex (4) vom Runden Tisch der Erwerbslosen- und
Sozialhilfeorganisationen (5) ist die Armut von Erwerbslosen kein
Randphänomen. "Wer mit 65 Jahren noch ein tolles Lebensniveau erreichen
will, muss seit dem 16. Lebensjahr sehr gut verdienen. Ein großer Rest
muss bis zur Minirente darben. Die rot-grüne Strategie für Ältere und
Alte heißt: Schmalhans ist Küchenmeister", hat sie schon nach der
Einführung von Hartz IV geschrieben.
Solche Warnungen werden oft als Panikmache abgetan. Auch den
Aktivisten der Tribunale gegen Armut und Elend (6), die in
verschiedenen Städten beklemmende Fakten über die Lebenssituation von
Menschen in Deutschland bekannt machten, werden medial meist ignoriert.
Dass Menschen auch im Winter auf Heizung und Strom verzichten müssen,
weil sie die Rechnungen nicht zahlen konnten, wird in der Regel als
individuelles Schicksal wahrgenommen.
Mittlerweile haben Autoren aus der Erwerbslosenbewegung Ratschläge
zusammengestellt, mit denen sich das Abstellen von Strom und Heizung
verhindern (7) lassen kann. Ein Kapitel der Broschüre widmet sich auch
den städtischen Orten, in denen Menschen im Winter ein warmes Plätzchen
zum Aufwärmen finden, ohne gleich Geld ausgeben zu müssen. Dazu zählen
Shoppingmalls ebenso wie Bibliotheken. Dass solche Ratschläge für
manche Menschen sogar überlebenswichtig sein können, hat der Tod von
Speyer einmal mehr gezeigt.
 

LINKS

(1) http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/441/110331
(2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24286/1.html
(3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23781/1.html
(4) http://www.pariser-kommune.de/author/llx
(5)
http://www.die-soziale-bewegung.de/organisationen/SelbstverstaendnisRund
erTisch.pdf
(6)
http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/aktionen/2006/tribunal160306.p
df
(7)
http://www.pariser-kommune.de/licht-und-heizung-bleiben-an-2013-auch-bei
-wenig-geld