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Blick nach Rechts 16/2007Virtuelle Begegnungen
Ein Webportal dokumentiert das Leben von Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime.
Das Bewusstsein für den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime am Leben erhalten: Diesem Ziel hat sich das virtuelle Europäische Widerstandsarchiv oder auf Englisch „European Resistance Archiv“ (ERA) verschrieben, das unter
www.resistance-archive.org zu erreichen ist. Mit biographischen Videointerviews und begleitenden Texten versucht es aufzuzeigen, mit welchen Mitteln Menschen zum Kampf gegen den Nationalsozialismus beziehungsweise Faschismus beitrugen und welche Motivation sie dabei leitete.
Lorenz Knorr ist einer von den 20 Widerstandskämpfern, deren Leben im Online-Projekt dokumentiert worden ist. Anfang der 1960er Jahre war er in Westdeutschland ein bekannter Mann. Der damalige Jungsozialist ging 1962 in einer Rede auf die Nazivergangenheit von Repräsentanten der Bundeswehr ein. Der seinerzeitige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß ließ daraufhin gegen Knorr eine Anzeige wegen Beleidigung ehemaliger Wehrmachtsgeneräle, die dann in der Bundeswehr tätig waren, sowie wegen Staatsgefährdung anstrengen. Die Klage ging durch mehrere Instanzen und hatte eine besondere Note. Denn mit Lorenz Knorr stand ein ehemaliger Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime vor Gericht, der an Sabotageaktionen, Sprengungen von Munitionsdepots, dem Verteilen von Flugblättern wie auch weiteren Widerstandsaktionen beteiligt gewesen ist. Sollte ein ehemaliger Widerstandskämpfer bestraft werden, weil er die NS-Biographien von Mitbegründern der Bundeswehr offen legte? Das empörte viele und führte dazu, dass sich Menschen aus dem In- und Ausland für Knorr einsetzten, darunter der britische Philosoph Bertrand Russell. Erst in den 70er Jahren wurde Knorr schließlich freigesprochen.
Der auch heute noch politisch aktive Mann berichtet anschaulich über die verschiedenen Stationen seiner Widerstandsarbeit gegen das NS-Regime. Auch Erwin Schulz, der aus einer gewerkschaftlich orientierten Familie kam, begann früh im Widerstand gegen das NS-Regime zu arbeiten. Er verteilte Flugblätter und unterstützte NS-Verfolgte.
Neben Knorr und Schulz dokumentiert das ERA das Leben von 18 weiteren Kämpferinnen und Kämpfern gegen den Faschismus und Nationalsozialismus aus Deutschland, Polen, Österreich, Italien, Frankreich und Slowenien.
Dieser bestehende Grundstock soll kontinuierlich erweitert werden. Dafür sorgen in allen Ländern Initiativen, in denen sich engagierte Nazigegner mit Historikern, Pädagogen und einem professionellen Filmteam verbunden haben. Sie bereiten die Interviews vor und führen diese durch, übersetzen sie und ordnen sie auch historisch ein. Ergänzt werden die Biographien durch Kartenmaterial, Fotos, ein Glossar sowie Texte, die einen Überblick über die Geschichte des Widerstands in den verschiedenen Ländern geben. Sämtliche Transkriptionen der Interviews können für Schul- oder Universitätszwecke heruntergeladen werden.
Die neun Projektpartner aus den sechs beteiligten Ländern haben sich darauf geeinigt, sowohl bewaffnete als auch friedliche Aktionen unter den Widerstandsbegriff zu fassen. „Widerstand bedeutet, sich aktiv gegen den nationalsozialistischen Terror und Krieg gewehrt zu haben. Nicht nur etwas gesagt, sondern auch etwas gemacht zu haben“, so Steffen Kreuseler von der deutsch-italienischen Forschungsstelle Istoreco (
www.istoreco.re.it), der Koordinationsstelle für das Widerstandsarchiv. Unter diesen Widerstandsbegriff fallen sowohl Partisanen, aber auch Menschen, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten und Faschisten Verfolgte versteckt, falsche Papiere besorgt oder Flugblätter verteilt haben.
Steffen Kreuseler sieht die Zielgruppe des ERA bei jungen Menschen, für die der Umgang mit dem Internet ganz selbstverständlich ist. Für sie wird ein virtueller Ort, in dem sie Menschen treffen können, die Widerstand geleistet haben, besonders wichtig. Schließlich fallen die Zeitzeugen, die noch selbst berichten konnten und viele junge Menschen nachhaltig politisch prägten, immer mehr weg. Es wird sich zeigen, ob ERA diese Lücke füllen kann.
Peter Nowak