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ND09.03.07Einzelhandel vor harter Tarifrunde
Gewerkschafter: »Deutliche Lohnerhöhung nötig, aber wohl unrealistisch«
Von Peter Nowak
In der Tarifrunde im Einzelhandel stehen harte Verhandlungen bevor. Doch die Gewerkschaften fürchten um ihre Kampagnenfähigkeit. Vor allem bei Discountern sind die gewerkschaftlichen Strukturen geschwächt.
»Die Kollegen können nicht mehr weiter ausgewrungen werden. Sie sind schon jetzt am Ende ihrer Kräfte.« Mit diesen drastischen Worten beschreibt Achim Neumann die Situation der Beschäftigten im Discounthandel. Neumann neigt nicht zu Schwarzmalereien. Der langjährige Sekretär der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) betreut zur Zeit im ver.di-Bundesvorstand die Schlecker-Kampagne. Bei der Handelskette soll die gewerkschaftliche Organisierung gestärkt werden. Das ist nach Meinung des Gewerkschafters auch bitter nötig. Denn im Einzelhandel stehen entscheidende Tarifverhandlungen an. Bundesweit beginnen sie im Mai, im Land Berlin im Juli.
Nachdem die Arbeitgeber den Manteltarif für die über 2 Millionen Beschäftigen gekündigt haben, bereiten sich beide Seite schon jetzt auf langwierige Auseinandersetzungen vor. Streiks sind nach der Einschätzung von Neumann keineswegs ausgeschlossen.
Zur Zeit seien die Discounter ein Mekka des Niedriglohns, so Neumann. Die Arbeitgeber wollen diesen Trend noch verstärken. Nach ihren Vorstellungen sollen vor allem Zuschläge wie das Urlaubsgeld wegfallen. Auch die Arbeitszeiten sollen weiter erhöht werden. Damit würde ein Niedriglohnsektor etabliert, in dem die Gewerkschaften um ihre Kampagnenfähigkeit fürchten müssen. Denn neben offen gewerkschaftsfeindlichen Praktiken wie sie von Handelsketten wie Schlecker und Lidl bekannt sind, behindern die Veränderungen im Arbeitsprozess eine starke gewerkschaftliche Interessenvertretung. »Die Beschäftigten sind in Einzelhandelsketten wie Aldi, Norma, Schlecker oft völlig auf sich allein gestellt«, berichtet Neumann. Durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten würden sich die Beschäftigten kaum begegnen.
Durch den Fall der Ladenschlussgesetzte haben sich zudem die Öffnungszeiten bis in den späten Abend ausgedehnt. Für Gewerkschaftstreffen bleibe da keine Zeit mehr. Erschwerend komme hinzu, dass viele Beschäftigte in dieser Branche mehrere Arbeitsplätze auf Teilzeitbasis haben. So sei es nicht selten, dass sie am Wochenende oder nachts im Zweit- oder oft sogar Drittjob arbeiten müssen.
Noch hat die Gewerkschaft ver.di ihre Forderungen nicht bekannt gemacht. Doch der bayerische Tarifexperte Michael Wendl warnt vor zu großem Optimismus. Eine deutliche Lohnerhöhung wäre dringend nötig. Doch realistischerweise wäre es schon ein Erfolg, wenn man am Ende an die zwei Prozent herankommen würde.
Denn der vielgerühmte Wirtschaftsaufschwung geht an der Branche bisher vorbei. »Infolge der schwachen Binnennachfrage gibt es im Einzelhandel einen harten Wettbewerb und der Druck auf die Arbeitskosten ist hoch«, so Wendl. Sein Berliner Kollege Neumann setzt deshalb bei den anstehenden Tarifauseinandersetzungen auf die innergewerkschaftliche Solidarität. Die müsse bei verdi beginnen. »Wie wir im Handel jetzt mit den Telecom-Beschäftigten solidarisch sind, so werden die auch für unsere Interessen eintreten«, ist der langjährige Gewerkschaftler überzeugt. Schließlich gehe es bei den Tarifauseinandersetzungen auch um eine Grundsatzfrage: Wie kampagnenfähig ist eine Gewerkschaft in diesem Sektor überhaupt noch?