[Index] [Nowak] [2006] [2007]

ND27.04.07Prekär und sich wehren
Von Peter Nowak
Wie können sich Menschen in prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen wehren und organisieren? Diese Frage stand kürzlich im Mittelpunkt einer Diskussionsveranstaltung in Berlin.
Holm Friebe, Autor des Bestsellers »Wir nennen es Arbeit« wird auch scherzhaft der Erfinder der Digitalen Boheme genannt. Er setzt vor allem auf Kleinunternehmen, die sich untereinander solidarisch mit Aufträgen versorgen. Doch mittlerweile haben auch viele Mitarbeiter im Internetbereich erkannt, dass Gewerkschaften eine bessere Interessenvertretung sein können. Veronika Mirschel ist bei ver.di für die Organisierung der Selbstständigen zuständig. Noch sind die innerhalb der Gewerkschaft eine kleine Minderheit. Doch ihre Zahl nimmt zu. Schließlich hatten sie auch schon erste Erfolge zu vermelden. So verhinderte ein reger Internetprotest von Freien innerhalb der Gewerkschaft, dass die Politik Hand an die Künstlerkrankenkasse legte.
Mirschel machte deutlich, dass die Organisierung von Freien in den Gewerkschaften nicht nur auf Zustimmung stößt. Viele Fragen bei der gewerkschaftlichen Organisierung von Freien sind offen. Sie treten in erster Linie als Konkurrenten gegeneinander an.
Wie unter diesen Umständen eine Solidarität herzustellen ist, blieb an dem Abend ebenso unbeantwortet wie die Konsequenzen für eine kämpferische Gewerkschaftsarbeit. Könnte die Organisierung von Freien dazu beitragen, dass die Gewerkschaften noch mehr zu Dienstleistern werden? Wird damit der linksgewerkschaftliche Anspruch, eine Kampforganisation der Lohnabhängigen zu sein, nicht endgültig obsolet?
Es blieb Anne Allex von der Berliner Kampagne gegen Zwangsumzüge nach Hartz IV vorbehalten, bei der Diskussion auf die Interessen des abgehängten Prekariats hinzuweisen. Zur digitalen Boheme gehören sie nicht, oft haben sie nicht einmal einen Internetanschluss. Auch von den Gewerkschaften fühlen sie sich meist nicht mehr vertreten. Sie sind so im wahrsten Sinne des Wortes von der Gesellschaft abgehängt. Aktionen wie der Euromayday, der in diesem Jahr wieder in zahlreichen Städten stattfinden wird, stoßen als Raum der Begegnung und des Protestes bei ihnen durchaus auf Interesse, erklärte Anne Allex. Das ist ein positiver Ansatz, reicht aber nicht.
Die Frage, wie sich die Prekären im Alltag organisieren, ist damit aber nicht beantwortet. Sie stellt sich über den 1. Mai hinaus. Dann wird sich auch zeigen, ob das Prekariat mehr als ein Modebegriff ist, der mittlerweile Eingang in die Expertisen von Instituten und Denkfabriken gefunden hat.