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telepolis vom 17.4.07Aufstand gegen Erdogan Peter Nowak Hunderttausende protestierten in Ankara gegen den Ministerpräsidenten und seine Partei und stärkten die nationalistische und anti-westliche Bewegung in der Türkei Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan (1) eröffnete am Sonntag mit Bundeskanzlerin Merkel die Hannover Messe 2007, an der sein Land mit 276 Ausstellern an führender Stelle beteiligt ist. Der türkische Ministerpräsident reiste sofort zurück nach Ankara, denn seine Regierung befindet sich zur Zeit in turbulentem Fahrwasser. Am Sonntag fand in der türkischen Hauptstadt Ankara die bisher größte Massendemonstration gegen Erdogan und seine Regierung statt. Über 300000 Menschen waren aus der gesamten Türkei mit Bussen nach Ankara gereist und protestierten (2) gegen eine mögliche Kandidatur von Erdogan für das Amt des Staatspräsidenten, den sie als Protagonisten einer islamischen Republik Türkei zum Buhmann des Aufmarsches erklärten. Da seine Partei im Parlament über die absolute Mehrheit verfügt, könnte sich Erdogan ins höchste Staatsamt wählen lassen. Es erscheint einigermaßen paradox, dass die mögliche Kandidatur eines Mannes, der seit 5 Jahren mit absoluter Mehrheit die Republik regiert, für eine solche Erregung sorgt. Schließlich hat die alleinregierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung ( AKP (3)) unter Erdogan nicht einmal das Verbot lockern können, das Frauen in staatlichen Einrichtungen das Tragen von Kopftüchern verbietet. So muss auch die strenggläubige Erdogan-Gattin auf die Teilnahme an Staatsempfängen verzichten, weil sie auf ihrer Kopfbedeckung beharrt. Allerdings ist das Amt des Staatspräsidenten in der Türkei anders als in Deutschland nicht nur mit repräsentativen Aufgaben betraut. Da der Präsident Beamte wie Universitätsrektoren und Juristen ernennen kann, fürchten Erdogans Gegner, dass der bisherige Ministerpräsident durch eine gezielte Personalpolitik das Land in eine proislamische Richtung drängen könnte. Unter nationalistischen Vorzeichen Diese Sorge wird bei einem Teil der Demonstranten, der prowestlichen aufgeklärten Mittelschicht der Großstädte, der Grund für ihren Protest gewesen sein. In diesen Kreisen wird der strikte Pro-EU-Kurs von Erdogan eigentlich befürwortet. Allerdings unterstellt man dem Ministerpräsidenten, dass er nur aus taktischen Gründen handelt und über die EU den Spielraum für Moslems in der Türkei erweitern will. Tatsächlich scheiterte die Erdogan-Regierung mit dem Versuch, das Kopftuch-Verbot in staatlichen Institutionen mit dem Hinweis auf die Religionsfreiheit in der EU zu kippen. Doch die Mehrheit der Erdogan-Gegner trieb nicht die Sorge um die säkulare Republik auf die Straße. Sie demonstrierten vielmehr für eine starke Türkei, die sich nicht um das Ausland kümmern und ihre Interessen ohne Rücksichten vertreten soll. Dafür tritt die "Vereinigung zum Schutze des Atatürkschen Gedankenguts" ein. Sie wirft Erdogan vor allem seinen Pro-EU-Kurs vor. Vor drei Jahren hatte er dafür noch eine große Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite. Doch mittlerweile ist die Skepsis gegenüber den europäischen Institutionen, ja gar deren Ablehnung am Bosporus nicht mehr zu übersehen. Dafür haben die Vorgaben aus Brüssel, Verurteilungen vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof und die Ablehnung, die der Türkei in einigen EU-Staaten entgegenschlug, beigetragen. Als das französische Parlament ein Gesetz verabschiedete, das die Leugnung der Massaker an der armenischen Bevölkerung in der Türkei unter Strafe stellte, fühlten sich die Anhänger der türkischen Republik besonders herausgefordert. Die Massaker gehen auf das Konto jener jungtürkischen Bewegung, auf die sie sich positiv beziehen. Erdogan Kritikern ist es nun gelungen, auch die vor allem bäuerliche Bevölkerung aus der Osttürkei, die von einer EU-Mitgliedschaft wirtschaftliche Nachteile befürchtet, unter nationalistischen Losungen zu mobilisieren. Auf die Gefahr, dass die EU-Skepsis von Teilen der Bevölkerung in der Türkei von Nationalisten instrumentalisiert werden könnte, haben Beobachter schon seit Jahren hingewiesen. Zankapfel Nordirak Nicht nur mit der EU sind die nationalistischen Kreise in der Türkei unzufrieden. Immer lauter werden die Rufe nach einem militärischen Eingreifen im Nordirak. Damit sollen Basen der ehemaligen Kurdischen Arbeiterpartei PKK zerschlagen werden. Doch darüber hinaus soll mit einer solchen Militäraktion deutlich gemacht werden, dass man einen autonomen Kurdenstaat an der eigenen Grenze nicht duldet. Mit dieser Ablehnung sollen ähnliche Ansprüche der Kurden in der Türkei verhindert werden. Darüber hinaus sieht man sich als Interessenvertreter der türkischen Minderheiten in Nordirak, die sich von den Kurden bedrängt sehen. Vor allem der Anspruch der kurdischen Regionalregierung auf die Stadt Kirkuk, wo ein Großteil der türkischen Minderheit lebt, wird von den türkischen Nationalisten als offene Kampfansage betrachtet. Die US-Regierung hat schon mehrmals in direkten Gesprächen mit Vertretern der Türkei den Konflikt zu entschärfen versucht. Ihr kann an einem neuen Krisenherd, ausgerechnet im relativ befriedeten Nordirak, nicht gelegen sein. Doch der Einfluss der USA auf die türkische Politik ist begrenzt. Das zeigte sich schon vor dem Irakkrieg, als die Türkei sich weigerte, zum Aufmarschgebiet für das US-Militär zu werden. Die Stimmen, die einen schnellen Einmarsch in den Nordirak fordern, werden lauter. Erst vor wenigen Tagen hat auch das türkische Militär ganz offen diese Forderung unterstützt (4). Auf der gleichen Sitzung wurde Erdogan deutlich gemacht, dass seine Präsidentschaftskandidatur nicht erwünscht ist. Auch der aktuelle türkische Präsident Ahmet Necdet (5), dessen Amtszeit im Mai endet, hat sich gegen Erdogan als seinen Nachfolger ausgesprochen. Erdogan hat noch bis 25. April Zeit für eine Entscheidung. Dann läuft die Frist für die Präsidentenbewerber aus. Die erstarkte nationalistische Rechte wird ihm das Regieren, egal in welcher Position, allerdings nicht mehr so leicht machen wie bisher. Sie ist ein ernstzunehmender Faktor in der türkischen Innenpolitik geworden.
LINKS
(1) http://www.biyografi.info/kisi/recep-tayyip-erdogan (2) http://www.turkishdailynews.com.tr/article.php?enewsid=70808 (3) http://www.akparti.org.tr/ (4) http://www.todayszaman.com/tz-web/detaylar.do?load=detay&link=108268 (5) http://Sezer::www.haberler.com/ahmet-necdet-sezer/biyografisi/ |