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ND26.01.07Kritische Wissenschaft unerwünscht
Von Peter Nowak
Der Präsident der Freien Universität Berlin Dieter Lenzen sorgt sich um die Eliten in Deutschland. Auf der Homepage des neoliberalen industrienahen Thinktanks »Initiative Soziale Marktwirtschaft« verkündet Lenzen: »Meine besondere Sorge gilt dem in Deutschland zu kleinen Segment der Leistungselite.«
Bei einer solchen Orientierung an Eliten und Exzellenz-universitäten kann die kritische Wissenschaft schnell unter die Räder kommen. Diese Warnung kam von Studierenden und demokratischen Wissenschaftlern. Zu den profiliertesten Wissenschaft-lern, die vor den Folgen eines Umbaus der Hochschulen warnten, gehörte der Lehrbeauftragte am Fachbereich Psychologie der FU Berlin, Morus Markard. Nach den Plänen der Hochschulverwaltung soll seine Stelle künftig wegfallen. Das wäre nicht nur ein Schlag gegen einen gesellschaftlich engagierten Wissenschaftler. Mit dem Wegfall der Stelle würde der Lehrbereich Kritische Psychologie komplett abgewickelt.
Kritische Psychologie hinterfragte das Verhältnis von Gesellschaft und Wissenschaft. Der Mitbegründer Klaus Holzkamp wandte sich gegen Psychologie als Herrschaftswissenschaft und die Psychologisierung gesellschaftlicher Wissenschaften. Gerade die aber sind in Zeiten von Hartz IV und der zunehmenden Prekarisierung auch im akademischen Bereich Trumpf.
Die Abwicklung der Kritischen Psychologie wäre so nicht nur ein Sieg über die 1968er. Es wäre auch ein Rückschritt hinter einen Wissenschaftsdiskurs, der den Zusammenhang von Gesellschaft und Wissenschaft zur Grundlage hatte. Aber vielleicht gelingt es dem AStA der FU und der Fachbereichsinitiative Psychologie in letzter Minute noch, die Abwicklungspläne zu stoppen. Sie haben Proteste organisiert und eine Unterschriftenkampagne gestartet. Von der Resonanz wird es abhängen, ob kritische Wissenschaft am Campus noch eine Chance hat.
Der Autor ist Freier Journalist und lebt in Berlin