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ND02.02.07Die andere Uni und kein Ende
Von Peter Nowak
Ein großes Polizeiaufgebot hat in dieser Woche die Freie Universität Bochum (FUB) geräumt. Seit dem 22. Mai 2006 hatten Studierende in einem leerstehenden Gebäude auf dem Campus alternative Formen des Lernens praktiziert – Diskussionen, Vorlesungen und Kultur, alles täglich im Angebot.
Kurz vor der Räumung stand eine Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx auf dem Programm. Scheine gibt es an der FUB freilich nicht. Bei Teilnehmern wurde allerdings auch nicht nach den Studienausweisen gefragt. Schließlich gehört die Aufhebung von Bildungsprivilegien zu den obersten Zielen der Initiative.
Das Bochumer Projekt war aus dem Widerstand gegen Studiengebühren entstanden. Neben Bochum war Bielefeld im letzten Jahr eines der Zentren des studentischen Widerstands. Auch dort begnügten sich die Studierenden nicht mit lautstarken Protesten – sie besetzten kurzerhand einige Räume des Rektorats. Nach der Räumung lief die Gegenuniversität in der Universitätshalle weiter. Nach einigen Monaten war dann aber bei den meisten Aktivisten die Luft raus. Der größte Teil kehrte widerwillig in den Studienalltag zurück, einige brachen ihr Studium ab.
Auch manche Gründer der Offenen Uni Berlin (OUBS) haben mittlerweile dem regulären Hochschulbetrieb den Rücken gekehrt. Die Gegenuni in der Hauptstadt entstand während der Studierendenproteste 2005. Sie musste mittlerweile schon zwei Mal in andere Räume umziehen. Auch ihr aktuelles Domizil in einer alten Berliner Villa wird von der Unileitung nur als Übergangslösung gesehen.
Manche OUBS-Aktivisten der ersten Stunde vermissen inzwischen den Elan der Anfangszeit. »Auch Gegenuniversitäten können sich institutionalisieren, wenn sie nur lang genug bestehen können und der unmittelbare Räumungsdruck nachgelassen hat. Da kann sich schon ein Wohngemeinschaftsgefühl einstellen, wo das gemeinsame Kochen und Essen im Vordergrund steht«, sagt Till Richter.
Die Bochumer FUB-Aktivisten hatten keine Zeit, WG-Gefühle zu entwickeln. Über acht Monate lang stand der Kampf gegen Studiengebühren im Vordergrund – und in den letzten Wochen hing die Räumungsdrohung über dem Projekt. »Wir machen weiter«, geben sich die Aktivisten nach der Polizeiaktion dennoch kämpferisch.