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ND09.02.07»Kein Erfolg, keine Niederlage«
Ein Buch über den 70-tägigen Streik bei »Gate Gourmet« 2005/06
Von Peter Nowak
Im Oktober 2005 begannen etwa 70 Beschäftigte der Cateringfirma Gate Gourmet am Düsseldorfer Flughafen mit einem Arbeitskampf, der erst im April 2006 beendet wurde – und zeitweise zu einiger Prominenz gelangte. Irgendwann begann sich auch die Linke dafür zu interessieren; eine Zusammenarbeit entstand, die zumindest teilweise das Streikende überdauerte.
»Flying Pickets«, herumschweifende Streikposten, nannten sich die Unterstützer nach der britischen A-capella-Gruppe, die sich Anfang der Achtziger aus einem Theaterkollektiv gebildet hatte. Unter diesem Namen haben sie jetzt ein Buch herausgegeben, eine Art Anatomie des Arbeitskampfes.
Eine Cateringfirma, die mit McKinsey-Methoden aus ihren Leuten das Letzte herausholt. Ein Betriebsrat, der alles absegnet, und Mitarbeiter, die sich gegenseitig umrennen, um die Vorgaben einzuhalten: Normalsituationen der deregulierten Arbeitswelt.
Doch dann gab es die »U-Boote«, Mitarbeiter, die der Hetze begegnen wollten. Die Abwahl des alten Betriebsrates war ein erstes Zeichen, Grundlage für den langen Streik, der den Leuten zuerst auch ihre Ohnmacht verdeutlichte: Während sie im Streikzelt am Rande des Flughafens ausharrten, mussten sie ansehen, wie Leiharbeiter ihre Arbeit machten. Durch die Unterstützung der »Flying Pickets« im zweiten Monat hob sich die Stimmung dann enorm.
In manchmal etwas zu langen Interviews und Streiktagebüchern kommen die einzelnen Arbeiter zu Wort. Die vielen Widersprüche, die dabei auftauchen, werden nicht zugekleistert. Während einige Arbeiter und vor allem die Unterstützer die zuständige Gewerkschaft NGG eher als Bremser ansahen, gibt es andere Stimmen, die der Gewerkschaft vorwerfen, die Bedingungen nicht genau genug erkundet zu haben, bevor sie den Streik begann. Sie betrachteten die Gewerkschafter als Profis, die wissen, wie ein Streik geführt wird – und stellten bald fest, dass die Hauptamtlichen auch nicht mehr weiter wussten.
Weiterhin kamen Organisationskonkurrenzen erschwerend hinzu. NGG-Sekretär Axel Peters räumt im Interview ein, dass die Haltung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die zahlreiche Gate-Gourmet-Beschäftigte an an-deren deutschen Flughäfen organisiert und sich trotzdem aus dem Konflikt heraushielt, wenig solidarisch war.
»Die Fahne war nicht zerfetzt«, kommentiert Peters das Streikergebnis: »Kein Erfolg und keine Niederlage«.
Doch in einem Extra-Kapitel wird ein anderes Bild gezeichnet. Einige Aktive haben nach dem Streik die Firma verlassen. Auch der aktive Betriebsrat gab nach wenigen Monaten auf. An der Kampagne gegen ihn hatten sich nicht nur die Betriebsleitung und ein Teil der Leiharbeiter beteiligt, die als Streikbrecher eingestellt worden waren und sich nachher als Retter der Arbeitsplätze sahen. Auch manche Streikaktivisten sind in ihre alten Verhaltensweisen zurückgefallen – und versuchten offenbar, ihre Wochen des Ungehorsams nachträglich durch Überanpassung wettzumachen.