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telepolis vom 26.11.07Ein bisschen links von der Mitte Peter Nowak Die Beschlüsse des Nürnberger Parteitags werden aller Polemik zum Trotz keine Bündnisoptionen verstellen Haben die Ökolinken um Jutta Ditfurth (1) bei den Grünen wieder die Mehrheit gewonnen? Diesen Eindruck könnte man haben, wenn man die Reaktion der Unionsparteien und der FDP auf den Parteitag der Grünen (2) am Wochenende in Nürnberg verfolgt. Von einem Linksruck wurde geredet und auch von gefährlicher ideologischer Traumtänzerei. Solche Töne sind allerdings eher dem beginnenden Vorwahlkampf als der Realität geschuldet. Schließlich hat der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der im Januar seine Regierung in Wahlen bestätigen muss, schon einen harten Lagerwahlkampf eingeleitet. Das heißt für den Rechtskonservativen, dass die Union und die FDP gegen SPD, Grüne und Linkspartei gleichermaßen agieren müssen. Ob die Propaganda verfängt, wird sich am Wahltag zeigen. Doch schon beim Göttinger Parteitag vor einigen Wochen wurde den Grünen Regierungsunfähigkeit und Verantwortungslosigkeit unterstellt (3), weil sie sich kritisch zum Afghanistan-Mandat geäußert haben. Tatsächlich wurde dort kein Totalabzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan gefordert. Der Parteivorstand ging aber düpiert aus diesem Parteitag hervor, weil eben die Mehrheit auch Dank des Einsatzes eines Basisaktivisten (4) anders als empfohlen abgestimmt hat. Was noch vor Jahren als Ausweis besonders lebendiger Basisdemokratie und somit geradezu als Markenzeichen der Grünen galt, wurde jetzt als Ausdruck von Führungsschwäche interpretiert. Nie wieder Göttingen Unterschiedliche sich gegenseitig belauernde Machtzentren wollen verschiedene Kommentatoren bei der Umweltpartei ausgemacht haben (5). Sofort wurde kolportiert, dass so etwas unter Josef Fischer nicht passiert wäre. Ein zweites Göttingen dürfe sich auf keinen Fall wiederholen, hieß es schnell und diese Stimmung wurde vom Parteivorstand geschickt instrumentallsiert. Dieses Mal hat der Streit um ein bedingungsloses Grundeinkommen den Stellenwert bekommen, den in Göttingen die Afghanistanfrage hatte. Während sich der Parteivorstand um die Bündnisfähigkeit mit möglichen Koalitionspartnern sorgte und sich für eine "grüne Grundsicherung" (6) stark machte, waren weite große Teile der Parteibasis für das bedingungslose Grundeinkommen. Sie konnten darauf verweisen, dass die Grünen die Debatte schon in den 80er Jahren wesentlich mit angestoßen haben und dass diese Forderung in unterschiedlichen Varianten (7) längst auch von Konservativen und sogar Neoliberalen unterstützt wird. So ist es bezeichnend, dass der Thüringische CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus (8) die grünen Grundeinkommensbefürworter unterstützte. Er selber macht sich in seiner Partei für ähnliche Modelle (9) stark. Am Ende hat auch diese Unterstützung den ideologisch breit gefächerten Anhängern eines solchen Modells nicht die Mehrheit gebracht. Knapp 41 % stimmten dafür. Die Vorlage des Bundesvorstands, die unter dem Titel "grüne Grundsicherung" für ein 30 Millionen teueres staatliches Bildungsprogramm und die Erhöhung des ALGII auf monatlich 420 Euro warb, bekam eine Mehrheit von 59%. Bloß keine neue Debatte über das Verhältnis zwischen Führung und Basis provozieren, war das Credo vieler Delegierter, die deshalb auch die Vorlage des Vorstands unterstützte. Diese mediale Dauerattacke disziplinierte die Basis so sehr, dass selbst erklärte Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens am Ende über ihre Niederlage froh waren, weil dies der Partei weitere Medienschelte erspart habe. Was als ein geschickter Schachzug der Führungsgremien gilt, war die Anpassung an die Praxis der meisten anderen Parteien. Trotzdem erntete der Beschluss wieder Unmutsäußerungen von den konkurrierenden Parteien. Denn um die Kritiker einzubinden, hat der Vorstand verschiedene sozialpolitischen Maßnahmen noch in die Vorlage schreiben lassen. So sollen die bei Hartz II typischen Sanktionen gegen Erwerbslose nach Vorstellung der Grünen wegfallen. Die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens sprachen denn auch davon, dass sich der angenommene Vorschlag ihren Vorstellungen sehr angenähert habe und sie auch deshalb über ihre Niederlage nicht besonders unglücklich sind. Die vorsichtige Absatzbewegung von Hartz IV, die auch bei Teilen der SPD zu beobachten war, ist auch eine Reaktion auf das Erstarken der Linkspartei. Die hatte mit ihrer Ablehnung von Hartz IV lange Zeit keine parteipolitische Konkurrenz. Zumindest auf dem Papier hat sich das mittlerweile geändert. Ob sich das langfristig auch auf den Wähleranteil auswirkt, wird sich zeigen. Aber sicher werden enttäuschte Grünenwähler nicht nach einem Parteitag sofort in ihre alte Partei zurückkehren. Anderseits werden es sich die grünen Spitzengremien als Erfolg anrechnen, dass der Streit um Grundeinkommen oder Grundsicherung keine Verlierer zu kennen scheint. Schließlich sprechen auch die knapp Unterlegenen von einer sachlichen innerparteilichen Debatte, was für das grüne Bauchgefühl, das bei der Umweltpartei noch immer eine große Rolle spielt, schon eine Bedeutung hat. Alle Bündnisoptionen möglich Praktischen Einfluss auf die Politik werden die Beschlüsse des Grünen-Parteitags nicht haben. Das gilt auch für das dort beschlossene Umweltprogramm und die Bürgerrechtsanträge (vgl. Grüne wollen "Verfassungsschützer" werden (10)). Schließlich ist die Partei im Bund und den meisten Bundesländern in der Opposition. Was von den Beschlüssen übrig bleiben wird, wenn wieder einmal - in welcher Konstellation auch immer - ein Koalitionsvertrag unterschrieben werden muss, ist völlig offen. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gelehrt, dass Papier geduldig ist und dass daran keine Koalition scheitern wird. So sind aller parteipolitischen Polemik zum Trotz die Grünen auch nach Nürnberg für alle Bündnisse weiterhin völlig offen. Sicherlich wird vor allem auf Bundesebene eine Neuauflage des Bündnisses von SPD und Grüne angestrebt. Doch in manchen Bundesländern wird auch weiterhin, entsprechende Wahlergebnisse vorausgesetzt, ein Bündnis mit den Konservativen nicht ausgeschlossen. Daran ändert auch der fast flügelübergreifende Widerstand nichts, den der Landtagsabgeordnete von Baden-Württemberg und finanzpolitische Sprecher seiner Fraktion, Oswald Metzger (11) in den letzten Tagen erfahren hat. Dass ist nicht in erster Linie seinem lange bekannten wirtschaftsliberalen Vorstellungen (12) geschuldet, die in der Partei von Einflussreicheren genau so vertreten wurden. Es ist eher seine Diktion, die den grünen Bauch gegen ihn aufbringt. Wenn schon Unterschichtenschelte sein muss, dann im Stil einer Claudia Roth, die nie die zerrissene grüne Seele zu erwähnen vergisst. Wer aber so ganz ohne Gewissensqualen der Unterschicht, welche die Grünen sowieso nicht wählt, unterstellt, "Kohlenhydrate oder Alkohol in sich hineinzustopfen", hat denn doch gehörig gegen die grüne Etikette verstoßen.
LINKS
(1) http://www.oekolinx-arl.de/ (2) http://www.gruene.de/cms/default/rubrik/0/3.htm (3) http://www.focus.de/politik/deutschland/gruenen-parteitag_aid_132996.htm l (4) http://www.robert-zion.de/ (5) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,505965,00.html (6) http://www.grundsicherung.org/ (7) http://www.wdr.de/themen/politik/1/grundeinkommen/modelle.jhtml?rubriken style=politik (8) http://www.d-althaus.de/index.php?id=52 (9) http://www.thueringen.de/de/buergergeld/ (10) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26692/1.html (11) http://www.oswald-metzger.de/ (12) http://www.insm-tagebuch.de/2007/10/26/insm-berater-oswald-metzger-zur-l age-der-sozialdemokraten-vor-dem-spd-bundesparteitag/ |